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Fürs Landleben der Zukunft : Architektur-Avantgarde in der Provinz

  • -Aktualisiert am

Das Architekturbüro Penda verknüpft in „Yin & Yang“ Leben und Arbeiten sowie Drinnen und Draußen durch einen aufeinander zulaufenden Terrassengarten miteinander. Bild: Archiv

Im nordhessischen Waldeck entwerfen 20 Stararchitekten ihre Vision vom Leben auf dem Land. Das überzeugt nicht jeden.

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          Eine mit Bäumen und Büschen bewachsene Wohnhöhle, die sich wie von Zauberhand aus einem See heraus in luftige Höhen erhebt, ein gläsernes Schneckenhaus, auf mehreren Ebenen kunstvoll um sich selbst gewickelt, glitzernd-glatt in einen Hang gebaut, oder ein steinerner Kreis, dessen Ähnlichkeit mit dem berühmten Stonehenge kaum von der Hand zu weisen ist – was sich anhört wie Architektur-Utopien, ist in Wahrheit ein kleiner Ausblick auf ein reales Bauvorhaben. Kurios ist eigentlich nur der Ort, an dem die abgehobenen Entwürfe Wirklichkeit werden sollen: Waldeck. Ausgerechnet für diese nordhessische Kleinstadt, die zuletzt Schlagzeilen machte, weil sie ihre Grundschule mangels Schülern zu diesem Schuljahr schließen musste, haben zwanzig internationale Architekten ihre Interpretation des neuen Lebens auf dem Land in Form gegossen. Sie sollen auf der Scheid entstehen – einer bisher in erster Linie touristisch genutzten Halbinsel an der Eder.

          Wie in der Architektenszene so bekannte Namen wie Jürgen Mayer H. (Deutschland), Pezo von Ellrichshausen (Chile), Noa (Italien), Atelier Alter (China) oder Dogma (Belgien) dazu gekommen sind, Häuser fürs Leben in der Provinz zu entwerfen, lässt sich einfach erklären: über einen persönlichen Kontakt. Der heißt Christoph Hesse, ist ebenfalls Planer und wollte ursprünglich nur für sich und Freunde auf der Halbinsel bauen. Im Waldecker Rathaus wurde man hellhörig. Denn die Stadt hegte schon länger Pläne, ein seit Jahren schon brachliegendes Areal auf der Halbinsel neu zu nutzen. Ob er es sich vorstellen könne, entsprechende Ideen für eine Wohnsiedlung zu entwickeln, fragte der Waldecker Bürgermeister Hesse. „Ja“, antwortete er und trommelte, um zu möglichst vielfältigen Entwürfen zu kommen, unter dem Projektnamen „Ways of Life“ gemeinsam mit einem kanadischen Kollegen die neunzehn anderen Planer zusammen.

          „Uns geht es insgesamt dabei nicht darum, irgendeine Einfamilienhaussiedlung auf dem Land zu realisieren“, stellte Hesse klar, „sondern darum, den Evolutions- und Erneuerungsprozess, der gerade überall stattfindet, auch auf dem Land stattfinden zu lassen.“ Dabei würden auch Themen wie die Digitalisierung oder die Mobilisierung von Arbeitsplätzen eine wichtige Rolle spielen.

          20 Entwürfe für Waldeck

          Strenge Vorgaben für die Entwürfe gab es nicht. Die Teilnehmer sollten zwar experimentelle, aber ohne allzu großen Aufwand baubare Haustypen anbieten. Umweltverträgliche Bauweisen und Materialien waren erwünscht. Klar limitiert ist die Größe der Häuser: Mehr als 90 Quadratmeter Wohnfläche dürfen sie nicht bieten. Bisher waren auf Scheid nur 65 Quadratmeter zulässig.

          Entstanden sind zwanzig Entwürfe, die gesammelt erstmals auf der im Rahmen der Documenta stattfindenden „Experimenta Urbana“ präsentiert wurden. Die sphärischen Renderings zeigen die verschiedenen Ansätze. Einigen merkt man an, dass die Planer sie für ein „Irgendwo“ entworfen haben. Anders als die deutsche Architektin Anna Heringer, die zu jenen gehört, die offenkundig eine Vorstellung von dem Ort Waldeck haben. Die gebürtige Bayerin stammt selbst aus der Provinz, ist dem Thema nachhaltiges Bauen verpflichtet und hat mit „Fachwerk Capriccio“ eine Art stationären Planwagen konzipiert, der die historische Bauweise der Gegend aufgreift. Die künftigen Bewohner ihres Landhauses sollen sich dank Solaranlage, Windrad und angeschlossenem Garten selbst versorgen können.

          Außen grafisch, innen organisch: „Segments“ von Jürgen Mayer H.
          Außen grafisch, innen organisch: „Segments“ von Jürgen Mayer H. : Bild: Archiv

          Das Büro Dogma hat mit dem „One-Room-House“ ein Bandwurmgebäude erdacht, in dem modulare Wände für eine flexible Raumaufteilung sorgen. Penda hingegen verknüpfen in „Yin & Yang“ Leben und Arbeiten sowie Drinnen und Draußen durch einen aufeinander zulaufenden Terrassengarten miteinander, und das polnische Architekturbüro KWK Promes verlegt gleich sämtliche Wohnräume komplett ins Freie. Das in Madrid und New York ansässige Büro Rica sieht den zukünftigen Waldecker hingegen in einem gläsernen Kubus mit übereinandergestapelten Räumen, transparent natürlich, um den Blick in die Umgebung genießen zu können.

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