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Neue Häuser : Ein schnörkelloser Provinztyp

Steile Sache: Am Ortsrand von Ottweiler fällt das Haus der Familie Strobel nicht nur des Satteldachs wegen auf. Entwurf Bayer & Strobel Architekten. Bild: Marcus Kaufhold

Ein Einfamilienhaus im saarländischen Ottweiler zeigt, wie man ohne Kitsch zeitgemäß auf dem Land bauen kann. Es erinnert an eine Scheune, ganz ohne provinziell zu wirken. Manchen Nachbarn ist der streng symmetrische Bau allerdings etwas zu modern.

          5 Min.

          Ottweiler ist eine Kleinstadt im Saarland und neuerdings auch außerhalb der Landesgrenzen im Gespräch. Zum einen, weil die Windenenergiebranche die umliegende Hügellandschaft als idealen Standort für ihre Anlagen entdeckt hat. Zum anderen, weil dort seit nicht einmal zwei Jahren ein Einfamilienhaus steht, das für Aufsehen sorgt. Es kommt nicht so oft vor, dass das Saarland mit zeitgenössischer Architektur auf sich aufmerksam macht. Nun aber heimst ein Haus aus dem Sankt Wendeler Land Lorbeer ein. So hat das Deutsche Architekturmuseum das Gebäude als einen von 22 Neubauten in sein aktuelles Jahrbuch der Besten aufgenommen, weil es „aus dem Bebauungseinerlei“ hervorsteche.

          Birgit Ochs
          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das bedeutet, dass ziemlich viele Menschen das Haus klasse finden, während andere die Stirn kritisch in Falten legen. „Ja“, sagen die Bauherren Lisa und Matthias Strobel, „das Haus polarisiert.“ Denn das, was sie in einem winzigen Neubauviertel am Ortsrand von Ottweiler gebaut haben, entspricht nicht gerade dem, was gemeinhin mit dem Etikett Traumhaus versehen wird. Dafür ist es zu schnörkellos und nüchtern.

          Ein Haus, das heraussticht

          Lang und schmal liegt das Haus des Arztehepaars zwischen seinen Nachbarn. Blickt man von der höher gelegenen Straße hinab, denkt man angesichts des Satteldachs und der fast schwarzen Holzverschalung spontan an eine Scheune. Häuser ähnlichen Typs hat man in jüngerer Vergangenheit in ländlicher Umgebung öfter gesehen: Das Schwarze Haus im uckermärkischen Pinnow nach einem Entwurf von Thomas Kröger ist das bekannteste Beispiel.

          In Ottweiler hat man die Annäherung an die Landthematik noch etwas weiter getrieben. Ähnlich wie ein Scheunentor ist hier auch der Eingang gehalten, der zugleich als Garage dient: ein Ausschnitt aus der Fassade, hausbreit und erdgeschosshoch, ohne Tür und Tor. Ein bisschen erinnert das an ein Fach, aus dem man die Schublade gezogen hat. Nein, von Bebauungseinerlei, Schema F und den Klischees von Landhausromantik kann hier keine Rede sein. Aber je länger man es betrachtet, desto mehr fällt auf, wie gut dieses Haus eigentlich aufs Land und in die Hügellandschaft passt. Es ist ein Provinztyp des frühen 21. Jahrhunderts, doch kein bisschen provinziell. Einer, der nicht mehr sein will, als er ist, aber das, was er ist, selbstbewusst vertritt. Wohltuend unaufgeregt.

          Matthias Strobel ist Ottweiler. Hier ist er aufgewachsen, hier leben seine Eltern. Für eine Weile hatte der Mediziner seiner Heimat den Rücken gekehrt, war nach Norddeutschland gezogen, später zusammen mit seiner heutigen Frau nach Berlin. In der Hauptstadt lebten die beiden anfangs dort, wo es bis vor ein paar Jahren noch beinahe alle Neuankömmlinge hinverschlug: in Prenzlauer Berg. Doch vom Hauptstadttrubel hatten sie schnell genug und suchten sich ein Haus zur Miete am Stadtrand. „Mit Berlin haben wir letztlich immer gefremdelt“, erzählen die beiden, und dass sie daher beschlossen, in Matthias’ alte Heimat zurück zu kehren.

          Weg von der Großstadt, raus aufs Land

          Mit Glück fanden sie das Grundstück in Ottweiler und beauftragten als Architekten Matthias’ Bruder Peter, zweiter Namensgeber des Büros Bayer und Strobel Architekten aus Kaiserslautern. Der sagt, er sei durchaus mit einem gewissen Respekt an den Auftrag herangegangen. „Schließlich kann eine Bauphase sehr belastend sein.“ Doch nur einmal, ziemlich früh, fragten sich Bruder und Schwägerin, ob sie gemeinsam auf dem richtigen Weg seien. „Als wir die zunächst Bausumme gehört haben, mussten wir schlucken“, erinnert sich Matthias Strobel. Sie hatten erwartet, dass ihr Vorhaben günstiger sein würde. Dabei ist der Quadratmeter mit um die 1900 Euro brutto nicht vermessen. Außerdem bietet das Haus mehr als 200 Quadratmeter Wohnfläche. Auch die hat ihren Preis. Wie gut der Bruder kalkuliert hatte, zeigte sich nach Abschluss der Bauarbeiten: Die veranschlagte Summe wurde ziemlich genau eingehalten.

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