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Neue Häuser (6) : Die klassische Wohnkiste

Mitten im alten Ortskern von Diesdorf liegt das Haus gut verborgen Bild:

Quadratisch, praktisch, modern: Die Magdeburgerin Kathrin Zänker liebt die Architektur der Moderne. Für die Ärztin kam daher nur ein Neubau ohne Schnickschnack in Frage.

          5 Min.

          Kathrin Zänker hat ihr Haus gut versteckt. Wer im Westen Magdeburgs durch den beschaulichen Kern des Stadtteils Diesdorf spaziert, findet den Neubau nicht ohne weiteres. Dabei tanzt das gut ein Jahr alte Wohnhaus im Vergleich zu seiner Umgebung architektonisch ganz schön aus der Reihe. Quadratisch, praktisch, modern - so steht der zartgraue Kubus, der im Sonnenlicht fast weiß erscheint, unter alten Gehöften, Fachwerkhäusern und gedrungenen Einfamilienhäusern mit klassizistischem Dekor. Seltsamerweise wirkt er in diesem reichlich betagten Ensemble jedoch nicht störend, sondern nur überraschend anders.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das mag daran liegen, dass zur Straße hin ein großes Tor zunächst den Blick verwehrt. Öffnet es sich, beschert der Anblick dem Betrachter ein Aha-Erlebnis. Ziemlich genau in der Mitte eines langgestreckten Grundstücks liegt ein Haus jenes Typs, der von Anhängern dieses Stils wohlwollend, von den Gegnern abwertend als Kiste bezeichnet wird. Es ist ein schlichter zweigeschossiger Bau mit Flachdach, dessen äußerer Reiz sich nicht zuletzt durch den Kontrast zur alten Scheune in unmittelbarer Nachbarschaft entfaltet. Hier der fast herrschaftliche historische Zweckbau mit Denkmalstatus, dort das funktionale Wohnhaus von demonstrativer Bescheidenheit.

          "Etwas anderes als ein Haus dieses Typs wäre für mich nicht in Frage gekommen", sagt die Bauherrin. 2002 war die gebürtige Magdeburgerin mit ihrem Sohn zur Miete in ein Reihenhaus im Bauhausstil gezogen. Dort hätte sie eigentlich auch weiter wohnen bleiben können - und wollen, erzählt sie. Die Nachbarschaft war nett, das Haus komfortabel und hell, ganz nach ihrem Geschmack. Mit dem Eigentümer, so meint sie, hätte sie sich schon auf einen akzeptablen Kaufpreis einigen können. Und für Ehemann Ulrich Müller, mit dem sie seit 2005 ein Paar bildet, wäre auch noch Platz gewesen. Zumal Müller unter der Woche in Berlin lebt, wo er eine Architekturgalerie betreibt.

          Durchblick: Der Wohnraum im Erdgeschoss öffnet sich nach Nord wie Süd
          Durchblick: Der Wohnraum im Erdgeschoss öffnet sich nach Nord wie Süd : Bild: Andreas Pein

          „Grundstück zu verkaufen“

          Doch dann kam jenes Wochenende vor etwa drei Jahren, an dem das Ehepaar durch das ländliche Diesdorf radelte und das Schild mit der Aufschrift "Grundstück zu verkaufen" sah. Kathrin Zänker kann im Rückblick gar nicht mehr genau sagen, warum sie damals vor dem großen Tor anhielten und von dem Angebot angesprochen wurden. "Denn Bauen war bis zu diesem Tag eigentlich keine Option für mich." Doch irgendetwas habe sie angezogen - obwohl das Anwesen, als sie es besichtigten, nur wenig ansprechend gewesen sei.

          Damals stand noch ein schmales, ziemlich kaputtes, kleines Wohnhaus zur Straßenseite hin. Und dort, wo heute der Neubau ist, befand sich eine zwar charmante, aber ebenfalls völlig marode ehemalige Tischlerei mit Schuppen. "Und? Kannst du Dir vorstellen, dass man daraus etwas machen kann?" So fragte Ulrich Müller seine Frau. Zu seiner wie auch ihrer eigenen Verblüffung lautete die Antwort: Ja. Gut ein Jahr verhandelten sie mit dem Vorbesitzer, bis der Kauf des 860 Quadratmeter großen Grundstücks möglich war. Ursprünglich wollte der Eigentümer gleich die zweite, angrenzende Parzelle mit veräußern. Daran aber hatte Kathrin Zänker kein Interesse.

          Als der Kauf endlich besiegelt war, begannen zunächst die Abbrucharbeiten. "Im Prinzip hatten wir ja eine Müllhalde gekauft", beschreibt die 48 Jahre alte Medizinerin den Zustand, in dem sich das Grundstück befand. Die zuständige Baubehörde genehmigte einen Neubau exakt auf der Fläche der früheren Tischlerei. Die Nachbarn stimmten dem Plan zu, die Ostseite des Hauses direkt auf der Grundstücksgrenze zu errichten. Da der inzwischen erwachsene Sohn in Berlin studiert, wo auch Ulrich Müller die Wochentage verbringt, waren vor allem die Wünsche Kathrin Zänkers für die Raumplanung maßgeblich. "Ich liebe es übersichtlich", gibt die Ärztin über ihre Raumbedürfnisse Auskunft.

          Weniger ist mehr

          Weder das Verspielte noch das Gemütlich-Rustikale liegen ihr. Auf keinen Fall wollte sie ein Haus aus dem Katalog. Was nicht zuletzt auch daran lag, dass zwei ihrer Freundinnen - ohne von der Wahl der anderen zu wissen - sich für exakt das gleiche Hausmodell entschieden hatten. Außerdem wollte die Magdeburgerin durchaus ein Zeichen gegen die in ihrem Freundeskreis verbreitete "Krüppelwalmdach-Mentalität" setzen. Das ist ihr gelungen.

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