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Neue Häuser 2013: Raum für Musik : Klangkörper der Geschichte

Schön sachlich: Zeugnis einer Architekturbewegung Bild: Jean-Luc Valentin

An die Historie anknüpfen - den Frankfurtern Petra Wörner und Simon Enke ist das durch die Sanierung ihres Atelier-und Wohnhauses aus der Zeit des Neuen Bauens gelungen.

          5 Min.

          Von Liebe auf den ersten Blick kann keine Rede sein. Vielmehr hat es eine ganze Weile gedauert, bis die Mitglieder der Familie Enke-Wörner begriffen, wie gut das in einer ruhigen Wohnstraße in Frankfurt-Eschersheim gelegene Haus zu ihnen passt - oder sie zu ihm.

          Birgit Ochs
          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor 15 Jahren sind die vier in das Atelier- und Wohnhaus gezogen, das die Planer Eduard und Otto Fucker im Jahr 1927 entworfen hatten. Auftraggeber der Brüder war das mit ihnen befreundete jüdische Ehepaar Hanns Ludwig Katz und Franziska Katz-Ehrenreich. Er war expressionistischer Maler, sie Pianistin. Die Kunst sollte in ihrem Zuhause reichlich Platz finden. Die Architekten entwarfen für die beiden ein zweigeschossiges Gebäude, dessen Grundform an eine Box erinnert, an deren einer Seite ein kleiner Turm in die Höhe wächst.

          Im Erdgeschoss liegt neben der zur Straße hin angesiedelten Küche ein fast 45 Quadratmeter großes Zimmer. Dessen fünf riesige Fenster geben den Blick in den Garten frei. In diesem hellen Raum mit seiner gut vier Meter hohen Decke veranstalteten die Bewohner regelmäßig Konzerte. Im Obergeschoss waren neben dem großzügigen Atelier kleine Privaträume untergebracht.

          Der Neubau war ein Exot

          Es war die Zeit des Neuen Bauens. In Frankfurt trieb der Architekt und Stadtbaurat Ernst May den Siedlungsbau voran, um die Wohnungsnot zu lindern. An der Peripherie der Stadt wuchsen die Quartiere für Arbeiter und Angestellte in jenem Stil in die Höhe, der heute unter dem Etikett „Bauhaus“ eine mittlerweile zweifelhafte Karriere gemacht hat: schnörkellos, gradlinig, rational durchgeplant, licht.

          Zu den Architekten, die an dem damaligen Stadterweiterungsprogramm beteiligt waren, gehörten auch die Werkbundmitglieder Fucker. Der Neubau, den die Brüder im radikalen Pioniergeist der Zeit entworfen hatten, war in der gediegenen Umgebung ein Exot. Seine Bewohner, das Künstler-Ehepaar Katz, vertraten in der Nachbarschaft die Boheme. Sie verkehrten mit der Avantgarde, veranstalteten zu Hause regelmäßig Musikabende, die bisweilen der Rundfunk übertrug, und hielten sich auf dem vergitterten Dachgarten des Neubaus Affen. So ging es nicht lange. Sechs Jahre nach dem Einzug starb Franziska Katz-Ehrenreich. Zwei Jahre später verlies Katz das nationalsozialistische Deutschland.

          Die Familie der Architekten übernahm das Haus. Die Jahre vergingen, bis dann 1998 die Planerin Petra Wörner und der Geigenbauer Simon Enke einzogen. Für ihre zwei kleinen Kinder spielte die Geschichte des Gebäudes und seiner ersten Bewohner keine Rolle. Die architekturgeschichtliche Bedeutung war ihnen herzlich egal. Der große, strenge Bau hatte für die Kinder so gar nichts Heimeliges. „Das ist kein richtiges Haus“, klagten sie angesichts des Flachdachs und sehnten sich noch eine ganze Weile zurück in ihr altes Zuhause, das einem Hexenhäuschen geglichen hatte. Auch die Eltern waren zunächst nicht Feuer und Flamme.

          Hier werden Konzerte gegeben: das fast 45 Quadratmeter große Zimmer im Erdgeschoss Bilderstrecke
          Hier werden Konzerte gegeben: das fast 45 Quadratmeter große Zimmer im Erdgeschoss :

          „Im Innern war es über die Jahrzehnte doch ganz schön verbaut worden, ich bin da immer mit meinem Röntgenblick durchgelaufen, mit der Vorstellung, hier aufzuräumen“, erzählt Petra Wörner. Simon Enke hatte den Bau zwar schon jahrelang bewundert, doch sei es ihm nie in den Sinn gekommen, dort zu leben, sagt er. Letztlich lag es dann jedoch vor allem an ihm, dem Geigenbauer, dass die Familie sich hier niederließ. Das kam so: Die Vorbesitzer waren mit dem Ehepaar Wörner und Enke bekannt.

          Eines Tages schlugen sie den beiden vor, als Mieter in das Haus einzuziehen. Den Eigentümern selbst waren 205 Quadratmeter Wohnfläche und der große Garten mittlerweile zu viel geworden. Eine vierköpfige Familie samt Geigenbauwerkstatt aber würde den Raum bestens füllen, fanden sie. Vor allem der damalige Hausherr malte der Familie ihr zukünftiges Leben in dem geräumigen Anwesen aus. Die Geigenwerkstatt sah er als ideale Nutzung der beiden Atelierräume, in denen Katz gemalt hatte.

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