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Bauen mit Containern : Neues Leben in der Box

Das Ferienhaus in der kalifornischen Mojave-Wüste ist einem Kristall nachempfunden. Bild: Whitaker Studio, Container Atlas, gestalten 2020

Frachtcontainer sind modular, flexibel und unschlagbar günstig. Das macht sie nicht nur als Minihäuser attraktiv. Wir zeigen die interessantesten neuen Projekte.

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          Der Container steht wie kein anderes Objekt für die Globalisierung der Welt. Seine Erfindung hat ermöglicht, dass die meisten Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu Weltreisenden wurden, deren Einzelteile nicht selten von verschiedenen Kontinenten stammen. Doch ein üblicher Seecontainer bringt nicht nur T-Shirts von Schanghai nach Rotterdam oder Krabben von Wilhelmshaven zum Pulen nach Marokko. Der 20-Fuß-Frachtcontainer mit seinem Standardmaß 6,06 Meter lang, 2,44 Meter breit und 2,90 Meter hoch beherbergt auch Menschen – und zwar in zunehmendem Maße. Für das Leben in der Box spricht nicht nur der Preis. Für etwa 3000 Euro bekommt man nicht nur eine wind- und wasserdichte Stahlbox von fast 15 Quadratmetern, sondern auch den Nimbus des Weitgereisten, Nomadenhaften, Unfertigen. Genau das trifft einen Zeitgeist, der alles will, sich dabei aber bloß nicht festlegen: nicht in Beziehungen und beim Wohnort schon gar nicht.

          Aus der Mitte des Hauses hat man Ausblick nach allen Seiten Bilderstrecke
          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Immer auf Reise zu sein, dieses Versprechen wohnt mit im Container, selbst wenn er nicht auf einem Schiff herumfährt, sondern auf einem Grundstück liegt, wo er zu einer Immobilie auf Zeit wird. Die stählernen Frachtboxen kommen als Behausungen seit Jahrzehnten vor allem dort zum Einsatz, wo für einen begrenzten Zeitraum schnelle Raumlösungen gefragt sind. Denn Containerarchitektur kann nicht nur rasant wachsen, sondern auch schnell wieder zurückgebaut werden, wenn die Fläche anders genutzt werden soll. Ohne Schutt und Sondermüll zu hinterlassen, wird der Container einfach auf einen Lkw geladen und anderswo wieder abgestellt.

          Auch Luxusvillen und Hotels lassen sich aus Containern bauen

          Da es aber oft widrige Umstände sind, die diese Räume auf Zeit erfordern, weil Klassenräume fehlen oder Unterkünfte für Flüchtlinge oder Wohnungslose, ist die Containerarchitektur in Deutschland mit einem negativen Image belegt. Zu Unrecht, findet Han Slawik: „Während früher temporäres Bauen und Projekte mit kleinem Budget die typische Bauaufgabe für Frachtcontainer waren, sind es heute auch zunehmend Dauerbauten und Projekte mit großem Budget“, sagt der deutsche Architekt, der als ein Pionier der Containerarchitektur gilt. Dass Container als Module für spektakuläre Villen und Designhotels ebenso taugen wie als Notunterkünfte, beweist er in dem Container Atlas, der die interessantesten neuen Projekte vorstellt und Ende des Monats erscheint.

          Grundsätzlich können Container auf dieselbe Art genutzt werden wie ein Haus aus Beton oder Holz. Allerdings haben die normierten Frachtcontainer beschränkte Abmessungen, die zur Nutzung als Wohnung oder Büro häufig nicht passen. „Wegen dieser räumlichen Beschränkung werden sie als Wohngebäude deshalb oft als Hotels, Kleinwohnungen oder Apartments genutzt“, sagt Slawik. Auch mit Blick auf Schall-, Wärme- und Brandschutz ist die Stahlbox nicht optimal. Zwar könne man die Container auch umbauen und anpassen, aber dem seien meist „wirtschaftliche Grenzen“ gesetzt.

          Denn es ist gerade das hohe Maß an Standardisierung, die das Bauen mit Containern so unvergleichlich günstig macht. Nicht nur ihre Größe ist genormt, sondern auch die Tragösen an ihren Ecken sind es, so dass sie sich von Lastern oder Kränen fast ohne Menschenhand transportieren lassen. Modular, flexibel und beladen bis zu achtmal stapelbar – mit diesen Eigenschaften scheint der Container eine Antwort auf die Ideen der Moderne, die in Zeiten explodierender Wohnkosten gerade wieder eine Renaissance erfahren. Auch Slawik hat sich für seine „Homeboxen“ diese Eigenschaften zunutze gemacht. Bei den bunten Minihäusern handelt es sich um einen vertikal gestellten 20-Fuß-Container. Das Erdgeschoss beherbergt Bad, Abstellraum und Miniküche samt Essplatz. In der Mitte wird geschlafen, und ganz oben, wo Ausblick und Licht am besten sind, ist das Wohnzimmer. Alle Boxen sind transportabel und können an anderer Stelle, auch anders figuriert, wieder aufgebaut werden. „Gedacht ist an eine temporäre Nutzung auf brachliegenden Grundstücken, Wohnboxen für Studenten oder Zweitwohnungen für Berufstätige“, sagt Slawik.

          Schwimmende Städte aus Stahlboxen

          Auch in Peru experimentieren Architekten mit Frachtcontainern als günstigem Wohnraum. In der Kleinstadt Pachacutec sind improvisierte Behausungen ohnehin verbreitet – nicht dem Zeitgeist folgend, sondern der Not. Das Büro TRS Studio aus der Hauptstadt Lima will ihnen nun eine Alternative aus gesunden Baustoffen entgegensetzen: Die Wohneinheit besteht aus zwei Frachtcontainern, die mit einem Dach aus recyceltem Polycarbonat verbunden sind. Für das Material entschied man sich, weil es besonders witterungsbeständig ist. Auch hier wurden die Container als Behausung gewählt, weil sie Architektur im Baukastensystem erlauben, solide sind und umweltfreundlich durch die Verwendung von recyceltem Werkstoff. Die global standardisierten Maße machen es einfach, das Projekt auch auf andere Weltgegenden zu übertragen.

          Mit den bescheidenen Häuschen aus der peruanischen Provinz hat die Villa am Rande der chilenischen Hauptstadt Santiago eigentlich nur den Kontinent gemein – und die Basis aus Frachtcontainern, die einem im Falle des spektakulären Wohnhauses aber nicht sofort ins Auge fällt. Insgesamt elf unterschiedlich lange Boxen bilden zusammen ein 350 Quadratmeter großes Haus, das sich an einen Hügel schmiegt und Ausblicke nach allen Seiten eröffnet. Ein weiterer Container, dessen Oberseite abgenommen wurde, dient als Pool. Die langgezogenen Baukörper lassen an beiden Enden Licht und Luft ins Gebäude, die durchs Haus strömen kann. Auch bei diesem Projekt waren die Kosten ausschlaggebend für die Wahl der Materialien, und zwar nicht nur die der Anschaffung, sondern auch der Instandhaltung. Sie wurden danach ausgewählt, wie gut sie altern, damit das Haus im Laufe der Jahre an Identität gewinnt.

          Wie ein riesiger weißer Kristall liegt die „Joshua Tree Residence“ in der südkalifornischen Mojave-Wüste. Neunzehn weiße Frachtcontainer wurden vor Ort zu einem Ferienhaus zusammengeschweißt, wobei sich deren Lage an die umgebende Landschaft anpasst. Während die Küche die Morgensonne einfängt, orientieren sich Bäder für mehr Privatheit zum Hang. Steht man innen im Zentrum des Gebäudes und alle Türen sind geöffnet, hat man durch die Öffnungen der Container Ausblick in alle Richtungen.

          Dass Containerbauten auch in extremen Klimaregionen wie Wüsten funktionieren, verspricht, dass ihre Bedeutung noch zunehmen wird. Architekt Slawik hat mit den Containern noch ganz andere Pläne mit Blick auf steigende Meeresspiegel im Zeichen des Klimawandels. „Wir müssten vermehrt amphibische Häuser und schwimmende Städte bauen“, sagt der Architekt. Und die bahnbrechende Lösung dafür? Hat natürlich mit Frachtcontainern zu tun.

          Container Atlas. Handbuch der Container Architektur von Slawik, Bergmann, Buchmeier und Tinney. Gestalten, Berlin 2020. Das Buch erscheint am 28. Januar.

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