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Bauen unter der Erde : Die Tiefstapler

Mega-Basement Witanhurst: Das Vorhaben ist das spektakulärste Beispiel für den Bauboom, den London unter Tage erlebt Bild: F.A.Z.

Unterirdische Hauserweiterungen sind in London Mode, eine Folge himmelhoher Grundstückspreise und strenger Bauvorschriften. Wer reich ist, leistet sich ein „Super Basement“.

          Diese Wohnadresse ist etwas für Leute, deren Ego Platz braucht - viel Platz. Witanhurst House im Londoner Stadtteil Highgate thront auf einem Hügel über der britischen Hauptstadt. Der Ausblick ist majestätisch, und die riesige Villa ist es auch. Wer hier wohnt, kann sich auf 65 Zimmern ausbreiten. Genau genommen gibt es in der ganzen Stadt nur ein Wohnhaus, das noch größer ist: Buckingham Palace.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Groß ist aber nicht immer groß genug. Der Eigentümer, der für diesen großbürgerlichen Palast nebst zwei Hektar Park vor drei Jahren 50 Millionen Pfund (58 Millionen Euro) bezahlt haben soll, wolle die Wohnfläche mit Erweiterungen um rund 5000 Quadratmeter mehr als verdoppeln, staunen britische Zeitungen. Die Identität des Bauherrn ist bis heute ein Geheimnis. Selbst der beauftragte Architekt Robert Adam sagt, er kenne seinen öffentlichkeitsscheuen Kunden nicht. Adam, wegen seiner historisierenden Entwürfe einer der Lieblingsbaumeister von Prince Charles, kommuniziert mit dem mysteriösen Klienten nur über Mittelsmänner.

          Gefragt ist alles

          Das Problem des Planers: Sperrige Anbauten sind weitgehend tabu, denn das in den Jahren 1913 bis 1920 für einen Seifenfabrikanten errichtete Palais steht unter Denkmalschutz. Abgesehen von einem als „Orangerie“ deklarierten neuen Nebengebäude in pseudo-klassizistischem Stil wird deshalb von den umfangreichen Erweiterungen nichts zu sehen sein. Stattdessen entsteht ein zweites Witanhurst unter der Erde. Auf zwei riesigen Kellergeschossen unter dem Park sollen offenbar unter anderem ein 20 Meter langes Schwimmbecken, zwei Kinosäle und eine Tiefgarage für 25 Autos untergebracht werden. Nachbarn haben die gewaltige Baugrube „Ground Zero“ getauft. Geschätzte Kosten: rund 20 Millionen Pfund.

          „Super Basements“ (Riesen-Untergeschosse) heißen die raumgreifenden unterirdischen Hauserweiterungen an der Themse, und sie werden bei betuchten Londonern immer populärer. Der seltsame Trend ist die Folge restriktiver Bau- und Denkmalschutzvorschriften sowie himmelhoher Grundstückspreise. Eine Kellererweiterung kostet, wenn man es bei einem unterirdischen Geschoss bewenden lässt, im Rohbau zwischen 3500 und 5500 Pfund je Quadratmeter. Aber in Kensington wird der Quadratmeter im Durchschnitt für 14.000 Pfund gehandelt, in Chelsea für mehr als 15.000 Pfund und in Belgravia für fast 18.000 Pfund - eine lohnende Investition also. So richtig in Schwung gekommen ist das Geschäft erst vor wenigen Jahren. Auf dem Höhepunkt des englischen Immobilienbooms 2007 und 2008, bevor die Finanzkrise zuschlug, hätten zahlreiche Hauseigentümer begonnen, mit Kellererweiterungen den Wert ihrer Gebäude nach oben zu treiben, sagt Giles Elliott vom Maklerunternehmen Savills. Allein in den Stadtteilen Kensington und Chelsea wurden nach Angaben der Bezirksverwaltung seit Anfang 2008 fast 700 Bauanträge für Erweiterungen und Umbauten von Untergeschossen gestellt. Gefragt ist alles - vom zusätzlichen Kinderspielzimmer für die junge Familie bis zum unterirdischen Speisesaal für 400 Gäste, den sich der russische Oligarch von nebenan wünscht.

          Tennishalle und Privatmuseum

          Banker, Hedgefonds-Manager und Sportstars wie etwa der Fußballprofi Frank Lampard lassen ihre Häuser und Gärten unterhöhlen. Zu den Prominenten, die auf diese Weise mehr Raum schaffen wollen, zählen neuerdings auch der Schauspieler Jude Law und Kate Moss. Das Supermodel will angeblich im Untergeschoss eine Sauna und eine Küche unterbringen. Moss und Law besitzen beide Häuser in Highgate, gleich um die Ecke von Witanhurst House.

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