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Großbauprojekt : Ein neuer Norden für Madrid

Grüne Brücken: Durch Parks und über baumgesäumte Boulevards sollen die Wege der Bewohner und Angestellten im neuen Stadtviertel führen. Bild: Distrito Castellana Norte

In der spanischen Hauptstadt startet eines der größten Bauprojekte Europas. Im Norden der Stadt entstehen Wohnungen und ein neues Geschäftszentrum. Autos spielen in dem Konzept nur noch eine Nebenrolle.

          5 Min.

          Einer breiten Wunde gleich klafft das Gleisbett im Norden Madrids. Links und rechts davon fasert es in Ödland aus. Obdachlose haben neben Industrieruinen Hütten gebaut. Die Gleise, auf denen die Züge zum Bahnhof Chamartín rollen, trennen mehrere Stadtteile voneinander. Sechsundzwanzig Jahre lang wurde in der spanischen Hauptstadt geplant, verworfen und gestritten. Jetzt soll ein neues Stadtviertel die alte Wunde heilen und ein neuer Norden entstehen. Auf Spanisch heißt er "Madrid Nuevo Norte" und wird eines der größten Bauprojekte Europas sein. 7,3 Milliarden Euro soll es kosten. Am Ende stimmten im Madrider Stadtrat alle Parteien zu; das ist eine große Ausnahme in dem Land, das seit Monaten vergeblich um eine neue Regierung ringt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Wenn über die letzten der mehr als 3000 Einsprüche von Bürgern und Umweltschützern entschieden ist, rücken voraussichtlich Ende 2020 die ersten Bagger an. Das Areal ist riesig: 2,6 Millionen Quadratmeter groß und fünf Kilometer lang. Es reicht vom Ende des Castellana-Boulevards, wo der Bahnhof von Chamartín liegt, bis zum bewaldeten Hügel von El Pardo. Eine "grüne Achse" wird sie verbinden. In den nächsten fünfundzwanzig Jahren werden nicht nur knapp 350 Gebäude und mehrere Hochhäuser in die Höhe wachsen. Der Neue Norden wird über 400.000 Quadratmeter Grünfläche verfügen und das Gesicht der Stadt verändern. Den Masterplan entworfen hat das Büro des britischen Architekten Richard Rogers, der sich in Madrid mit der geschwungenen Dachlandschaft des Terminals 4 auf dem Barajas-Flughafens einen Namen gemacht hat.

          Vor mehr als zwei Jahrzehnten fing alles am Bahnhof Chamartín an, neben Atocha im Süden der wichtigste Fernbahnhof der Stadt. Lange vor "Stuttgart 21" wollte man ihn schon 1993 unter die Erde verlegen und die entstehende Fläche darüber bebauen. "Operación Chamartín" hieß das Projekt zunächst. Jetzt soll der hässliche Betonbahnhof zu einer neuen Drehscheibe für den spanischen Zugverkehr werden. 1967 errichtet, verwandelt sich Chamartín nach dem Willen der Planer in den modernsten Bahnhof Spaniens. Eine wichtige Rolle wird er bei den Hochgeschwindigkeitsverbindungen in Richtung Norden übernehmen. Während Andalusien und Barcelona von Atocha aus schnell erreichbar sind, sind die AVE-Züge bisher noch nicht bis in den Norden gekommen. Für den Bahnhof steht eine Modernisierung und Erweiterung an, bei der die Zahl der Gleise von bisher einundzwanzig auf mehr als dreißig steigt - alles unter einem riesigen Dach.

          Zuwachs für die Skyline: Das höchste Gebäude des Landes soll hier entstehen.
          Zuwachs für die Skyline: Das höchste Gebäude des Landes soll hier entstehen. : Bild: Distrito Castellana Norte

          Mit reichlich Grün gegen die Luftverschmutzung

          Der neue "Zentralpark" wird zwölf Hektar groß sein, unter dem dann die Züge durchfahren. Das entspricht der Größe von dreizehn Fußballfeldern. Er reicht dann bis zur Ringautobahn M-30 und schlägt eine grüne Brücke zwischen den Stadtvierteln im Westen und Osten, die Fußgänger dann flanierend erreichen können. Damit schreibt Madrid die Geschichte seiner großzügigen Parks fort. Der Retiro-Park ist die grüne Lunge des Stadtzentrums. Für "Madrid Rio" am Manzanares-Ufer verschwand die Stadtautobahn in einem langen Tunnel.

          Im Neuen Norden kann man künftig durch baumgesäumte Boulevards und Parks vom Bahnhof bis zum Stadtrand laufen oder mit dem Fahrrad fahren. Dreizehn Kilometer Fahrradwege sieht der Entwurf vor. Autos spielen in diesem Konzept nur noch eine Nebenrolle: Alle Menschen, die dort arbeiten und leben, werden nach einem Fußweg von höchstens zehn Minuten ein öffentliches Verkehrsmittel erreichen. Dazu werden eine neue U-Bahn-Linie, die eine S-Bahn ausgebaut und eine Expressbuslinie von Norden nach Süden eingerichtet.

          Neue Drehscheibe: Der Bahnhof Chamartín soll ausgebaut werden.
          Neue Drehscheibe: Der Bahnhof Chamartín soll ausgebaut werden. : Bild: Distrito Castellana Norte

          Für private Fahrzeuge ist nicht mehr viel Platz. Ziel ist es, dass sie nicht mehr wie bisher die Hälfte des Verkehrs ausmachen, sondern nur noch ein Fünftel. Das ist in Madrid auch dringend nötig: Die Luftverschmutzung in der Hauptstadt ist so schlimm, dass die EU-Kommission Spanien verklagen will, weil zu wenig dagegen unternommen wurde. Im Stadtzentrum existiert seit Ende 2018 eine kleine Umweltzone. Jeden Tag pendeln eine Million Autos nach Madrid. Das hat auch damit zu tun, dass in der Stadt Wohnungen knapp und teuer sind.

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