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Neue Häuser 2013 : Elternhaus in Hanglage

Gewonnen: Der Raum für die Küche ist neu und dem Hang abgetrotzt. Bild: Roeder, Jan

Das Grundstück ist schwer zugänglich, der Bauplatz verdammt steil, das Baurecht unklar, und das Umfeld gleicht einem Flickenteppich. Ein Ehepaar aus München und seine beiden Architektinnen hat das zum Glück nicht abgeschreckt.

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          Städte sind ein herrlicher Ort. Meistens. Auf Schritt und Tritt begegnet man steinernen Zeugen der älteren und jüngeren Vergangenheit. Oft kann man entlang der Bauten einer Nachbarschaft den Wandel der ganzen Stadt ablesen. Wer neu ist, muss sich hier seinen Platz erst suchen. Manchmal bricht er mit Altem, macht es klein, wenn nicht gar nieder, manchmal fordert er es heraus, wie es das Privileg der Jugend ist. Andere dagegen knüpfen unaufgeregt an Traditionen an und schreiben die Geschichte einfach fort. Letzteres gilt auch für Gebäude, ein kleines Wohnhaus am Münchner Nockherberg zum Beispiel. So wie es da jetzt in zweiter Reihe steht, eingepfercht zwischen Hang, Vorderhaus und Nachbarsgebäuden, ist es neu. Das sieht gleich, wer die steile Straße von der Straße hinaufsteigt, an dem großen Fenster zum Hof, an der Sichtbetonfassade, aber auch an den noch ziemlich frisch geweißelten Außenmauern. Die Geschichte dieses Hauses reicht jedoch zurück bis ins späte 19. Jahrhundert.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damals, im Jahr 1890, entstand es als Werkstatt, die zu einem Haus am Fuß des Nockherbergs gehörte. Dicht an dicht stehen in der schmalen Straße bis heute die alten Handwerkerhäuser, deren Grundstücke sich den steilen Hügel hinaufziehen. Zu jedem Vorderhaus gehörte so ein kleines Werkstattgebäude. Als die Zeiten schlechter wurden, haben sie sich in kleine Tagelöhnerbehausungen verwandelt. Herbergshäus’l heißen diese Unterkünfte in München. Einst gab es viele davon, heute sind nur noch wenige erhalten, weshalb sie unter Ensembleschutz stehen. Die Herbergshäus’l zeugen von Armut, aber auch von Kreativität. Generationen von Bewohnern haben immer weiter gebaut, um mehr Wohnraum zu schaffen. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen in den Hinterhöfen und Gärten die kleinen Bauten in alle möglichen Richtungen.

          Bunter Flickenteppich

          So entstand am Nockherberg ein bunter Flickenteppich, der sich in zweiter Reihe ausbreitete, in alle Richtungen wuchs, nach allen möglichen Regeln gewebt, nur nicht jenen der Bauordnung. Die Behörden, die Not vor Augen, ließen es einstweilen geschehen, behielten sich aber ein Widerrufsrecht vor. Das heißt, sie konnten die Genehmigung wieder zurückziehen.

          Als Angelika und Martin Hautum im Januar 2011 das kleine Gebäudeensemble aus Vorderhaus, einem heruntergebrannten Hinterhaus nebst einem terrassenförmig angelegten Garten am Nockherberg kauften, waren sie sich daher nicht sicher, inwieweit sie das Herbergshäus’l wieder neu und etwas größer aufbauen können würden. „Da gab es durchaus ein baurechtliches Restrisiko“, sagt Martin Hautum.

          Den heute 49 Jahre alten Münchner und seine Frau hat das nicht abgeschreckt. Die beiden hatten sich mehrere Varianten überlegt, wie sie das Anwesen nutzen könnten. Erfahren hatten sie von dem Objekt durch ihre Tochter Lisa, die Architektin ist und schon in der Nachbarschaft wohnte. Die Hautums suchten damals gerade ein neues Zuhause, nachdem das letzte ihrer vier Kinder die elterliche Wohnung verlassen hatte. Deutlich kleiner sollte es sein und auf jeden Fall in der Stadt liegen.

          Kompaktes, zweigeschossiges Gebäude

          Die Immobilie am Nockherberg eröffnete zudem eine Möglichkeit, an die sie so zuvor nicht gedacht hatten: künftig mit mehreren Generationen zusammenzuwohnen und doch ein Haus für sich ganz allein zu haben. „Wir haben schnell gemerkt, dass das passt und wir einfach die Richtigen für dieses Grundstück sind“, erzählt Angelika Hautum. Sie und ihr Mann hatten Glück, die für sie ideale Variante verwirklichen zu können. Die sieht so aus: Die beiden bewohnen das sanierte und erweiterte Herbergshäus’l, während im Vorderhaus nicht nur Tochter Lisa mit ihrer Familie lebt, sondern auch noch einer der Söhne.

          Lisa Hautum hatte gemeinsam mit ihrer einstigen Kommilitonin und heutigen Kollegin Kristin Leonard die Planung des Vorhabens übernommen. Es war das erste Bauvorhaben für die beiden jungen Architektinnen, das sie in eigener Regie planten und begleiteten. Ihr Büro quartierten sie im Vorderhaus ein - und hatten so die ganze Zeit die Baustelle im Auge.

          Für die Bauherren entwarfen sie ein kompaktes, zweigeschossiges Gebäude, das gewissermaßen aus dem ursprünglichen Werkstattsgebäude erwächst, es erhält, wo es zu halten ist, seine Linien nachzeichnet, es ergänzt, wo es zerstört war, und erweitert. Für alle neuen Teile wählten die beiden Architektinnen einen wärmedämmenden Sichtbeton, den ein Schweizer Unternehmen aus aufgeschäumtem Altglas herstellt. Es ist ein ganz besonderes Material, mit einer lebendig wirkenden und ausgesprochen schmeichelnden Oberfläche.

          Wechselspiel zwischen Alt und Neu

          Tatsächlich ergibt sich aus dem Wechselspiel zwischen Alt und Neu, zwischen Mauerwerk und Holz hier und dem grauen Beton da eine ganz besondere Raumatmosphäre. Beton steht konsequent für das Neue, die Komfortzonen, wie die Architektinnen sagen. Er lässt die Anschlüsse und neuen Leitungen verschwinden, rahmt die Küche, verbindet als Treppe das untere mit dem oberen Stockwerk. Für den alten Teil des Hauses, in dem alle Wohnräume untergebracht sind, sicherten die Hautums alles, was aus der Ruine noch zu retten war. Doch viele Teile wie die sichtbaren Holzbalken im Wohnzimmer mussten sie sich anderswo organisieren.

          Genau genommen, besteht das Haus eigentlich nur aus einem einzigen Raum, der sich aber über zwei Etagen erstreckt. „Wir waren gespannt, wie und ob das funktioniert - und das tut es“, sagt Martin Hartum. Zwar gibt es die Möglichkeit, bei Bedarf Wände einzuziehen, doch bisher halten die beiden Bewohner das nicht für notwendig. Das verblüffende ist, dass die einzelnen Bereiche so etwas wie ein eigenes Raumgefühl entfalten. Das liegt wohl auch daran, dass im alten Gebäudeteil dunkle Holzdielen den Boden bilden, im neuen dagegen eine helle Spachtelmasse auf Zementbasis. Außerdem wurde das Niveau im alten Teil des Hauses abgesenkt, um Raumhöhe zu gewinnen. „Wir mussten uns an der Kubatur der Werkstatt orientieren und durften daher nicht höher bauen“, erläutert Kristin Leonard. So ergibt sich, je nachdem wo im Raum man sich aufhält, ein völlig anderer Eindruck.

          Obwohl das kleine Haus in zweiter Reihe steht und im rückwärtigen Teil des Erdgeschosses keine Fenster hat, ist es in seinem Innern auch an einem trüben Tag hell und freundlich. Denn das Licht fällt hier durch die Dachfenster über die hübsch in Szene gesetzte Treppe, die die Planerinnen extra deshalb im hinteren Teil des Hauses angesiedelt haben.

          Unzugängliches Grundstück

          Belichtung und Raumhöhe gehörten eher zu den kleineren Problemen, die es zu lösen galt. Einiges Kopfzerbrechen bereitete Architektinnen und Bauherren da schon eher die Baustellenlogistik. Das Grundstück ist nur über jene Treppe zugänglich, die von der Straße am Vorderhaus vorbei nach oben führt. Es gibt keine Zufahrt, durch die Maschinen und Material auf die Baustelle befördert werden können. Auf Bagger und Kran mussten die Handwerker daher verzichten. Das bedeutete Handarbeit - und die auf engstem Raum.

          Zunächst galt es, dem Hang zusätzlichen Raum abzutrotzen und ihn zu sichern. Meter für Meter wurde die Erde abgetragen und Abschnitt für Abschnitt mit einer 70 Zentimeter dicken Spritzbetonschicht die Wand stabilisiert. Schließlich musste der Entwurf in den vorbereiteten Bauplatz eingepasst werden. Auch das war unter den gegebenen Bedingungen nicht leicht, der eher zähe Dämmbeton musste Kübelweise über das Vorderhaus herbeigeschafft werden. All das war ein ziemlich großer Aufwand, der sich am Ende jedoch ausgezahlt hat. Und die Bauherren zogen letztlich schon nach knapp acht Monaten Bauzeit in ihr neues Haus ein - das noch genügend Zeit hatte zu trocknen.

          Sie seien froh, dass sie sich an das Vorhaben gewagt hätten, sagen Martin Hautum und seine Frau. Andere Interessenten hatte die unübersichtliche Situation am Nockherberg eher abgeschreckt. Hautum allerdings ist Bauingenieur und genießt in München den Ruf, gründlich zu rechnen - auch was die Kosten angeht. Man darf daher annehmen, dass er die Risiken im Vorfeld überschlagen und den Aufwand recht genau kalkuliert hat. Auch dass sich Handwerker fanden, die bereit waren, diesen einerseits kleinen, andererseits aufwendigen Auftrag anzunehmen, ist wohl ihm zuzuschreiben.

          Stressig, sagt denn seine Frau, sei die Bauzeit nicht gewesen. Und die intensive Auseinandersetzung mit den Plänen ihrer Architektentochter und deren Kollegin - „die hat Spaß gemacht“.

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