https://www.faz.net/-gz7-96pim

Architekturpsychologe Richter : „Wer anders baut, erhebt sich über die Nachbarn“

Wie eine Ritterburg auf dem Felsen?

Genau, oder auch wie der Stammtisch in der Kneipe: Der ist immer so plaziert, dass wer dort sitzt, die Eingangstür im Blick, also unter optischer Kontrolle hat.

Warum rufen moderne Gebäude oft so starke Gefühle hervor? Wenn sich jemand einen Sichtbetonkasten auf sein Grundstück stellt, könnte es den Nachbarn doch egal sein. Stattdessen wird dagegen protestiert oder wenigstens darüber gelästert.

Wenn ein Haus in der Kubatur oder Größe nicht zu seiner Umgebung passt, wird es abgelehnt, als nicht schön empfunden. Das ist die Psychologie der Wahrnehmung. Das ist jedoch nicht alles, denn oft spielt auch die Sozialpsychologie eine Rolle. Da geht es wieder um Gruppenzugehörigkeit. Nachbarschaften funktionieren über Zusammenhalt. Wenn einer ganz anders baut als alle anderen, empfinden die es so, als wolle der eine sich über die Gruppe erheben. Das wird nicht einfach hingenommen.

Und wo fällt die Ablehnung besonders stark aus?

Bei Menschen, die besonders feste Vorstellungen davon haben, wie etwas zu sein hat. Das sind sozial vererbte Wertestrukturen, die werden vor allem über die Familie weitergegeben.

Wenn der Vater sich schon immer über die schlecht getrimmte Hecke des Nachbarn aufgeregt hat, tut der Sohn es auch?

Die Chance ist zumindest groß.

Eine Studie kam kürzlich zu dem Schluss, dass gerade viele junge Menschen gerne in einem Fachwerkhaus wohnen möchten. Wie kommt das?

Rückwärtsgewandheit schafft Sicherheit und Kontrolle. Etwas Gewohntes schön zu finden ist risikolos. An etwas Ungewohntem Gefallen zu finden, schafft Unsicherheit, und die mögen die meisten Menschen nicht. Architektur hat psychologisch gesehen die größten Chancen, akzeptiert zu werden, wenn sie dem Prinzip der Optimalen Neuerung entspricht. Der Begriff stammt aus der Wirtschaftspsychologie und besagt, dass zu bekannt als langweilig empfunden wird und zu neu als schockierend. Ein Haus muss bekannt aussehen, dabei aber ein kleines bisschen anders sein.

Erklärt sich damit auch der große Erfolg der Möbel-Reeditionen auf dem Markt? Erfolgreich sind fünfzig Jahre alte Entwürfe, nur die Farbe ändert sich je nach Saison.

Ich denke schon. Was seit fünfzig Jahren als gut gilt, ist risikolos, vermittelt Sicherheit.

Warum lieben die Hamburger dann ihre Elbphilharmonie? Das ist ein sehr ungewöhnliches Gebäude.

Spektakuläre Gebäude ebenso wie natürliche Merkmale haben das Potential, alle Stadtbewohner zu vereinen. Bei der Elbphilharmonie ist wichtig, dass sie allen gehört und nicht einer Einzelperson oder Gruppe, die sich damit über die anderen erhebt. Jeder kann auf die Terrasse oder sich ein Ticket fürs Konzert kaufen. Jeder kann stolz darauf sein, deshalb schafft sie Identität.

Warum mögen Architekten oft ganz andere Häuser als Laien? Oder anders gefragt: Warum lieben Architekten Sichtbeton, während Normalbürger das Material meist grauenhaft finden?

Wissen verändert die ästhetische Wahrnehmung. In einer Studie wurden Informatikstudenten gefragt, ob sie Beton schön finden. Der Baustoff gefiel ihnen nicht. Dann wurde ihnen Wissen über Beton vermittelt. Das hat dazu geführt, dass die Studenten die Ästhetik von Beton am Ende höher bewertet haben als am Anfang.

Geschmack ist also auch eine Frage der Bildung?

Auf jeden Fall. Eine Studie hat gezeigt: Laien mögen Satteldach und zentrierte Fenster. Architekten bevorzugen Flachdach und nicht zentrierte Fenster.

Das Gespräch führte Judith Lembke.

Weitere Themen

Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

Topmeldungen

Am Ende der Welt: der Checkpoint Kalanchak zur Krim

Russlands Okkupation : Kein Wasser für die Krim

Im Donbass wird fast täglich geschossen, um die Krim aber ist es ruhig. Welche Ziele Russland hier verfolgt, verrät ein Blick auf das Asowsche Meer. Eine Reise im Süden der Ukraine.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.