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Sozial und ökologisch bauen : Die Genossen ziehen aufs Dach

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Zirkulär bauen

Schließlich ist da noch die Idee des Kreislaufs. Nicht zufällig heißt der eine Baukörper „Circular“. Es geht um sozialen Austausch, aber auch um Weiter- und Wiederverwendungen. Viele, meist junge Aktivisten, verfolgen in Berlin bereits ähnliche Ideen, sie wollen die großen Überschüsse von Kleidern, Nahrungsmitteln, Elektrogeräten und Konsumgütern, die es überall gibt, weiter nutzen. Eigentlich ist dies eine typische Bewegung von unten.

Hier nun wird alles eine Nummer größer: Am Rollberg steht das Upcycling einer ganzen Halle an, es geht unter anderem darum, keine Energie durch Abriss und Schreddern zu vergeuden. Gleichzeitig wollen die Genossen über ein bloßes Stehenlassen-der-Hülle-und-darauf-Weiterbauen hinausgehen. So soll selbst scheinbar Unliebsames eine neue Aufgabe bekommen. Eine vorgehängte Metallfassade aus den Siebzigern, die jahrzehntelang die backsteinerne Industriehalle auf ganzer Länge verkleidete, ist derzeit verschwunden. Die Bauherren haben sie aber nicht entsorgt, sondern eingelagert. Sie wird, neu zugeschnitten, die aufgestockten Obergeschosse verkleiden.

Auch Neues speist den Kreislauf. Vor der Halle lagert ein riesiger, mit Planen abgedeckter Stapel mit Fenstern. Der Architekt Schöningh hat die edlen dänischen Designfenster, insgesamt sind es 260 Quadratmeter, günstig von einer Großbaustelle bekommen. Dort waren sie überzählig. Bald sollen sie verbaut werden, die geplanten Fassaden der Transform-Häuser müssen jetzt darauf abgestimmt werden.

Das Problem: Ohne weiteres lassen sich solche fremden Fenster gar nicht in den zertifizierten Wandteilen, die aus der Fabrik kommen, verbauen. Solch eine Verfahrensweise, also der genaue technische Ablauf des Zusammenführens der Elemente, wird bisher ohne Vorbild sein – „überhaupt wird alles neu sein“, sagt Christian Schöningh. Meist ist doch beim Hausbau jeder Arbeitsschritt vorausgeplant und eingetaktet. Nun geht es darum, wieder mehr vor Ort auszuprobieren und zu montieren und gleichzeitig wohl auch neue Regularien zu erarbeiten. Nach weiteren verwendbaren Teilen, also Fundstücken von anderen Baustellen, halten sie Ausschau. „Wir werden selbst diese Art der Innovation treiben müssen“, gibt sich Schöningh optimistisch, „das wird unser Fachgebiet.“

Gebrauchte Materialien, die zum Beispiel aus Abrisshäusern stammen, wollen die Planer ebenso in den Bau integrieren. Nur: Welche Lasten darf ein alter Holzbalken übernehmen, und wie genau ist ein Tragwerk aus Alt und Neu zu bauen? Können fabrikneue und gebrauchte Bohlen und Balken gleichberechtigt nebeneinanderliegen oder -stehen? Auch das wird zur Herausforderung, wohl gerade für die Betriebe, die das ausführen sollen. Denn in den üblichen Bauleistungskatalogen der Branche stehen solche Details bisher natürlich nicht.

Damit nicht genug: Jedes eingesetzte Bauteil wollen die Planer akribisch dokumentieren für den Fall einer späteren Demontage und Wiederverwendung. Diesem Grundsatz haben sich die Genossen verschrieben, dem Lego-Prinzip sozusagen. Alles soll so gut wie möglich vorbereitet sein für einen Tag in der Zukunft, wenn man das Gebäude abbauen oder verändern möchte – Teil raus, Teil rein, und das im simpelsten Baukastenverfahren. Nur eines weiß ja auch jeder Lego-Spieler: Die Ordnung ist wichtig. Eine Übersicht darüber, was im Baukasten verfügbar ist, ist schon der halbe Erfolg.

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