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Tokio liegt in Oberfranken

Von JUDITH LEMBKE, Fotos von TOBIAS SCHMITT

17. Juli 2020 · Ortskern statt Neubaugebiet – das Holzhaus einer Architektenfamilie ist nicht nur wegen der Standortwahl vorbildlich.

Ein Grundstück, zwei Häuser, drei Familien aus drei Generationen in drei Wohneinheiten – so fasst Miriam Lebok ihr außergewöhnliches Bauprojekt zusammen, das die Großfamilie vor drei Jahren begonnen hat und das im August mit dem Einzug von Leboks jüngerer Schwester endet.

Das Vorderhaus wurde ersetzt. Die Werkstatt im Hintergrund ausgebaut.
Das Vorderhaus wurde ersetzt. Die Werkstatt im Hintergrund ausgebaut.
Dabei stand die Familie vor ein paar Jahren vor einem sehr gewöhnlichen Problem, das sie mit vielen anderen in ländlichen Regionen teilt: Nachdem die Töchter zum Studium in die Ferne gezogen und die Großeltern gestorben waren, stand der größte Teil der Immobilie im oberfränkischen Flößerdorf Neuses, einem Ortsteil der Kleinstadt Kronach, leer. Im vorderen Teil des Grundstücks hatten Leboks Großeltern und Urgroßmutter in einem verwinkelten Altbau gelebt. Im hinteren Teil lag die Schreinerei des Großvaters, dessen Dachstuhl Leboks Eltern in den siebziger Jahren zur Wohnung ausbauten und in dem sie noch immer wohnen. Nach dem Tod der Großeltern blieben das vordere Haus und die Schreinerei jahrelang verwaist.


„Zunächst wollten wir Wohnungen ins Vorderhaus bauen und vermieten“, sagt Lebok. Sie und ihr Mann Michael Bender sind beide Architekten und konnten sich lange nicht vorstellen, das pulsierende Rhein-Main-Gebiet zu verlassen, um ins beschauliche Kronach zu ziehen. Doch dann wurde ihre erste Tochter Greta geboren und veränderte ihre Perspektive. Die Vorstellung, im Dorf zu wohnen, in dem jeder jeden kennt und mit Leboks Eltern direkt um die Ecke, erschien plötzlich verlockend. Zudem entschied sich Lebok dazu, ihren Job in Frankfurt aufzugeben und in das Architekturbüro ihres Vaters in Oberfranken einzusteigen, der sich aus Altersgründen zurückziehen wollte.


Gleich am Anfang fällte das Paar die erste ungewöhnliche Entscheidung: Anstatt sich günstiges Bauland auf der grünen Wiese zu kaufen, entschlossen sie sich dazu, im Dorfkern auf dem schmalen Grundstück der Eltern zu bauen – und nahmen damit auch viele Restriktionen in Kauf, die es im Neubaugebiet nicht gegeben hätte. „Wir wollten die Dorfmitte durch Nachverdichtung stärken und nicht unnötig Fläche verbrauchen“, begründen beide den Schritt.

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