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Neue Häuser (2) : Schwarzwaldhaus mit hartem Kern

Blick auf die wunderschöne Umgebung: Das Haus besteht weitgehend aus natürlichen Materialien Bild: Hannes Jung

Am Ortsrand der Gemeinde Glatten steht das Holzhaus der Familie Kopf. Es interpretiert den traditionellen Baustil neu, abseits vom „barock speckigen Schwarzwaldstil“, wie der Architekt sagt. Der Kuckucksuhren-Kitsch hat keine Chance.

          5 Min.

          Am Ortsrand der Gemeinde Glatten steht seit kurzem ein Haus, das Schwarzwaldarchitektur von ihrer besten Seite zeigt: traditionsbewusst, doch zeitgemäß; wohnlich-einladend, aber bar jedes schwülstigen Kuckucksuhren-Kitsches. Es ist ein schlichtes Satteldachhaus mit Lärchenverschalung und ohne Dachüberstand, damit das Holz über die Jahre einen gleichmäßigen Grauton annehmen kann. Nicht von ungefähr erinnert es an die kleinen Hütten, die überall in der Gegend auf den Wiesen stehen und in denen die Bauern ihr Heu lagern.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Besonders auffällig sind die quadratischen Fenster des Neubaus. Vor allem zur Westseite hin scheinen sie geradezu über die Fassade springen zu wollen und die Geschosshöhen aufzulösen. Von innen ermöglichen sie weite Blicke auf die umliegenden Tannenwaldhügel – und in den Himmel. Die typischen Schwarzwald-Fensterläden in Grün verleihen dem Baukörper etwas Spielerisches.

          „Es fühlt sich gut an“

          „Wir wollten ein Haus mit Ausstrahlung. Ein besonderes Haus, das aber zur Region passt, aus möglichst natürlichen Baustoffen gebaut. Das haben wir jetzt“ resümiert Bauherr Stefan Kopf. Er, seine Frau Jessica und der drei Monate alte Sohn Noah wohnen erst seit Ostern in ihrem neuen Zuhause. Die Kisten sind noch längst nicht alle ausgepackt. Lampen fehlen, und im Untergeschoss des am Hang gelegenen Gebäudes sind noch nicht alle Räume fertig, von der Anlage des mehr als 1000 Quadratmeter großen Grundstücks ganz zu schweigen. Balkon und Terrasse harren ihrer Befestigung.

          Zu Ostern bezog Familie Kopf ihr neues Zuhause
          Zu Ostern bezog Familie Kopf ihr neues Zuhause : Bild: Hannes Jung

          Eine Baustelle ist das Haus in Küche, Ess-, Wohnzimmer, Bad und Schlafzimmer aber mitnichten. Die junge Familie hat ihr neues Domizil schon geprägt, auch weil sie sich mit dem Neugeborenen momentan in der häuslichen Phase befindet. So haben die Bewohner binnen weniger Wochen auch das Raumklima sowohl an hochsommerlichen wie an regnerisch kühlen Tagen kennengelernt. „Es fühlt sich gut an“, sagen die beiden.

          Als besonders angenehm empfinden sie, dass die Luft nie abgestanden riecht, auch wenn die Fenster über einen längeren Zeitraum geschlossen bleiben. Das liegt teilweise an den überdurchschnittlich hohen Räumen, die sich durch die Galerie, aber auch das steile Satteldach ergeben. Vor allem aber sehen die Kopfs in den atmungsaktiven Baustoffen die Ursache für die insgesamt gute Raumluft.

          Das Gebäude besteht weitgehend aus natürlichen Materialien wie Holz, Lehm und Zellulose als Dämmstoff. Vor allem der Lehm trägt maßgeblich zur guten Raumluft bei. Der Baustoff ist für seine Fähigkeit bekannt, Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben. Dadurch ist die Luft nie zu trocken – oder zu feucht.

          Aus ungebrannten Lehmziegeln gemauert

          Dass das im Haus der Kopfs so gut funktioniert, liegt nicht nur am Lehmputz auf den Innenwänden. Vielmehr verfügt der von Partnerundpartner Architekten entworfene schlichte Holzständerbau im Zentrum über einen Lehmkern, der vom Untergeschoss bis zur Decke der oberen Etage durchgezogen ist. Er ist aus ungebrannten Lehmziegeln gemauert, die für die notwendige Wärmespeichermasse des Leichtbaus sorgen.

          In dem Kern haben die Planer den Kaminofen, die Treppe und die Versorgungsleitungen untergebracht. So ist er für die Organisation des Wohnhauses von zentraler Bedeutung und prägt gleichzeitig fast jeden Raum – in Anlehnung an den Kachelofen in den historischen Schwarzwaldhäusern. Der Kaminofen selbst gibt übrigens zu 50 Prozent Strahlungswärme an den Innenraum ab. Die Restwärme fließt der Warmwasseraufbereitung für die Fußbodenheizung zu.

          Mit Lehm zu bauen, daran hätten sie am Anfang gar nicht gedacht, erzählen die Kopfs. Sie wollten ein Holzhaus – ohne besonderen technischen Aufwand. Eine Lüftungsanlage kam für sie nicht in Frage. Deshalb schlugen Jörg Finkbeiner und Klaus Günter von Planerundplaner Architekten den Einsatz von Lehm vor.

          Ein Zimmermann aus der Gegend hatte das Ehepaar auf das Architektenbüro aufmerksam gemacht. Günter und Finkbeiner kommen ebenfalls aus dem Nordschwarzwald und haben ein Faible dafür, mit regionalen Potentialen zu spielen. Diese Einstellung gefiel Stefan und Jessica Kopf. Als die beiden dann die Internetseite der Planer studierten, begeisterten sie auch die Projekte. Angesichts des Wirkungskreises des Büros kamen aber plötzlich Zweifel, ob sie hier an der richtigen Adresse waren. „Bauten in Barcelona, Berlin und der Entwurf für ein Baumhaushotel in Baiersbronn - das hat uns so beeindruckt, dass wir dachten, unser bescheidenes Häusle in Glatten bauen die uns nicht“, erinnert sich Jessica Kopf. Das Ehepaar verzichtete auf einen Anruf.

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