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Alternativer Baustoff : Mit Holz geht’s aufwärts

Den ohnehin schon hochtechnisierten Holzbaustoff noch stärker zu verändern, nur um veralteteten Baunormen zu genügen, hält das Team um Planer Snapp langfristig nicht für die Lösung. „Die Bauvorschriften hinken der Technologie und Wissenschaft weit hinterher“, stellt auch Professor Winter fest. Denn beim modernen Holzbau handelt es sich um ein High-Tech-Projekt, das mit dem Blockhaus im Wald ungefähr so viel gemeinsam hat wie die Lösung eines Kreuzworträtsels mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Dahinter steckt mehr als Natursehnsucht. Zwar sind die besonderen Eigenschaften des Baustoffs, seine Wärme, seine Haptik, wichtige Aspekte bei allen ästhetischen Überlegungen. Trotzdem ist die Holzbauforschung nicht von Eskapismus getrieben, sondern von einem ganzheitlichen Ansatz, der Stadtentwicklung und Ressourcenverbrauch als Teil der globalen Klimarechnung betrachtet. Die simple Gleichung, dass mehr Holzbau automatisch weniger Umweltprobleme bedeutet, lässt jedoch keiner der Akteure einfach so stehen.

Til Bolland, der beim Bundesumweltamt für den Bereich Nachhaltiges Bauen zuständig ist, sagt: „Ich begrüße die Entwicklung, vermehrt Holz als Baustoff einzusetzen, aber ich warne vor einseitigen Heilsversprechen.“ Es müsse sichergestellt werden, dass nur Hölzer aus nachhaltiger Forstwirtschaft verbaut würden. Doch gerade bei Kompositbaustoffen unbestimmter Herkunft ist das nicht immer gegeben, illegaler Einschlag und gesundheitsgefährdende Klebstoffe dürften nicht für das Label „kohlendioxidarm“ in Kauf genommen werden. Aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit mit Forstwissenschaftlern eng, auch bei der Entwicklung des River Beech Towers.

Holzbau zwischen deutscher Zurückhaltung und amerikanischem Optimismus

Deutschland steht mit seiner Waldfläche, die immerhin ein Drittel des Landes beträgt, in puncto nachhaltiger Forstwirtschaft gut da, der deutsche Holzvorrat ist der drittgrößte in ganz Europa. Auch deshalb ist Holzbau in Deutschland grundsätzlich sinnvoll. Problematisch ist allerdings die Zusammensetzung der deutschen Wälder. Für die Baubranche wird aufgrund der Materialeigenschaften meist nur Nadelholz nachgefragt. Aus ökologischer Sicht werden aber vermehrt Laubwälder gefordert. „Niemand möchte reine Kiefern- oder Fichtenmonokulturen. Sie sind als Erholungsgebiet nicht besonders schön und sehr anfällig für Schädlinge“, stellt Bolland klar. Die Lösung könnten Verbundstoffe sein, die Laubholz als Baumaterial stabiler machen und ganz nebenbei eine ganzheitliche Nutzung fördern – sonst landen Eiche und Buche oft ohne Umwege im Kamin.

Doch nicht nur mit Blick auf Kohlendioxid ist Holz ein bautechnischer Hoffnungsträger. Nach Prognosen der Vereinten Nationen werden bis 2050 rund zwei Drittel der Weltbevölkerung in den Städten leben. Um diese Entwicklung aufzufangen, ohne die Städte gleichzeitig im Smog versinken zu lassen, wäre Holzbau eine sinnvolle Ergänzung, besonders für Nachverdichtungen und Aufstockungen. Durch das geringe Gewicht kann auf die meisten Wohnhäuser noch bequem die eine oder andere Etage aufgesetzt werden. Mit vorgefertigten Holzmodulen lässt sich besonders schnell und auf engem Raum bauen. In Chicago würde, lagebedingt, noch ein Vorteil dazukommen: Die Module könnten mit dem Schiff direkt vom Fluss zur Baustelle transportiert werden, ohne Kolonnen von Betonmischern auf Innenstadtstraßen. Und selbst in Erdbebenregionen wäre Holzbau ein Gewinn, sagt Winter. Neuseeländische Kollegen hätten in Studien zeigen können, dass Holzkonstruktion viel sicherer seien, wenn die Erde an den Fundamenten rüttelt. Entscheidend sei auch hier das geringe Gewicht.

Die Frage bleibt, ob der Holzbau seine Erfüllung wirklich in der Höhe findet - da prallen in der Einschätzung dann deutsche Zurückhaltung und amerikanischer Optimismus aufeinander. „Hochhausbau ist die Formel 1“, scherzt Professor Winter, „doch wichtig sind ganz andere Gebäudeklassen. Die Masse des Baugeschehens spielt sich unter der Hochhausgrenze ab.“ Für Architekt Snapp hingegen ist „ein Momentum in der Industrie“ spürbar, eine Revision der Normen, die Holzhochhäuser dieser Größenordnung in naher Zukunft möglich machen könnte. Ein erstes Turmmodul durfte er in Absprache mit der Stadtverwaltung aufstellen – immerhin die erste permanente Holzstruktur in der Innenstadt seit Jahrzehnten.

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