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Feriendomizil in den Bergen : Bauboom am Großvenediger

  • -Aktualisiert am

"Informelle Absprachen, dass die Eigentümer ja mal vier Wochen im Jahr selbst in ihrem Objekt wohnen können, sollen damit rechtlich unterbunden werden." Für Großprojekte gelte das laut Gesetz auch rückwirkend. Gemeinden können stichpunktartig kontrollieren und das Ferienhäuschen im Zweifel sogar versteigern. So weit sei es seines Wissens nach allerdings noch nie gekommen, sagt der Notar.

Er bewertet die Neuregelungen teilweise kritisch. Wirklich entschärfen würden die Neuerungen die Situation in den touristisch attraktiven Orten ohnehin nicht: "Luxus bleibt Luxus, und die Filetgrundstücke wird sich auch künftig nicht der Normalbürger leisten können", sagt Reitstätter.

Zugeständnisse der Projektentwickler

Nicht zuletzt wegen der rechtlich kniffligen Situation bemühen sich Projektentwickler, Gemeinden auf ihre Seite zu ziehen. Projektentwickler Chalets Plus hat die Pläne für seine "Nationalpark Chalets" erstmals vor zehn Jahren den Verantwortlichen im Rathaus vorgelegt. "Wir haben zahlreiche Infrastrukturauflagen erfüllt, etwa eine eigene Zufahrt und Einrichtungen wie das Restaurant gebaut, und wir stehen in ständigem Kontakt mit den Behörden", sagt Roeven. Ein kleiner Einkaufsmarkt, ein Sportgeschäft und eine Skischule ergänzen die Siedlung. In einem Nachbarort war es der Bau eines öffentlich zugänglichen Hallenbades, der als Zugeständnis der Projektentwickler gewertet wurde. "Man muss respektieren, dass man in Österreich einen langen Atem braucht." Insgesamt entstehen in Neukirchen 63 Chalets in drei Phasen, die 22 der ersten Tranche sind verkauft.

Die Bürgermeister von Neukirchen oder dem benachbarten Bramberg, wo ebenfalls großflächig Apartmentanlagen im Chalet-Stil entstehen, äußern sich trotz mehrfacher Anfragen nicht. Einheimische indes halten mit ihrer Kritik an den Projekten nicht hinter dem Berg. Sie beobachten, wie ihre Orte unverhältnismäßig wachsen und der Sonnenhang ihres Tals mit Häuschen gespickt wird. An klaren Tagen geben die Wolken von dort den Blick auf den Großvenediger und seine Nebengipfel frei, unmittelbar gegenüber beginnt der Nationalpark Hohe Tauern. Einheimische können sich die Preise für ein Hanggrundstück längst nicht mehr leisten, sie weichen in der Regel in die eher schattige und sumpfige Ebene aus. Der "Ausverkauf" ihrer Gemeinde - nach Ansicht von vielen ist er längst da.

Und mancher, der dem Boom nicht traut, muss nicht weit schauen, um einen Beleg für seine Zweifel zu finden: Viele Ferienanlagen aus den 1970er Jahren dämmern vor sich hin und gelten als schwer vermietbar. "Diese Apartmentanlagen entsprechen heute oftmals nicht mehr den Erwartungen und sind deutlich schwieriger an den Mann oder die Frau zu bringen", sagt Anton Holzapfel, Geschäftsführer des ÖVI Österreichischer Verband der Immobilienwirtschaft. Auch exklusive Alleinlagen am Waldrand seien nicht mehr so gefragt: "Gerade Eltern mit heranwachsenden Kindern schätzen es, wenn sie nicht auch im Urlaub noch Taxi spielen müssen", sagt Holzapfel.

Zitieren lassen will sich gleichwohl keiner aus den betroffenen Dörfern, das hat nicht nur mit dem sozialen Druck eines Dorfes zu tun. Die Einheimischen wissen auch: Letztlich sind es die Grundbesitzer in ihrer Mitte, die von den gestiegenen Baulandpreisen und Pachteinnahmen (etwa wenn sie ihr Land Skiliftbetreibern zur Verfügung stellen) profitieren. Und wenn in der Zwischensaison Bau- und Straßenlärm noch mehr als sonst den Dorfbewohnern Ruhe raubt, bedeutet das eben auch, dass Handwerker und lokale Baufirmen volle Auftragsbücher abarbeiten - in Gegenden, in denen sich häufig nur mit Touristen Geld verdienen lässt.

Immobilienkauf in Österreich

Der Kauf einer Wohnung oder eines Hauses ist für EU-Bürger grundsätzlich kein Problem. Formell sind sie mit den Österreichern gleichgestellt.

Kaufen, was sie wollen, können sie trotzdem nicht unbedingt, denn die Nutzung von Wohnimmobilien als Feriendomizil oder Zweitwohnsitz ist in vielen Gegenden Österreichs beschränkt.

Jedes Bundesland hat seine eigenen Gesetze für den Kauf und Verkauf von Immobilien. Was in Tirol gilt, muss nicht in Salzburg gelten. Interessenten informieren sich daher am besten vorher über das Grundverkehrsrecht.

Für den Kauf einer Wohnimmobilie ist ein schriftlicher Vertrag nötig. Doch Vorsicht: Schon eine mündliche Kaufzusage kann bindend sein.

Der Kaufvertrag, Voraussetzung für den Grundbucheintrag, muss neben der Gemeinde, in der sich die Immobilien befinden, auch Angaben zum Objekt selbst enthalten. Eine notarielle Beglaubigung des Vertrags ist nicht erforderlich, die der Unterschriften allerdings schon.

Der Käufer überweist den Kaufbetrag auf ein sogenanntes Anderkonto, auf das der Verkäufer erst nach Eintrag ins Grundbuch Zugriff hat.

Erwerber müssen mit folgenden Kosten rechnen: Gebühren von 1,8 Prozent des Kaufpreises für den Notar, Grunderwerbsteuer von 3,5 Prozent und für den Grundbucheintrag 1 Prozent. Zudem können Maklerkosten von etwa 3 Prozent entstehen sowie eventuell Treuhandgebühren.

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