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Nachhaltiges Bauen : Ein völlig verkorkstes Haus

Warm, gemütlich, natürlich: Kork ist eine ökologische Alternative zu konventionellen Dämmstoffen. Bild: Ricky Jones

Wie man solide, einfach und mit guter CO2-Bilanz baut, zeigt ein englisches Architektenteam in Eton. Doch eine Frage bleibt offen.

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          Mit seiner erdig-braunen Fassade und einem Dach aus fünf Minipyramiden inmitten einer üppig grünen Umgebung könnte das Haus glatt irgendwo in Südostasien stehen. Tatsächlich liegt der 75 Quadratmeter große Bau 25 Kilometer westlich von London entfernt auf einer Insel in der Themse. Das Fluss-Eiland gehört zur Kleinstadt Eton, berühmt durch das gleichnamige College. Dessen prächtige Kirche, bescheiden Chapel, Kapelle, genannt, bietet mit ihrer gotischen Silhouette einen schönen Kontrast zu dem eigenwilligen Neubau. Der ist deshalb so ungewöhnlich, weil er fast nur aus Kork besteht.

          Reaktion auf hochkomplexen Hausbau

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist ein Novum in der langen und vielfältigen Karriere als Bau- und Werkstoff, die die Zellschicht unter der Rinde der Korkeiche und des Amur-Korkbaums hinter sich hat. Kork kommt bisher vor allem im Gebäudeinnern zum Einsatz. Zum Beispiel als Fußbodenbelag, denn zu seinen Vorzügen zählt, dass er den Trittschall dämpft, warm und gemütlich wirkt. Auch als natürliche Alternative zu Dämmmaterialien auf Erdölbasis wie Styropor ist das Nebenprodukt aus dem Wald gefragt. An den Innen- und Außenwänden schützt er ein Gebäude nicht nur vor Wärmeverlust, er ist zudem diffusionsoffen, kann also Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben. Genau diese Eigenschaften haben sich die an dem Bau des Kork-Haus-Prototyps Beteiligten in Eton zunutze gemacht.

          Das Projekt ist eine Reaktion auf den mittlerweile hochkomplexen Hausbau, die Vielzahl der Materialien, die innen und außen zum Einsatz kommen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Der Neubau auf der Themse-Insel soll ein Gegenentwurf sein. „Wir haben die ungewöhnlich große Palette an Eigenschaften genutzt, die Kork besitzt, um eine einfache, solide Wand zu bauen, die allen heutigen Anforderungen genügt – aber eben nur aus einem einzigen Material“, sagt Matthew Barnett Howland vom Büro CSK Architects, der federführend an dem Vorhaben beteiligt war. Zudem sollte es ein natürlicher Baustoff sein, aus nachhaltiger Forstwirtschaft, ökologisch abbaubar und mit sehr guter Kohlendioxidbilanz. Das ist den Angaben zufolge geglückt: Das fertige Korkhaus habe mehr CO2 aufgenommen, als während des gesamten Produktionsprozesses freigesetzt worden sei, heißt es.

          „Form follows life-cycle“

          Vier Jahre haben die Planer zusammen mit Partnern aus Hochschulen und der Industrie, darunter das Ingenieurbüro Arup und der Weltmarktführer für Korkprodukte Amorim, getüftelt und geforscht. Herausgekommen ist ein Bausatz aus Korkblöcken, die man sich als eine Art große organische Legosteine vorstellen kann. Sie werden ohne Kleber, Zement, Mörtel zusammengefügt. Dies macht ein ineinandergreifendes System möglich, das die Planer entwickelt haben. Das sei eine der großen Herausforderungen gewesen, erzählt Barnett Howland. Letztlich habe dieses System auch zum mehrgliedrigen Pyramidendach geführt. „Form follows life-cycle“, die Form folgt aus dem Lebenszyklus, fasst der Architekt das Prinzip zusammen. Das Ergebnis hat die diesjährige Jury des renommierten Stirling Prize beeindruckt, den das Royal Institute of British Architects vergibt. Der Bau ist einer von sechs nominierten Anwärtern auf die Auszeichnung.

          Das Haus in Eton besteht aus fast 1300 Bausteinen, die die Weiterentwicklung eines in der Bauwelt schon etablierten Produkts sind. „Korkblöcke gibt es im Prinzip schon seit mehr als hundert Jahren im Bau“, stellt der Architekt klar. Sie werden aus dem Abfall der Korkenproduktion hergestellt. Die dabei anfallenden Reste werden ohne weitere Zusätze zu Granulat verarbeitet und in Blockform gebracht. Für Zusammenhalt sorgt das materialeigene Harz.

          Eine Imprägnierung oder einen besonderen Wetterschutz braucht das Material nach Einschätzung des Projektteams nicht. Korkblöcke hätten schließlich schon bewiesen, dass sie langlebig und sehr robust seien. Feuchtigkeit etwa schade dem Material nicht. „Das ist wohl ähnlich wie im Holzbau“, meint Barnett Howland. Gut geplant und solide gebaut, habe ein solches Gebäude eine sehr lange Lebenszeit. Holz haben die Bauherren für das im vergangenen Jahr fertiggestellte Pilotprojekt ebenfalls genutzt – für die Fenster- und Türrahmen, den Fußboden und diverse Einbauten im Innern.

          Die Frage, was das Korkhaus gekostet hat, lassen die Projektpartner bisher noch unbeantwortet.

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