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Gerd Schwandner im Interview : „Kleinstadt, lass dich nicht abhängen!“

„Heute ist Kommunalpolitik leider auch attraktiv für Leute ohne echte Berufskarriere. Die können dann, wenn überhaupt, nur Politik.“ Bild: privat

Der Autor des Buches „Übermorgenstadt“, Gerd Schwandner, über deutsche Städte im globalen Wettbewerb, die Bedeutung eines urbanen Lebensgefühls und die Angst der Deutschen vor Hochhäusern.

          Warum ist ein urbanes Lebensgefühl für das Gedeihen einer Stadt so wichtig?

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Wir stehen länderübergreifend längst auch in einem Wettbewerb um urbanes Lebensgefühl. Eine attraktive Diversität ist längst zu einem harten Standortfaktor geworden. Städte wie das niederländische Groningen haben das begriffen und steigern gezielt ihre Urbanität. Die bauen direkt gegenüber der Hauptkirche gerade ein architektonisch anspruchsvolles Kulturzentrum. Die Niederländer trauen sich auch das, was in Deutschland kaum durchsetzbar wäre.

          Sie waren von 2006 bis 2014 Oberbürgermeister von Oldenburg. In Ihrem Buch „Übermorgenstadt“ fordern Sie insbesondere von den Städten zwischen 100.000 und 300.000 Einwohnern in Deutschland einen stärkeren Willen zur Urbanität.

          In Oldenburg war das Problem, dass die Stadt sich lange nicht dem Anspruch gestellt hat, Großstadt zu sein, und als „gemütliche Großstadt“ sogar zufrieden damit war, noch kleiner zu wirken, als sie mit ihren 165.000 Einwohnern ist. Der Grund dafür ist, dass wir Deutschen – gerade auch die Stadtbewohner – irgendwie am liebsten auf dem Land leben würden. Diese Mentalität führt dann in den Städten zu Widerständen gegen urbanitätssteigernde Maßnahmen wie Hochhäuser, Nachverdichtung oder moderne Bauten. Aber genau dahin geht der Trend, und die großen Städte enteilen dabei den kleineren. Städte wie Oldenburg stehen daher unter besonderem Zugzwang. Wir spielen alle bloß in der zweiten Liga – müssen uns aber auf der mentalen Landkarte behaupten.

          Ist der Wettbewerb der Städte also das neue Leitmotiv?

          In gewisser Weise schon. Der amerikanische Ökonom Richard Florida hat den Sachverhalt auf die Formel gebracht, die Welt sei „flat and spiky“. Flach, weil die Globalisierung dafür sorgt, dass alles vergleichbar wird und die Einkaufsstraßen überall gleich aussehen. Gleichzeitig gibt es aber auch den gegenteiligen Effekt: Die Städte sind so hierarchisch sortiert wie noch nie zuvor. Während früher die Wertschöpfung breit auf der Landkarte verteilt war, dominieren heute zwei Dutzend Agglomerationsräume quasi die gesamte Weltwirtschaft. Und die Frage des urbanen Lebensgefühls hängt eng damit zusammen.

          Noch wichtiger als die Wirtschaft scheint Ihnen aber die Wissenschaft zu sein.

          Stimmt. Der größte Innovationstreiber ist letztlich nicht die Wirtschaft, sondern die Wissenschaft. Sie zieht langfristig Wirtschaft nach. Zudem bekommen sie so junge und intelligente Leute in die Stadt. Das ist immer gut. Und mit der Wissenschaft bekommen sie in der Regel auch ein aufgeschlossenes Klima in eine Stadt. Wissenschaft schafft ein urbanes Lebensgefühl. Das alles war auch der Grund dafür, dass wir Oldenburg als Wissenschaftsstadt profiliert haben. Das Image der Carl-von-Ossietzky-Universität, die lange als linke Kaderschmiede verschrien war, hat sich mittlerweile auch verbessert. Unter dem Gesichtspunkt der Urbanität haben gerade jüngere Universitätsstädte allerdings oft das Problem, dass die Hochschulen außerhalb der Kernstadt errichtet worden sind. Heute muss man versuchen, das universitäre Flair in die Stadt zu holen und so ihre Urbanität zu erhöhen.

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