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Harte Zeiten für Studenten : Die Uni-Städte werden immer teurer

Schlecht für Studenten: Die Lage am Wohnungsmarkt verschärft sich in Universitätsstädten immer weiter. Bild: dpa

Für Studenten ist es keine gute Nachricht: In den Universitätsstädten verschärft sich die Lage am Wohnungsmarkt. Die Studentenapartments neuen Typs schaffen keine Abhilfe – im Gegenteil.

          5 Min.

          Studentenwohnungen werden immer teurer. Das bekommt zu spüren, wen es dieser Tage neu an eine Uni zieht, sei es als Erstsemester, Master-Student oder einfach, um das Studium in einer anderen Stadt fortzusetzen. In München zum Beispiel oder in Stuttgart. In Frankfurt oder Köln. In Heidelberg oder Hamburg. Wer hier fremd ist und sich auf die Suche begibt, braucht großes Glück. Oder in der Stadt seiner Wahl die Hilfe von Bekannten oder Verwandten bei der Suche und Vermittlung. Wer darauf nicht zählen kann, muss sich auf Durchschnittsmieten von teils deutlich mehr als 10 Euro je Quadratmeter für seinen neuen Mietvertrag einstellen. Nettokalt wohlgemerkt. Das heißt, nur für die Grundmiete; Wasserversorgung und Abwassergebühren, Straßen- und Schornsteinreinigung, Müllabfuhr und so weiter sind in diesem Preis noch nicht enthalten.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zu diesem Ergebnis kommt das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einem Gutachten. Dafür haben die Forscher die Entwicklung der Wohnungsmärkte in fünfzehn Groß- und Universitätsstädten seit 2010 bis zum Ende des ersten Halbjahrs 2017 analysiert. Das Ergebnis: An all diesen Standorten ist Wohnen grundsätzlich teurer geworden. Zugleich wird das Angebot an typischen Studentenwohnungen immer kleiner, während die Wohnungsausstattung stetig anspruchsvoller wird.

          5400 Anwärter auf einen Wohnheimplatz

          Besonders rasant haben sich laut IW die Verhältnisse in der Hauptstadt verändert. Berlin als einstiges Paradies für junge Menschen mit kleinem Budget existiert für Neuankömmlinge nicht mehr. Binnen sieben Jahren ist dort die durchschnittliche Nettokaltmiete um mehr als 70 Prozent gestiegen. Neumieter müssen daher mit mehr als 10 Euro je Quadratmeter rechnen.

          Ferner verschärft der Mangel an Wohnheimplätzen die Situation in der Hauptstadt. Unmittelbar vor Semesterstart hätten sich die Chancen für eine Wohnung in Berlin drastisch verschlechtert, meldet das dortige „Studierendenwerk“. So hat das für zwanzig Hochschulen und die Charité zuständige Studentenwerk der Hauptstadt mehr als 5.400 Anwärter auf einen Wohnheimplatz registriert. In diesem Oktober werden allein 5.000 Erstsemester erwartet. Doch mangels Wohnraum kann das Werk nur gut 5 Prozent der insgesamt etwa 180.000 Studenten unterbringen. Mit einer solchen Versorgungsquote stehe Berlin im Vergleich der deutschen Bundesländer an letzter Stelle, räumt das Studentenwerk ein. Bundesweit liegt die Quote immerhin bei knapp 10 Prozent.

          „Im Innenstadtbereich ist es inzwischen für Studierende sehr schwierig geworden, eine bezahlbare Wohnung zu bekommen“, zitierte dieser Tage die Deutsche Presse-Agentur Jürgen Morgenstern, Sprecher des „Studierendenwerks“. Beunruhigend sei, dass zunehmend auch ehemals billigere Bezirke wie Lichtenberg, Reinickendorf und Tempelhof teurer für Studenten würden. „Alternativen bieten sich dann oft nur in den äußeren Bezirken und in Großsiedlungen wie Marzahn-Hellersdorf an“, sagt Morgenstern.

          Wer eine Unterkunft hat, gibt sie so schnell nicht auf

          Natürlich sei Berlin im Vergleich zu anderen Städten noch günstig, sagt Immobilienökonom Michael Voigtländer, der die IW-Studie mit erstellt hat. Und: Auch anderswo haben die Mieten kräftig angezogen. Besonders betroffen ist der IW-Analyse zufolge Stuttgart. Dort müssen Studenten bei einem neuen Mietvertrag 2017 gut 62 Prozent mehr zahlen als vor sieben Jahren – was zu Quadratmeterpreisen von fast 15 Euro geführt hat. „In Stuttgart macht sich mehr als anderswo bemerkbar, dass der Neubau hinterherhinkt“, erläutert Voigtländer den rasanten Anstieg, der die Landeshauptstadt so teuer für Studenten macht. Etwas weniger stark fiel der Sprung in München aus (53,1 Prozent). Allerdings liegt hier die Durchschnittsquadratmetermiete bereits bei 18,40 Euro. „Die 20-Euro-Marke dürfte bald überschritten werden“, vermutet der Wohnungsmarktexperte.

          Auch in kleineren Städten wie Bonn (24,9 Prozent), Kiel (35,3 Prozent) und Leipzig (23,6 Prozent) haben sich die Mieten laut Gutachten, das auf einer Datenauswertung von Inseraten der Internetplattform Immobilienscout 24 basiert und im Auftrag des Deutsche Real Estate Funds Advisor entstanden ist, deutlich verteuert. Der geringste Anstieg wurde in Jena mit 9,7 Prozent ermittelt.

          Angesichts der anziehenden Mietpreise registrieren Immobilienmarktfachleute eine abnehmende Flexibilität an den Märkten. Wer eine Unterkunft hat, gibt sie so schnell nicht auf. Ein längerer Auslandsaufenthalt oder mehrere Praktika in anderen Städten mit ungewisser Rückkehr sind im Zweifelsfall kein Grund, seine Wohnung oder das WG-Zimmer zu kündigen. Das lässt das Unter- und Zwischenmietgeschäft kräftig blühen – und treibt die Suchenden teils zu unzähligen (und unsäglichen) „Castings“ für eine Unterkunft auf Zeit.

          Ursache für eine höhere Miete kann eine umfassende Modernisierung sein

          Wird doch eine Bleibe endgültig frei, findet sich häufig im privaten Umfeld von Mieter oder Vermieter ein Nachfolger. „Das sind oft die günstigeren Wohnungen, die offiziell gar nicht auf den Markt kommen“, sagt Voigtländer. „Wer von außen zuzieht, kommt an solche Angebote kaum ran.“

          Es ist jedoch nicht nur der grundsätzliche Mangel an Wohnraum, besonders an kleinen Wohnungen, der die Mieten so stark hat steigen lassen. Den IW-Forschern ist bei ihrer Analyse aufgefallen, dass auch die gestiegene Qualität des Angebots die Preise hat nach oben schnellen lassen. Ursache für eine höhere Miete kann zum Beispiel eine umfassende Modernisierung sein. Als Preistreiber erweisen sich an einigen Standorten aber ausgerechnet auch jene Angebote, die ausdrücklich als Studenten-Apartments angepriesen werden: jene Mikro-Wohnungen von 20 bis 30 Quadratmetern, die voll möbliert auf den Markt kommen und den Bewohnern noch diverse Gemeinschaftsflächen wie Dachterrasse, Fitnessraum sowie den einen oder anderen Service offerieren. Unterkünfte dieser Art sprießen seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden, denn für die Investoren sind sie ein lukratives Geschäft, da sich mit ihnen viel höhere Quadratmeterpreise erzielen lassen. Als Hochburg des Mikro-Apartmentbaus gilt Frankfurt, einer der hochpreisigsten Wohnorte Deutschlands. „Solche Ein-Zimmer-Wohnungen sind in der Regel deutlich teurer als normale Angebote – und heben das allgemeine Preisniveau an“, urteilt Voigtländer.

          Angesichts der schwierigen Situation in den Universitätsstädten beobachten Makler, dass sich zunehmend Eltern dafür entscheiden, in eine Studentenwohnung zu investieren, damit das eigene Kind untergebracht ist. Seit nun gut einem Jahr registriert man etwa bei Ziegert Immobilien in Berlin und Lang Immobilien in Frankfurt, dass Eltern als Käufer für ihre Kinder aktiv werden, während laut Maklerhaus Aigner dieser Trend in München schon seit längerem besteht. Das ist insofern nicht verwunderlich, als sich der Markt „parallel zu den steigenden Mieten entwickelt“, wie Immobilienvermittler Michael Lang feststellt. Gefragt seien üblicherweise Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen, berichtet der Frankfurter Makler. Wie sein Berliner Kollege schätzt er den Anteil der Investoren-Eltern am Geschäft insgesamt auf inzwischen 5 bis 10 Prozent. Für München geht Thomas Aigner eher von 10 bis 15 Prozent aus.

          Vor allem bei der internationalen Klientel sei es üblich, in Wohnraum für den Nachwuchs zu investieren, heißt es seitens der Makler. Ziegert Immobilien berichtet von Anlegern aus China, arabischen Geschäftsleuten oder EU-Abgeordneten aus Straßburg, denen es zunehmend auch deutsche Familie gleichtäten. „In der Eltern-Generation ist ja häufig Geld da, das Kind muss ohnehin beim Wohnen finanziell unterstützt werden, und mit dem Kauf bleibt das Geld wenigstens in der Familie“, nennt Lang ein Motiv für ein solches Investment. Dazu komme, dass die Kaufpreise der Wohnungen renditeorientierten Kapitalanlegern keine wirkliche Verzinsung mehr böten, wenn man die Instandhaltungsrücklage in die Kalkulation mit einbeziehe, ergänzt Makler Aigner. Eltern, die an ihre Kinder vermieteten, setzten dagegen von vornherein auf das Steuersparmodell mit Verlusten aus Vermietung und Verpachtung. Und sofern die Miete nicht zu stark unterhalb der Marktmiete liege, „ist das auch gegenüber dem Finanzamt darstellbar“.

          „Klar ist, dass sich das nur die vermögende Schicht leisten kann“, sagt Makler Lang. Für die Mehrheit der Studenten, die nun an die Unis drängen, ist das keine Lösung. Sie konkurrieren auf den Wohnungsmärkten nicht nur mit ihresgleichen, sondern auch mit Auszubildenden, Berufseinsteigern und Rentnern. Was ihnen allen helfen würde, liegt für Ökonom Voigtländer auf der Hand: „Bezahlbarer Neubau im großen Stil“.

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