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Bauen für den Klimawandel : Schwimmstädte und Hochhauswälder

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Stadtgrün ist natürlicher Kühlschrank einer Metropole

Die „grüne Revolution“ ist denn auch die zweite Idee, mit der Stadtplaner Städte für den Klimawandel rüsten wollen. „Vor 100 Jahren hat man in den Städten viele Bäume gepflanzt, um das Stadtbild zu verschönern“, sagt Bioingenieur Weigert. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das in Vergessenheit, als die Planer dem Leitbild der autogerechten Stadt folgten. „Heute weiß man“, sagt Weigert, „dass Stadtgrün eine enorme Bedeutung für das Stadtklima hat.“ Pflanzen sorgen für Verdunstungskälte an Hitzetagen. Stadtgrün ist so etwas wie der natürliche Kühlschrank einer Stadt.

Menschen wie Veera Sekaran arbeiten längst mit diesem Wissen. Der Experte von Greenology Systems hat mitgeholfen, Singapur zur „grünsten Stadt der Welt“ zu machen. Diesen Titel verlieh jüngst das Weltwirtschaftsforum der asiatischen Metropole, die zu den dichtbesiedeltsten der Welt gehört: Mit fünf Millionen Einwohnern auf einer Fläche, die nur 80 Prozent des Berliner Stadtgebiets beträgt, hat Singapur „kaum noch Platz für Bäume zwischen den Gebäuden“, sagt Sekaran. Die Bürger leiden gleichsam unter tropischer Hitze, Staub, Smog und Lärm. Weil der Stadtstaat nicht in die Breite wachsen kann, müssen die Gärten eben in die Höhe wachsen.

Singapur tüftelt an riesigen Vertikalgärten, die an Hochhausfassaden hängen und per Tröpfchenbewässerung versorgt werden. Oder die aus den Balkonen wuchern und so den Bewohnern auch im 30. Stock noch den Blick ins Grüne ermöglichen. Weil das entspanne und Stress abbaue, sagt Sekaran. Vor allem aber, weil es ein bisschen kühlt. In Singapur müssen Projektentwickler jetzt in jedem neuen Hochhaus auch Grünflächen auf den Balkonen schaffen. Inzwischen ist knapp ein Drittel der Stadtfläche mit Bäumen, Büschen oder Rasen bewuchert.

Schließlich gibt es noch die gelbe Revolution, wie man die Idee, die aus Wüstenregionen kommt, nennen könnte. In Saudi-Arabien etwa sollen sechs neue Großstädte für 4,5 Millionen Menschen entstehen. Allerdings weniger als Antwort auf den Klimawandel, sondern um den Staat unabhängiger vom Öl zu machen und wirtschaftlich breiter aufzustellen. In Abu Dhabi gilt Masdar City als Inbegriff der neuen Ökostadt. Der Bau wurde 2008 begonnen, stockt aber derzeit. Später sollen aber rund 47.000 Menschen dort wohnen. Und in Arizona will Multimilliardär Bill Gates Belmont bauen, die erste „smarte“ Stadt der Zukunft mit selbstfahrenden Wagen und intelligenten Datennetzen für 150 000 Einwohner. Den Boden dafür hat er für 80 Millionen Dollar schon gekauft.

Nun sind Wüsten schon von jeher eine besonders lebensfeindliche Umgebung. Menschen leben dort täglich mit Temperaturen von 50 Grad und mehr. Nachts wird es bitterkalt. Bisher planten Architekten neue Hochhäuser mit gigantischen Klimaanlagen, die das erträglich machen sollen – die allerdings schlecht für Umwelt und Klima sind. Jetzt entdecken Planer uralte Bautechniken wieder, mit denen sich die Hitze aushalten lässt: Windtürme kühlen die neuen Wüstenstädte. Das Prinzip kannten schon die Inder, die 1799 in Jaipur den Palast der Winde bauten. Durch seine 1000 Fenster strömt permanent ein kühler Lufthauch. Die Bauherren von Masdar City haben einen 45 Meter hohen Turm zwischen die neuen Häuser gesetzt. Oben strömt Luft ein, die von einem Wassernebel gekühlt wird, zu Boden sinkt und als kühle Brise am Boden ausströmt. Zudem sollen Fußwege auf meterhohen Betonstelzen die Luftzirkulation ermöglichen. So heizen sich de Straßen weniger auf. An geothermischen Wärmetauschern tüfteln die Ingenieure ebenso wie an Bausteinen aus gehärtetem Wüstensand, die tagsüber dämmen und nachts die Wärme wieder abgeben. Auch wenn noch nicht alles davon einsatzreif ist, manches fragwürdig ist oder nach Utopie klingt: Ideen, wie man Städte fit für das Klima der Zukunft machen könnte, gibt es viele.

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