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Bauen mit Hindernissen : Wenn Wohnen zum Luxus wird

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Das ist auch einer der Gründe, warum innerstädtisch nur noch Luxushäuser entstehen oder zumindest extrem Hochpreisiges: Wenn sie für die Flächen enorme Summe berappen, argumentieren Projektentwickler, müssten sie auch edler bauen, um selbst noch daran zu verdienen. Natursteinbäder und Eichenparkett, „was heute als Standard gilt, war vor fünf Jahren Luxus“, beobachtet Großstadtmakler Peter Hegerich. Nicht jeder Käufer braucht das, aber inzwischen bekommt man nichts anderes mehr. Doch nicht nur Material- und Arbeitsstunden allein trieben zuletzt die Baukosten, sondern: „Die Anforderungen an den Wohnungsbau sind in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen“, kritisiert Voigtländer. Es sind energetische Auflagen zur Dämmung und Energieeinsparung, Vorschriften zu Brandschutz und Garagenstellplätzen sowie Verträge, in denen Städte Bauträger dazu verdonnern, Kindergärten und Gemeinschaftsräume in Neubauten unterzubringen. All das zahlt jeder Käufer mit, ob er will oder nicht. „Selbst wenn neue Wohnungen auf den Markt kommen, entsteht kein bezahlbarer Wohnraum“, so sieht es Prognos.

Mehr Flächen jetzt

Nun hat auch die Politik inzwischen gemerkt, wie brisant das Thema ist. Und sie hat gegengesteuert – oder es zumindest versucht. Sehr öffentlichkeitswirksam hat sie die Mietpreisbremse eingeführt. Sie spricht viel von geförderten Sozialwohnungen. Und es gibt den Milieuschutz, der Luxussanierungen in bestimmten Vierteln verhindern soll. Tatsächlich aber zeigen diverse Auswertungen, dass die Großstadtmieten seit der Mietpreisbremse sogar stärker steigen als zuvor. Der Bau von Sozialwohnungen scheitert fast immer daran, dass Kommunen ihre wenigen Grundstücke eben doch an die meistbietenden Großinvestoren verkaufen. Und der Milieuschutz führt dazu, dass Vermieter mancherorts nicht einmal Balkone oder Einbauküchen anbringen dürfen – oder große Mietshäuser gleich in Eigentumswohnungen umwandeln, was die ärmeren Bürger vollends verdrängt.

„Die Politik setzt auf Instrumente, die sich bereits in der Vergangenheit nicht bewährt haben und in Summe mehr Schaden als Nutzen anrichten können“, ist deshalb das Fazit des IW-Ökonomen Voigtländer. Bisher sei Deutschland Sinnbild eines funktionierenden Mietwohnungsmarktes gewesen, „das droht nun zu kippen“. Auch die Prognos-Ökonomen warnen vorm „sozialpolitischen Konfliktpotential“ des Wohnungsmangels.

Wird die Folge dieser Fehlentwicklungen sein, dass bald wieder viele aufs Land ziehen, weil sie sich den Luxus des Großstadtwohnens nicht mehr leisten können? Zumindest bei den jungen Familien gebe es schon so eine finanziell erzwungene Stadtflucht, konstatieren Makler, und das bestätigen auch bauökonomische Untersuchungen der Universität Wuppertal. Im Grunde wäre das praktisch, es hieße, der Markt regelte sich ganz von allein. Bevölkerungsforscher glauben aber nicht daran, sie sehen den Trend zur Stadt eher andauern. Die Großstädte müssen also wachsen. Das geht nur, wenn die Verwaltungen mehr Bauland ausweisen, endlich schneller Bauanträge bearbeiten und Grundstücke nicht aus Spekulationsgründen zurückhalten. Mehr Flächen jetzt, das ist der einzige Weg.

Zeitgleich müssen Stadt und Land mehr S-Bahnen und Straßen schaffen, um Umlandgemeinden anzubinden, damit nicht jeder das Gefühl hat, in der City wohnen zu müssen. Und Politik wie Bauträger müssten abrücken von ihren hohen Standards. Es ist nämlich möglich, sehr viel billiger zu bauen, Frankreich, Skandinavien und Holland machen es vor. Wenn wir uns daran nicht bald ein Beispiel nehmen, wird Wohnen wirklich zum Luxus, den sich schon morgen kein Städter mehr leisten kann.

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