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Neue Häuser 2013 : Viel mehr als nur ein Haus

Zarte Rundung statt grober Klotz: Das Werkhaus Schütze am Ortsrand von Gerswald zieht die Blicke auf sich. Bild: Thomas Heimann

Ein Mann hat die Nase voll von Berlin und kauft eine LPG-Halle in der Uckermark. Die mausert sich durch den Umbau zur kleinen architektonischen Attraktion. Der Bauherr holt sich den Wald und einen Wasserfall ins Haus. Wenn nur das Geld nicht so knapp wäre!

          Es gibt Geschichten, die muss man erzählen, auch wenn das Ende noch offen ist, denn sonst erzählt man sie vielleicht nie. Die von jenem Bauherrn zum Beispiel, der auszog in die brandenburgische Provinz, um sich dort an den Bau eines ganz eigenwillig schönen Hauses zu wagen, das mehr ist als nur sein Zuhause. Dieser Mann lebt vom und mit Holz. Stapelweise verbaut er es. Aber damit nicht genug, hat er sich den Wald ins Haus geholt. Natürlich nicht im wörtlichen Sinn. Doch der Reihe nach.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Mann, um den es geht, heißt Gerhard Schütze. Er ist 50 Jahre alt, hat ursprünglich Kunst studiert, von seinem Vater in Heidelberg das Instrumentebauen gelernt. Seit einigen Jahren tischlert er, ohne geprüfter Tischler zu sein, Stühle, Betten, Schränke, Einbauküchen und dergleichen. Erst mit Kollegen zusammen in Berlin, seit kurzem in seinem eigenen Betrieb in Gerswalde, wo er nun eine alte LPG-Halle Schritt für Schritt in sein Werkhaus umbaut: in einen Ort zum Wohnen und Arbeiten für sich und andere.

          Das ist ein großer Plan, und er ist nicht einfach zu verwirklichen. Denn Gerhard Schütze ist weitgehend Einzelkämpfer, der einen erheblichen Teil des Baus in Eigenleistung stemmt. Zuerst hat er die Werkstatt ausgebaut und während dieser Zeit in einem Bauwagen auf einem Bauernhof geschlafen. Als die Werkstatt fertig war, ist er ins Lager gezogen. Dann hat er den Showroom ausgebaut, das darüberliegende Büro und die kleine, angrenzende Meisterwohnung mit Küche und einer Schlafstatt ganz aus Holz. Im Sommer 2011 hat Schütze damit begonnen, wann er fertig wird, steht in den Sternen.

          „Hier geht nicht auf geradem Weg“

          Der Bauherr ist ein Mann mit Gespür für Holz, der sich darauf versteht, Schubladen aus Mahagoni zu fertigen, die sich so zart anfühlen, dass man sie streicheln möchte, oder Schiebetüren, die so passgenau sitzen, dass sie ganz eins mit der Wand scheinen. Auch kann der Mann ranklotzen bis zum Umfallen. Was in seinem Fall nicht nur so ein dahingesagter Spruch, sondern während der Bauphase wirklich passiert ist. Einmal stürzte er so schwer, dass nicht klar war, ob er jemals wieder auf die Beine kommen würde.

          Doch Gerhard Schütze ist einer, der sich aufrappelt, wenn alle schon denken, das war’s jetzt, und sich wieder rankämpft. Er hat aber auch eine Künstlerseele und einen Kopf voller Ideen, und man tritt ihm gewiss nicht zu nahe, wenn man sagt, dass die generalstabsmäßige Planung eines solchen Projekts nicht die größte seiner Stärken ist. Außerdem hat das aufwendige Vorhaben seinen Preis, und Gerhard Schütze ist nicht Krösus.

          „Hier geht einfach nichts auf geradem Weg“, sagt sein Architekt Thomas Kröger, der den Um- und Ausbau der alten Produktionshalle geplant hat. Kröger begleitet den Bau mit Spannung. „Man kann sich an so einem Projekt auch zu Tode renovieren, aber dann kommt man nicht mehr zum Tischlern, und Geld verdienen muss ich schließlich auch“, sagt Schütze dazu und stellt klar, dass der Architekt und er die Dinge bisweilen mit unterschiedlichen Augen sehen.

          Ein Ort zum Durchatmen

          Zusammengekommen sind sie trotzdem. Die beiden kennen sich, seit er mal für eines von Krögers früheren Projekten die Holzarbeiten übernommen hatte. Und dann, als Schütze den Gewerbebau, den die LPG Gerswalde hinterlassen hatte, für sich entdeckte, rief er Kröger an, ob der sich die Sache nicht mal ansehen könne. Damals hatte Gerhard Schütze die Nase voll von Berlin, dem Getue dort, der ganzen Selbstdarstellerei - und wollte nichts wie weg, dahin, wo man durchatmen kann. Dass es ihn so weit hinaus aufs Land verschlagen würde, das hatte er nicht geplant.

          Stellt man sich Berlin als Ziffernblatt einer Uhr vor, dann suchte er im Radius zwischen Zwölf und Drei, zunächst bei Bernau und Wandlitz, dann weiter Richtung Nordosten. Als er in Schorfheide ankam, war ihm klar: Er muss noch weiter weg, in die Natur, wo er sehen kann, wie das Holz wächst und der Wind über die Hügel streicht, das Wasser der Seen kräuselt und wo einen anders als in der großen Stadt das Außen nicht mehr verletzt, wie Schütze es ausdrückt. So kam er in die Uckermark.

          Er hatte Glück, dass der Europäische Landwirtschaftsfonds einen Zuschuss gewährte, weil im Werkhaus drei bis vier Angestellte arbeiten sollen, und dass Kröger sich für das Vorhaben begeisterte. Auch für den Architekten hat die Sache ihren Reiz. „Zu sehen, wie einer vom Material her denkt und mit welcher Präzision er arbeitet, ist eine Bereicherung“, sagt der.

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