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Bauen mit Hindernissen : Wenn Wohnen zum Luxus wird

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Wenn gebaut wird, dann meist Luxuswohnungen wie hier in Berlin Friedrichshain. Doch wer kann sich das überhaupt leisten? Bild: dpa

Die Mieten und Kaufpreise von Wohnungen in den großen Städten steigen wie verrückt. Denn es wird viel zu wenig gebaut. Das müsste nicht so sein.

          Der Wahnsinn hat einen Namen, er heißt Großstadtwohnung. Und er hat einen Preis: Wer jetzt umzieht, zahlt 13 bis 15 Euro Miete je Quadratmeter in Städten wie Frankfurt, München oder Stuttgart, im Neubau oft 17 Euro. Und die Mieten steigen Jahr für Jahr. In gefragteren Lagen ist die Skala längst nach oben offen, dort blättert man 30 oder 35 Euro pro Quadratmeter hin.

          Doch für die allermeisten Normalbürger bedeuten schon die Durchschnittsmieten, dass sie rund 900 Euro oder mehr für eine 70-Quadratmeter-Standardwohnung in einer der sieben Metropolen ausgeben müssen. Kalt wohlgemerkt. Inklusive Nebenkosten sind das locker 1100 Euro im Monat – so viel muss man erst einmal verdienen. Genau das schaffen viele Großstadtbewohner nicht mehr. Wohnen in der Stadt wird zum Luxus, den sich nur noch Besserverdiener leisten können.

          „In den sieben beliebtesten Großstädten können sich selbst Haushalte mit mittleren Einkommen nur noch eine Wohnung deutlich unter 70 Quadratmetern Wohnfläche leisten“, warnte jüngst Vize-Direktor Oliver Ehrentraut vom Prognos-Institut. In München, Berlin und Hamburg sind für die meisten nur noch 54 bis 60 Quadratmeter drin. Da wird es mit Familie eng. Bisher rechtfertigte man die hohen Großstadtmieten damit, dass auch die Verdienste höher seien. Doch mit dem rasanten Wohnpreisanstieg halten die Einkommen längst nicht mehr mit. Während die Nettokaltmieten seit 2010 in Hamburg, München, Stuttgart oder Berlin um 25, 40 oder gar 60 Prozent zulegten, so ermittelte das Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI, haben sich die Einkommen in der gleichen Zeit um knapp 8 Prozent gesteigert.

          Über ein Drittel des Nettoeinkommens für Warmmiete

          Die Kaufpreise für Wohnungen schossen laut Prognos derweil sogar um 35 Prozent nach oben. Längst sind Quadratmeterpreise von 8000 Euro für Eigentumswohnungen keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. „Mieten und Einkommen haben sich entkoppelt“, warnt Prognos-Vize Ehrentraut, „für Haushalte mit niedrigem und mittleren Einkommen wird es immer schwieriger, bezahlbaren Wohnraum zu finden.“ Das beschränkt sich längst nicht nur auf die hippen Metropolen, sondern gilt für 138 Städte hierzulande.

          Ein Städter wendet von seinen 2170 Euro Durchschnitts-Nettoverdienst über ein Drittel für die Warmmiete auf, so errechnete der Immobilienverband IVD. Berliner, Hamburger, Frankfurter und Münchener sogar rund 40 Prozent, Kölner und Stuttgarter satte 43 Prozent. Fast die Hälfte des Einkommens fürs Wohnen – ist das noch normal? Es ist zumindest lange nicht das Ende der Fahnenstange, denn der Immobilienhype geht weiter und treibt die Preise. „Müssen die Deutschen bald so hohe Mieten zahlen wie die Londoner, also durchschnittlich 2000 Euro im Monat?“ So fragt Michael Voigtländer, Immobilienökonom vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Eines sollte man tunlichst lassen: hochrechnen, was die heutigen Preise inklusive Inflation in 30 Jahren bedeuten, und sich fragen, wie man das als Rentner wohl bezahlen soll. Oder gehen die Wahnsinnspreise wieder zurück? Unwahrscheinlich, so lautet die Antwort aus heutiger Sicht, denn es gibt gute Gründe, warum Mieten und Immobilienpreise derart explodiert sind. Wir haben „ein echtes Knappheitsproblem“, so nennt es Voigtländer.

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