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Neue Häuser 2013 : Elternhaus in Hanglage

Für die Bauherren entwarfen sie ein kompaktes, zweigeschossiges Gebäude, das gewissermaßen aus dem ursprünglichen Werkstattsgebäude erwächst, es erhält, wo es zu halten ist, seine Linien nachzeichnet, es ergänzt, wo es zerstört war, und erweitert. Für alle neuen Teile wählten die beiden Architektinnen einen wärmedämmenden Sichtbeton, den ein Schweizer Unternehmen aus aufgeschäumtem Altglas herstellt. Es ist ein ganz besonderes Material, mit einer lebendig wirkenden und ausgesprochen schmeichelnden Oberfläche.

Wechselspiel zwischen Alt und Neu

Tatsächlich ergibt sich aus dem Wechselspiel zwischen Alt und Neu, zwischen Mauerwerk und Holz hier und dem grauen Beton da eine ganz besondere Raumatmosphäre. Beton steht konsequent für das Neue, die Komfortzonen, wie die Architektinnen sagen. Er lässt die Anschlüsse und neuen Leitungen verschwinden, rahmt die Küche, verbindet als Treppe das untere mit dem oberen Stockwerk. Für den alten Teil des Hauses, in dem alle Wohnräume untergebracht sind, sicherten die Hautums alles, was aus der Ruine noch zu retten war. Doch viele Teile wie die sichtbaren Holzbalken im Wohnzimmer mussten sie sich anderswo organisieren.

Genau genommen, besteht das Haus eigentlich nur aus einem einzigen Raum, der sich aber über zwei Etagen erstreckt. „Wir waren gespannt, wie und ob das funktioniert - und das tut es“, sagt Martin Hartum. Zwar gibt es die Möglichkeit, bei Bedarf Wände einzuziehen, doch bisher halten die beiden Bewohner das nicht für notwendig. Das verblüffende ist, dass die einzelnen Bereiche so etwas wie ein eigenes Raumgefühl entfalten. Das liegt wohl auch daran, dass im alten Gebäudeteil dunkle Holzdielen den Boden bilden, im neuen dagegen eine helle Spachtelmasse auf Zementbasis. Außerdem wurde das Niveau im alten Teil des Hauses abgesenkt, um Raumhöhe zu gewinnen. „Wir mussten uns an der Kubatur der Werkstatt orientieren und durften daher nicht höher bauen“, erläutert Kristin Leonard. So ergibt sich, je nachdem wo im Raum man sich aufhält, ein völlig anderer Eindruck.

Obwohl das kleine Haus in zweiter Reihe steht und im rückwärtigen Teil des Erdgeschosses keine Fenster hat, ist es in seinem Innern auch an einem trüben Tag hell und freundlich. Denn das Licht fällt hier durch die Dachfenster über die hübsch in Szene gesetzte Treppe, die die Planerinnen extra deshalb im hinteren Teil des Hauses angesiedelt haben.

Unzugängliches Grundstück

Belichtung und Raumhöhe gehörten eher zu den kleineren Problemen, die es zu lösen galt. Einiges Kopfzerbrechen bereitete Architektinnen und Bauherren da schon eher die Baustellenlogistik. Das Grundstück ist nur über jene Treppe zugänglich, die von der Straße am Vorderhaus vorbei nach oben führt. Es gibt keine Zufahrt, durch die Maschinen und Material auf die Baustelle befördert werden können. Auf Bagger und Kran mussten die Handwerker daher verzichten. Das bedeutete Handarbeit - und die auf engstem Raum.

Zunächst galt es, dem Hang zusätzlichen Raum abzutrotzen und ihn zu sichern. Meter für Meter wurde die Erde abgetragen und Abschnitt für Abschnitt mit einer 70 Zentimeter dicken Spritzbetonschicht die Wand stabilisiert. Schließlich musste der Entwurf in den vorbereiteten Bauplatz eingepasst werden. Auch das war unter den gegebenen Bedingungen nicht leicht, der eher zähe Dämmbeton musste Kübelweise über das Vorderhaus herbeigeschafft werden. All das war ein ziemlich großer Aufwand, der sich am Ende jedoch ausgezahlt hat. Und die Bauherren zogen letztlich schon nach knapp acht Monaten Bauzeit in ihr neues Haus ein - das noch genügend Zeit hatte zu trocknen.

Sie seien froh, dass sie sich an das Vorhaben gewagt hätten, sagen Martin Hautum und seine Frau. Andere Interessenten hatte die unübersichtliche Situation am Nockherberg eher abgeschreckt. Hautum allerdings ist Bauingenieur und genießt in München den Ruf, gründlich zu rechnen - auch was die Kosten angeht. Man darf daher annehmen, dass er die Risiken im Vorfeld überschlagen und den Aufwand recht genau kalkuliert hat. Auch dass sich Handwerker fanden, die bereit waren, diesen einerseits kleinen, andererseits aufwendigen Auftrag anzunehmen, ist wohl ihm zuzuschreiben.

Stressig, sagt denn seine Frau, sei die Bauzeit nicht gewesen. Und die intensive Auseinandersetzung mit den Plänen ihrer Architektentochter und deren Kollegin - „die hat Spaß gemacht“.

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