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Bauen für den Klimawandel : Schwimmstädte und Hochhauswälder

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Bewegen sich mit den Gezeiten: Schwimmende Häuser im niederländischen Ijburg. Bild: mauritius images

Der steigende Meeresspiegel, Starkregen und Stürme setzen den Städten zu. Deshalb türfteln Planer Planer rund um die Welt daran, sie für den Klimawandel zu wappnen.

          Das Wasser kommt. Das ist mehr als eine Prognose, es ist Gewissheit. Vielen Stadtplanern bereitet das Sorgen. Denn Wasser ist anders als Hitze. Es breitet sich in den Städten nicht langsam über Tage und Wochen aus, sondern bricht als Urgewalt über sie herein. Künftig wird die Häufigkeit und Heftigkeit zunehmen, mit der Unwetter, Starkregen oder Sturmfluten sich über Städte ergießen. Dann könnte es in drei Vierteln aller wachsenden Megametropolen für kurze Zeit „Land unter“ heißen, denn sie liegen in Deltagebieten großer Flüsse. Doch auch Städte, die von viel Land umgeben sind wie viele deutsche, sollten sich nicht auf der trockenen Seite fühlen: Die jährlichen Schäden durch Starkregen und Überflutung sind hierzulande durchschnittlich doppelt so hoch wie jene durch Flusshochwasser oder Sturmfluten, heißt es beim Bundesverband der Versicherungswirtschaft. Berlin kann das bezeugen, nachdem es 2017 mehrmals nach Gewitterregengüssen baden ging. Wenn sich nun das Extremwetter nicht aufhalten lässt, wie macht man Städte dann hitzefest und regenresistent? Das ist die spannendste Frage, an der Architekten und Stadtplaner arbeiten.

          Bevor das Wasser kommt, gehen wir zu ihm – lautet der bisher revolutionärste Ansatz, der von holländischen Planern stammt. Sie bauen aufs Wasser und tüfteln daran, wie man ganze Städte schwimmen lassen kann. Das klingt visionär, aber um ehrlich zu sein: Das ist in den Niederlanden nichts Neues. Gott erschuf zwar die Welt, sagt man dort, aber die Niederlande seien von den Holländern selbst erschaffen worden. Schon vor Jahrhunderten bauten sie riesige Kanalnetze und Pumpensysteme, angetrieben von Windmühlen. Damit legten sie Landmassen und Überschwemmungsgebiete trocken, die Polderflächen. Rund ein Viertel des Landes liegt unterhalb des Meeresspiegels. Genau das könnte zum Verhängnis werden, wenn der Meeresspiegel steigt. Dann staut sich dort nicht mal für ein paar Stunden oder Tage das Wasser, sondern ganze Landstriche drohen dauerhaft zu verschwinden. Deshalb bereiteten sich die Niederlande schon seit Jahren darauf vor, dass das Wasser kommt.

          Bisher baute man Dämme und Abschlussdeiche, viel cleverer aber sei es, findet Architekt Koen Olthuis, einfach schwimmende Häuser zu bauen. Wenn Gebäude auf dem Wasser treiben, kann ihnen auch ein schwankender Wasserstand nichts anhaben. Zudem gewinnen wachsende Metropolen wie Amsterdam und Rotterdam neue Wohnflächen. Auch Paris will jetzt einzelne Gebäude auf die Seine setzen, und London überlegt, seine Regierung während des Umbaus der Houses of Parliament in einem schwimmenden Saal auf der Themse unterzubringen.

          Inzwischen setzen Architekturbüros nicht nur einzelne Häuser auf Seenplatten und Flüsse, sondern ganze Stadtviertel mitten ins Meer. Ins IJmeer zum Beispiel, über das Amsterdam indirekt mit der Nordsee verbunden ist. Dort treiben die „floating houses“ von IJburg vom Büro Marlies Rohmer seit 2011 vor sich hin: sechzig Häuser je Hektar, die auf Pontons stehen und sich mit den Gezeiten heben und senken. Koen Olthuis entwickelt mit seiner Firma Waterstudio schwimmende Villen, Ferienanlagen und Quartiere rund um den Globus. So ließen sich auch Überflutungsregionen wie Bangladesch mit Klassenzimmern oder Krankenstationen ausstatten, die dem Wasser standhalten.

          Der steigende Meeresspiegel, Starkregen und Stürme setzen den Städten zu

          Das holländische Unternehmen Blue21 geht noch viel weiter: Es hat bereits schwimmende Pavillons in den Hafen von Rotterdam gepflanzt und will nun vor Tahiti eine komplette Stadt auf den Ozean setzen, die sich über schwimmende Algenfarmen und Hydrokultur selbst versorgt. Baubeginn soll 2022 sein – zunächst auf elf Plattformen, die rund 300 Menschen Platz bieten. Erweiterung nicht ausgeschlossen. Finanziert wird das Vorhaben vom Seasteading Institute, dessen Gründer der Ex-Google-Softwareentwickler Patri Friedman und Paypal-Gründer Peter Thiel sind. Sie nennen die Landnahme auf dem Wasser bescheiden „die blaue Revolution“.

          Doch nicht allein der steigende Meeresspiegel ist ein Problem. Auch Starkregen setze den Städten zu oder Stürme, die Flutwellen bringen. Es würde helfen, wenn viele Stadtflächen für kurze Zeit Wasser speichern könnten wie ein Schwamm. Deshalb müsste man die Städte zu „Schwammstädten“ umbauen, zu „sponge cities“, wie die Planer sagen. Beispiel Kopenhagen: 2011 glichen weite Teile der dänischen Hauptstadt nach einem Starkregen einem See. Obwohl die Stadt am Hafen liegt, floss das Wasser nicht ab. Also erstellten die Stadtoberen den „Wolkenbruch Masterplan“: Dreißig Kilometer Straße wurden zu „Wolkenbruch-Boulevards“ umgebaut. Sie senken sich zur Mitte hin ab und werden dadurch notfalls zu Bachläufen, die das Wasser schnell in Richtung Hafen und Öresund ableiten. Außerdem entstanden 75 Kilometer grüne Straßen, deren Grünstreifen und Bäume das Wasser besser speichern. Radwege fungieren nun als Notwasserwege. Auf ihnen kann sich das Wasser stauen. Zudem wurden zwei große innerstädtische Seen leicht abgepumpt, um den Wasserspiegel dadurch tiefer zu legen. Beim nächsten Wolkenbruch können sie so viele tausend Kubikmeter speichern, ohne überzulaufen. Zudem haben die Bewohner durchs Tieferlegen der Seen neue Grünflächen und ein hübsches Strandbad gewonnen. Gesamtkosten: rund 500 Millionen Euro. Das ist nicht wenig, aber ein gutes Geschäft, findet Kopenhagen. Ein weiteres Hochwasser würde einen geschätzten Schaden von 900 Millionen Euro anrichten.

          Auch China will kräftig investieren, um mindestens 20 seiner Großstädte zu „sponge cities“ zu machen. Vor allem neue Millionenmetropolen sollen von vornherein auf riesige Drainagesysteme gesetzt werden, die Flusshochwasserfluten einfach aufsaugen. Auch jahrhundertealte Städte lassen sich zu Schwämmen machen, das wollen Berlin und New York beweisen. Rund um Manhattan soll ein höhergelegener Uferpark angelegt werden, der zehn Meilen lang ist und die nächste Flutwelle abfangen soll. Das Projekt „Humanhattan 2050“ hat der dänische Architekt Bjarke Ingels jüngst vorgestellt. Finanziert werden soll es, indem Großinvestoren Baugrundstücke am Hudson River kaufen – und so den Park für alle Bürger bezahlen.

          In Deutschland soll Berlin Schwammstadt werden. Dazu muss die Stadt mehr Flächen schaffen, die Regenwasser speichern, statt es sofort in die Kanalisation zu leiten. Dazu will man 1000 weitere Dächer für 1,5 Millionen Euro begrünen. „Wir schätzen, dass sich 20 bis 30 Prozent der Dachflächen dafür eignen, um begrünt zu werden“, sagt Bodo Weigert vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin. Auch bei Schulsanierungen werden Dächer begrünt und der Asphalt auf Schulhöfen aufgebrochen. Ein Teil des Regenwassers wird über Filtersysteme in die umliegenden Seen eingeleitet, und mehr grüne Innenhöfe und Straßen soll es auch geben.

          Stadtgrün ist natürlicher Kühlschrank einer Metropole

          Die „grüne Revolution“ ist denn auch die zweite Idee, mit der Stadtplaner Städte für den Klimawandel rüsten wollen. „Vor 100 Jahren hat man in den Städten viele Bäume gepflanzt, um das Stadtbild zu verschönern“, sagt Bioingenieur Weigert. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das in Vergessenheit, als die Planer dem Leitbild der autogerechten Stadt folgten. „Heute weiß man“, sagt Weigert, „dass Stadtgrün eine enorme Bedeutung für das Stadtklima hat.“ Pflanzen sorgen für Verdunstungskälte an Hitzetagen. Stadtgrün ist so etwas wie der natürliche Kühlschrank einer Stadt.

          Menschen wie Veera Sekaran arbeiten längst mit diesem Wissen. Der Experte von Greenology Systems hat mitgeholfen, Singapur zur „grünsten Stadt der Welt“ zu machen. Diesen Titel verlieh jüngst das Weltwirtschaftsforum der asiatischen Metropole, die zu den dichtbesiedeltsten der Welt gehört: Mit fünf Millionen Einwohnern auf einer Fläche, die nur 80 Prozent des Berliner Stadtgebiets beträgt, hat Singapur „kaum noch Platz für Bäume zwischen den Gebäuden“, sagt Sekaran. Die Bürger leiden gleichsam unter tropischer Hitze, Staub, Smog und Lärm. Weil der Stadtstaat nicht in die Breite wachsen kann, müssen die Gärten eben in die Höhe wachsen.

          Singapur tüftelt an riesigen Vertikalgärten, die an Hochhausfassaden hängen und per Tröpfchenbewässerung versorgt werden. Oder die aus den Balkonen wuchern und so den Bewohnern auch im 30. Stock noch den Blick ins Grüne ermöglichen. Weil das entspanne und Stress abbaue, sagt Sekaran. Vor allem aber, weil es ein bisschen kühlt. In Singapur müssen Projektentwickler jetzt in jedem neuen Hochhaus auch Grünflächen auf den Balkonen schaffen. Inzwischen ist knapp ein Drittel der Stadtfläche mit Bäumen, Büschen oder Rasen bewuchert.

          Schließlich gibt es noch die gelbe Revolution, wie man die Idee, die aus Wüstenregionen kommt, nennen könnte. In Saudi-Arabien etwa sollen sechs neue Großstädte für 4,5 Millionen Menschen entstehen. Allerdings weniger als Antwort auf den Klimawandel, sondern um den Staat unabhängiger vom Öl zu machen und wirtschaftlich breiter aufzustellen. In Abu Dhabi gilt Masdar City als Inbegriff der neuen Ökostadt. Der Bau wurde 2008 begonnen, stockt aber derzeit. Später sollen aber rund 47.000 Menschen dort wohnen. Und in Arizona will Multimilliardär Bill Gates Belmont bauen, die erste „smarte“ Stadt der Zukunft mit selbstfahrenden Wagen und intelligenten Datennetzen für 150 000 Einwohner. Den Boden dafür hat er für 80 Millionen Dollar schon gekauft.

          Nun sind Wüsten schon von jeher eine besonders lebensfeindliche Umgebung. Menschen leben dort täglich mit Temperaturen von 50 Grad und mehr. Nachts wird es bitterkalt. Bisher planten Architekten neue Hochhäuser mit gigantischen Klimaanlagen, die das erträglich machen sollen – die allerdings schlecht für Umwelt und Klima sind. Jetzt entdecken Planer uralte Bautechniken wieder, mit denen sich die Hitze aushalten lässt: Windtürme kühlen die neuen Wüstenstädte. Das Prinzip kannten schon die Inder, die 1799 in Jaipur den Palast der Winde bauten. Durch seine 1000 Fenster strömt permanent ein kühler Lufthauch. Die Bauherren von Masdar City haben einen 45 Meter hohen Turm zwischen die neuen Häuser gesetzt. Oben strömt Luft ein, die von einem Wassernebel gekühlt wird, zu Boden sinkt und als kühle Brise am Boden ausströmt. Zudem sollen Fußwege auf meterhohen Betonstelzen die Luftzirkulation ermöglichen. So heizen sich de Straßen weniger auf. An geothermischen Wärmetauschern tüfteln die Ingenieure ebenso wie an Bausteinen aus gehärtetem Wüstensand, die tagsüber dämmen und nachts die Wärme wieder abgeben. Auch wenn noch nicht alles davon einsatzreif ist, manches fragwürdig ist oder nach Utopie klingt: Ideen, wie man Städte fit für das Klima der Zukunft machen könnte, gibt es viele.

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