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Neue Häuser : Mach mehr aus deinem Typ!

Neubau: Gezielt plazierte Öffnungen setzen den Raum ins rechte Licht. Bild: Michael Kretzer

Ein Haus wie viele: aus den fünfziger Jahren, charmant, aber alt und verbaut. Doch mit Fingerspitzengefühl und Können lässt es sich in ein Schmuckstück verwandeln.

          5 Min.

          Sie sind der Traum vieler junger Familien in diesem Land: freistehende Einfamilienhäuser in gewachsener Nachbarschaft, am Rand der Stadt gelegen, zugleich jedoch bestens ans Zentrum angeschlossen. Vor allem Siedlungshäuschen aus den fünfziger Jahren mit ihren großzügigen Gärten erfüllen diesen Wunsch nach mehr Platz und Grün, ohne dass man dafür ans Ende der Welt ziehen muss.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So war es auch bei Carina und Roland Bieber. Vor vier Jahren machten sich die beiden im Großraum Frankfurt auf die Suche nach einem Haus für ihre wachsende Familie. Ein Kind hatten sie, das zweite war unterwegs. Wie das so ist, Angebote gab es, doch kaum eines passte. Und wenn doch, dann lauerte irgendwo ein Haken. Einmal zum Beispiel gefiel ihnen ein Haus, in dem Asbest verbaut war, was die beiden zum Glück rechtzeitig bemerkten. Ein anderes Mal verlangte der Verkäufer ein Drittel des Kaufpreises in bar. Ein solches Geschäft aber kam für die Biebers nicht in Frage. Sie zogen daraus für sich die Lehre, dass gerade weil die Suche eines Eigenheims emotional aufreibend ist, man den Zeitpunkt zum Absprung aus der Verhandlung nicht verpassen darf.

          Schließlich fanden sie ihr heutiges Haus. Der mittlerweile mehr als sechzig Jahre alte Bau, in einer ruhigen Wohnstraße in Bad Homburg gelegen, gefiel ihnen spontan. „Wir dachten sofort, da lässt sich doch etwas draus machen“, erinnert sich Roland Bieber. Doch zunächst bestellten sie einen Gutachter, der die allgemeine bauliche Qualität und einen Feuchteschaden untersuchen sollte. „Dazu kann man nur raten, die paar hundert Euro sind gut investiertes Geld“, sagen die Biebers.

          Im Zweifelsfall einen Sachverständigen fragen

          Beide haben ursprünglich selbst Architektur studiert, arbeiten heute aber in anderen Berufen. Für sie war es selbstverständlich, einen Fachmann hinzuzuziehen. „Der hat in seiner Laufbahn schon 100 Häuser aus den Fünfzigern gesehen und kennt anders als wir deren Eigenheiten und typischen Schwächen“, stellt Carina Bieber klar. Der Gutachter gab Entwarnung. Das Ehepaar kaufte und nahm Kontakt zum Frankfurter Büro o5 Architekten Raab Hafke Lang auf, das ihnen Freunde empfohlen hatten. Denn für die Bauherren stand von Anfang an fest, dass sie das Vorhaben auf keinen Fall selbst in die Hand nehmen wollten. Es folgten Wochen intensivster Auseinandersetzung mit den Architekten über den Altbau und die Möglichkeiten, die er bot.

          Ganz einfach war die Ausgangslage nicht: Das zweigeschossige Haus ist in Hanglage gebaut. Der Eingang liegt im Süden zur Straße hin, das Kellergeschoss dagegen ebenerdig zum Garten im Norden. Wie meist bei diesen Häusern wünschen sich die neuen Bewohner einen Anbau, um mehr Platz und ein großzügigeres Raumgefühl zu gewinnen. Für o5-Architekt Ruben Lang stellten sich daher zwei zentrale Fragen: Welche baulichen Vorzüge des Altbaus können erhalten, ja durch die Sanierung womöglich besser herausgearbeitet werden, und wie bringt man genügend natürliches Licht in den gen Norden ausgerichteten neuen Teil?

          Welche Vorzüge hat der Altbau?

          Mit den Biebers war er sich einig, dass die Raumstruktur im Obergeschoss des Altbaus mehr oder weniger so belassen werden sollte, wie sie war, und im Dachgeschoss zwei größere Zimmer für die Kinder entstehen sollten. Auf diese Weise hat nun jedes der mittlerweile drei Kinder sein eigenes Zimmer. „Diese Räume wie auch das Schlafzimmer müssen nicht übermäßig groß sein, Hauptsache, jeder hat in Zukunft einen Platz, an dem er mal für sich sein kann“, sagt Roland Bieber. Denn derzeit schlafen die Kinder noch in einem gemeinsamen Raum.

          Zu den prägenden Elementen des Hauses gehört die schlichte, aber schöne Holztreppe, die gleich vom Eingang des Hauses nach oben führt. Sie ebenso wie das alte Parkett zu erhalten war für alle Beteiligten keine Frage. „Heute würde man eine Treppe nicht mehr so bauen“, merkt Architekt Lang an. „Aber wenn man sich mit einem Bestandsgebäude auseinandersetzt, geht es immer um die Frage, welche Ressourcen das Haus mit sich bringt, die wir in der Zukunft nutzen können. Wenn man alles anders haben will, dann kann man letztlich auch gleich neu bauen.“

          In seinem Entwurf hat er den kleinteiligen Räumen des Siedlungshäuschens einen einzelnen großen Raum als Erweiterung gegenübergestellt. Die „Halle“, wie die Hofmans den neuen Teil scherzhaft nennen, bringt eine Offenheit, die dem alten Haus fehlte. Der Anbau aber, und das hebt ihn von der Mehrzahl all jener neuen Trakte ab, um die für gewöhnlich alte Häuser erweitert werden, ist das Ergebnis so durchdachter wie gelungener Planung. Denn das Büro o5 hat nicht einfach einen neuen großen Raum mit den üblichen Glasfronten geschaffen. Vielmehr haben die Architekten die Hangsituation geschickt ausgenutzt, so dass man die „Halle“ von oben betritt - und sie dadurch in ihrer vollen imposanten Höhe von mehr als 5 Metern erleben kann.

          Eine „Mehrzweckhalle“ für die ganze Familie

          Ins Haus selbst gelangt man durch den Eingang an der Straße. Ein Flur führt zur Wohnküche und weiter zum Essbereich. Anders als im Obergeschoss wurden hier Wände weggenommen, um fließende Übergänge zu schaffen. Über ein bodentiefes quadratisches Fenster öffnet sich der Raum hin zum Anbau. Anders als man erwarten könnte, reicht der Blick jedoch nicht hinaus ins Freie. Das hatte den Bauherren anfangs nicht behagt. Doch Lang warb für eine andere Lösung. „Klar, das Haus muss sich zum Garten öffnen, aber ebenerdig“, sagt er. Effektiver für die Belichtung als ein Riesenfenster zum Garten hin ist die gewählte Variante, den Raum durch ein Oberlichtband zu erhellen. Durch dieses kommt den ganzen Tag Licht auf die Nordseite des Hauses. Besonders schön ist es, wenn die Morgensonne ihre Strahlen in die „Halle“ schickt. „Wir sind froh, dass wir da auf den Architekten gehört haben“, gesteht Roland Bieber im Rückblick.

          Die Begeisterung ist ihm anzumerken, wenn er den einerseits schlichten, aber in seinen Details doch interessanten Anbau präsentiert. Er freut sich über die großen weißen Flächen, die der Raum bietet, denn sie sind der ideale Platz um Kunstwerke aufzuhängen. Doch ist der Anbau keineswegs nur Ausstellungsraum, an dem ausschließlich die erwachsenen Bewohner ihre Freude haben. Vor allem dient er den drei Kindern der Familie und ihren Freunden als großes Spielzimmer. Auch sie profitieren von der stattlichen Höhe des Raums, von dessen Decke Ringe und Taue hängen. Dieser Tage haben die Eltern außerdem Matten, Bock und Kasten aufgestellt. Auch eine Bank wie aus der Turnhalle steht zum Ausruhen oder Balancieren bereit. „Manchmal verwandelt sich hier alles in eine große Baustelle, wenn Bausteine ausgeräumt werden, oder in einen Festsaal, wenn wir feiern“, erzählt der Hausherr.

          Hoher Aufwand für energetische Sanierung

          Doch der neue Teil des Hauses beherbergt mehr als nur die „Mehrzweckhalle“. Auf Gartenniveau gibt es überdies ein offenes kleines Kaminzimmer, auf Erdgeschossniveau einen verglasten Arbeitsplatz, von dem aus man den Trubel in der Halle beobachten kann und von dem aus man eine Loggia erreicht. Diese ist in einer der Ecken des Anbaus plaziert und verhindert so, dass dieser zu wuchtig auftritt. Überhaupt stellen die gezielten Öffnungen Bezüge zwischen Alt- und Neubau wie Innen- und Außenraum her.

          Die vorhandenen Fensteröffnungen sind im Prinzip nicht verändert worden. Im Zuge der energetischen Sanierung erhielt der Bau Holz-Alu-Fenster mit einer Drei-Scheiben-Isolierverglasung. Überhaupt die Gebäudehülle. Bei Bauaufgaben wie diesen steht sie für Bauherren und Architekten im Mittelpunkt der Überlegungen. Wie viel soll, will und muss man unternehmen? Ehepaar Bieber hatte den Anspruch, dass sein neues Zuhause energetisch möglichst optimal und komfortabel sein sollte. Mit 05 Architekten wählten die Bauherren ein Büro, das sich mit dem Thema energetische Sanierung schon intensiv auseinandergesetzt hatte. Das Haus wurde mit einer raumlufttechnischen Anlage mit hohem Wärmerückgewinnungsgrad ausgestattet. Der voluminöse Pufferspeicher für Heizung und Warmwasseraufbereitung wird von einem Gasbrennwertgerät mit Solarthermieunterstützung gespeist. Das Ziegelmauerwerk des Siedlungshäuschens sowie der neue Massivbau erhielten eine Dämmung aus Mineralwollplatten, der Dachstuhl des Altbaus eine Zwischen- und Aufsparrendämmung. Durch diese Mittel ist es gelungen, die Vorgaben der Energieeinsparverordnung um 30 Prozent zu unterschreiten, sagt Architekt Lang.

          Sympathisch ist, dass dieser erhebliche Aufwand gestalterisch nicht ins Auge fällt. Zur Straße hin ist das Haus immer noch als das zu erkennen, was es war: ein Siedlungshäuschen aus den Fünfzigern. Zudem wurde es von einigen baulichen Auswüchsen und Übertreibungen befreit, die über die Jahre die vorherigen Besitzer dem Bau hatten angedeihen lassen. Zurückhaltend reiht es sich heute in die Nachbarschaft ein und zeigt, wie man Eindruck machen kann, ohne zu protzen. Die Fassade erhielt, typisch für das Wohngebiet, einem weißen Putz. Das Dach decken anthrazitfarbene Betonsteine. Als Zitat an die bauliche Tradition hat der Architekt die Dachrinne - anders als derzeit in Mode - nicht versteckt, sondern ihr einen minimalen Überstand gegönnt. All das macht das Haus der Familie Bieber zu einem gelungen Beispiel, wie man einen solchen Bau sanieren und für heutige Ansprüche weiterentwickeln kann.

          Das Haus kurz und knapp

          Baujahr 1953/2012

          Bauweise Altbau in Ziegelbauweise, Neubau Massivbauweise

          Energiekonzept Gasbrennwertgerät mit Pufferspeicher, raumlufttechnische Anlage, Solarthermie für Heizungs- und Warmwasserunterstützung

          Wohnfläche 210 Quadratmeter

          Baukosten (ohne Grundstück) 460 000 Euro

          Standort Bad Homburg

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