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Alternativer Baustoff : Mit Holz geht’s aufwärts

Risikofaktor Brandschutz

Es war nur eine Frage der Zeit, dass irgendwann der Holzbau auch auf seine Eigenschaften in der Höhe getestet werden würde. Die erste Generation Holzhochhäuser, wie sie vom österreichischen Dornbirn bis Kirkenes an der norwegisch-russischen Grenze stehen, leistete Pionierarbeit darin, überhaupt die Hochhausgrenze überspringen zu dürfen. Die Bauvorschriften sahen das nicht vor. Intelligente Konstruktionen in Hybridbauweise, also meist mit einem Kern aus Stahlbeton und Holz-Beton-Verbundstoffen, erlaubten Ausnahmeregelungen. So teilen sich die Holzhochhäuser „H8“ in Bad Aibling und „E3“ in Berlin den ersten Platz im deutschen Holzhochhausranking mit je 25 Meter Höhe. Das bisher höchste misst 53 Meter und steht in Vancouver: das Studentenwohnheim „UBC Brock Commons“. Doch der Rekord ist endlich, denn Ende 2018 soll das Wiener „HoHo“ fertiggestellt werden. Derzeit werkeln die Arbeiter kräftig an den 24 Geschossen und 84 Meter Höhe.

Um diese Entwicklung zu fördern, forscht man auch hierzulande mit vereinten Kräften am Baustoff aus dem Wald. TUM.wood, ein fakultätsübergreifendes Team der Technischen Universität München, will die gesamte Produktionskette vom Baumsetzling bis zum fertigen Haus in ihrer Forschung abbilden und arbeitet dazu auch an eigenen Entwürfen, zurzeit an einem elfgeschossigen Gebäude in Heilbronn. Doch im Gegensatz zu den britischen Kollegen setzt man nicht auf Holz als Solokünstler, sondern auf Hybridbauweise. Das sei nicht nur technisch praktikabler, sondern zumindest im Moment auch ästhetisch gewollt, erklärt Stefan Winter, der den Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion an der Ingenieurfakultät leitet. „Viele Menschen, für die wir bauen, sehen gerne Holz, aber sie wollen nicht in einer Sauna wohnen.“ Holz an den Decken sei dabei üblich, doch die Wände würden ohnehin meist vergipst.

In den Entwürfen des River Beech Tower ist das Holz zwar sichtbar, aber innen und außen verglast. Außen, um die Holzfassade gegen die Elemente zu schützen, gerade im rauhen Chicagoer Klima mit Wind, Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen. Innen dient die geplante Verglasung einem der dringlichsten Themen, mit dem sich der Holzbau gegenwärtig auseinandersetzten muss, dem Brandschutz. Die vorindustriellen, verheerenden Stadtbrände rufen verlässlich apokalyptische Bilder wach. Und auch wenn Holz nicht involviert war, als vor wenigen Wochen in London der Grenfell Tower brannte, zeigte sich eindrücklich, was ein Hochhausbrand bedeuten kann.

Die Vorschriften hinken der Technologie hinterher

Das eigentliche Brandverhalten von Holz sei nicht das Problem, sagt TUM-Professor Winter, der auf Brandschutz spezialisiert ist. Tatsächlich lässt sich die Rate, mit der ein Holzbalken abbrennt, genau berechnen. Das macht Löscharbeiten sehr sicher, Einsatzkräfte können sich darauf verlassen, dass tragende Balken über einen bestimmten Zeitraum stabil bleiben. Das liegt in der Natur des Materials. Holz bildet eine Kohleschicht, die das innenliegende Holz vor den hohen Temperaturen schützt. Problematischer gestaltet sich der Nachweis, dass die Holzbaustoffe erst gar nicht entzündlich sind. Soll der River Beech Tower jemals realisiert werden, gilt es, entsprechend zu forschen und vor allem die Behörden zu überzeugen – ein Problem, das Beton und Stahl freilich nicht haben. In Chicago dürfen Holzbauten derzeit nicht über fünf Stockwerke hinausragen, in etwa die Höhe, die mit einer Feuerwehrleiter erreicht werden kann.

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