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Lichtexperte im Interview : Glanz, Glitzer und Bling-Bling

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Nicht zu viel des Guten! Diese Mahnung haben die stilsicheren Skandinavier beim Thema Beleuchtung nicht nötig. Bild: ddp Images

Warum sind Weihnachtslichter im Norden warm und dezent, im Süden aber grell und blinkend? Lichtplaner Thomas Römhild spricht im F.A.Z.-Interview über Lichter im Advent, den Respekt vor dem Fest – und ob Weihnachtsbeleuchtung immer gleich aussehen muss.

          Können Sie als Lichtexperte die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen überhaupt genießen?

          Ja, natürlich. In unserer Kultur hat die Weihnachtsbeleuchtung eine große Bedeutung. Ich genieße die vielen Emotionen, die von den Lichtern ausgehen. Als Lichtplaner macht es unglaublich viel Spaß, Konzepte für Weihnachtsbeleuchtung zu entwickeln. Denn die hat einen narrativen Charakter. Mit den Lichtern möchte man eine Geschichte erzählen – das ist besonders zur Weihnachtszeit.

          Wie meinen Sie das?

          Denken Sie an eine Turnhalle: An der Decke hängen Leuchtstoffröhren, die den Raum hell und schattenfrei ausleuchten. Wenn man sich den gleichen Raum voller Kerzen vorstellt, könnte es auch eine Kirche sein. Würde das Licht farbig blinken, wären wir plötzlich in einer Disko. Licht kann Architektur in starker Weise interpretieren. Durch unterschiedliche Beleuchtung nehmen wir Raum anders wahr, ohne dass sich architektonisch etwas ändert. In der Adventszeit beleuchten wir unsere Städte und Wohnungen mit vielen Lichtern. Das schafft eine Atmosphäre, die sich bewusst vom alltäglichen Raum abhebt. Den Rest des Jahres nimmt sich die Beleuchtung in der Stadt zurück, jetzt möchte sie die besondere Festlichkeit der Weihnachtszeit vermitteln. Das schafft eine positive Stimmung.

          Wie kann Licht denn festlich sein?

          Was haben der Festplatz mit der langen Lichterkette und der Theatersaal mit dem großen Kronleuchter gemeinsam? Beide Orte werden durch viele kleine Lichter beleuchtet. Dass man besondere Momente mit besonders vielen Lichtquellen versieht, findet man überall auf der Welt. Ein gutes Beispiel ist etwa das hinduistische Lichterfest Diwali. Auch dort werden Häuser und Straßen hell geschmückt. Dieses Phänomen lässt sich kulturhistorisch erklären. In Europa beispielsweise wird ein Lichtpunkt zum Repräsentanten genau eines Menschen. Wollte sich etwa der römische Kaiser präsentieren, umgab er sich mit tausend Fackelträgern. Viele Lichtquellen waren teuer und damit ein Mittel der sozialen Abgrenzung. Sie hatten hohes Prestige.

          Thomas Römhild

          Fackelträger muss heute ja niemand mehr anheuern.

          Nein, aber das Prinzip hat sich stark in unserer Zivilisation verwurzelt. Mit Beginn der Elektrisierung ist es immer einfacher geworden, viele Lichtquellen zu nutzen. Lange Zeit nutzte man einzelne Glühlampen oder formte sie zu Motiven. Die Lampen wurden dann immer kleiner. Das erhöht den Glitzereffekt und ist ein Versuch, die Festlichkeit zu steigern. Dieser Trend der Miniaturisierung der Lichtpunkte wird durch die LED-Technik verstärkt. Früher hingen über einer Straße hundert Glühlampen, heute können an gleicher Stelle zehntausend LED hängen.

          Und warum beleuchtet man gerade zur Weihnachtszeit Straßen, Fassaden und Plätze?

          Ihren Ursprung hat die Weihnachtsbeleuchtung im Norden Europas. Der Winter ist dort besonders dunkel. Je mehr die Dunkelheit in den Alltag der Menschen gezogen wurde – durch Lohnarbeit müssen die Menschen etwa auch im Dunkeln zur Arbeit –, desto größer wurde das Bedürfnis der Menschen, etwas Besonderes zu machen. Mit einer anderen Beleuchtung konnte man das gut umsetzen. Der Dezember mit Advent, Weihnachten und Jahreswechsel ist eine besonders lange Festperiode. Die Verschiebung des Tag-Nacht-Rhythmus und der Festkalender passen also gut zusammen.

          Im Norden sind die Weihnachtslichter warm und dezent, im Süden sind sie grell und blinken. Woher kommen die unterschiedlichen Vorlieben?

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