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Kommentar : Chance für die Provinz

Raus aus der Metropole: Der ländliche Raum lockt mit bezahlbaren Immobilien. Bild: dpa

Der Traum von den eigenen vier Wänden: Für viele Deutsche ist das ein unerschwingliches Unterfangen. Doch auf dem Land können sich auch Durchschnittsfamilien ein Eigenheim leisten. Diese Regionen zu stärken, sollte Ziel einer neuen Bundesregierung sein.

          Die Wachstumsschmerzen der Metropolen haben in den vergangenen Jahren die Debatte bestimmt: Steigende Mieten und Hauspreise, fehlende Kita-Plätze, Streit um Nachverdichtung. Auch die politischen Instrumente wie Mietpreisbremse, mehr Geld für Wohnungsbau und die Novellierung des Baurechts sind vor allem geschaffen worden, um die negativen Folgen des Wachstums zu lindern.

          Die Kehrseite dieser Binnenwanderung hat politisch weniger interessiert. Während sich in den Großstädten der Wohnungsmangel verschärft, stehen in der Provinz immer mehr Häuser leer, den Vereinen fehlen Mitglieder, den Grundschulen Kinder. Längst sind Abwanderung und der daraus folgende Leerstand kein ostdeutsches Phänomen mehr. Auch in den alten Bundesländern haben Kommunen nicht nur mit verödeten Zentren zu kämpfen, sondern auch vermehrt mit Einfamilienhausgebieten, die mit ihren Bewohnern alt geworden sind, ein Generationswechsel sich jedoch nicht abzeichnet. Wenn die Altbesitzer ausziehen, werden diese Häuser zu Spottpreisen verhökert oder bleiben gleich unbewohnt. Im Osten des Landes gibt es immer mehr Gebäude, die niemandem mehr gehören. In Thüringen und Sachsen geben zunehmend Hauseigentümer ihren Besitz auf, indem sie sich aus dem Grundbuch löschen lassen. Die Folge sind herrenlose Häuser, die nicht nur am Image des Ortes kratzen, sondern auch Kosten für die Kommunen verursachen.

          Abwanderung nicht nur auf Regionen beschränkt

          Dabei ist es keineswegs so, dass sich die Abwanderung nur auf Regionen beschränkt, in denen es an Arbeit mangelt. In manch schrumpfendem Landkreis in Schwaben oder Franken herrscht beinahe Vollbeschäftigung. Dadurch hat sich sogar ein neues Pendlermuster herausgebildet: Gewohnt wird in der angesagten Metropole, gearbeitet im ländlichen Raum. Bürgermeister schrumpfender Regionen beklagen seit langem, dass sich die Politik in den vergangenen Jahren nur an den Bedürfnissen urbaner Milieus ausgerichtet habe. Die Klage ist nicht von der Hand zu weisen, liegt darin auch ein Schlüssel für das gute Abschneiden der AfD in Gegenden, deren Bewohner abgehängt sind oder sich zumindest so fühlen. Wenn die verbliebene Dorfkneipe ebenso geschlossen wurde wie die Grundschule, zieht auch derjenige weg, der eigentlich an seiner Heimat hängt.

          Dabei haben auch Kommunalpolitiker einen Anteil an der Verödung ihrer Orte, die sie nun beklagen. Schließlich haben viele Bürgermeister jahrelang versucht, Neubürger zu gewinnen, indem sie immer neue Baugebiete am Ortsrand auswiesen und Einzelhandel auf der grünen Wiese entstehen ließen, statt das Wachstum ins Zentrum zu lenken. Dörfer und Kleinstädte wie Donuts sind die Folge: außen fett, aber im Inneren nur Luft. Dadurch befördert wurde nicht nur die Zersiedelung des Landes, sondern auch der Leerstand von morgen.

          Gemeinden florieren im Speckgürtel der Metropolen

          Dabei machen innovative Bürgermeister überall im Land vor, wie man mit guten Strategien wieder Bewohner in die Ortskerne locken kann. Denn die hohen Hauspreise und Mieten sind für die Provinz auch eine Chance: Schon jetzt wachsen die Gemeinden im Speckgürtel der Metropolen oft stärker als die Großstädte selbst, weil sie den hoher Preise müden Städtern als erste Zuflucht dienen. Auch Regionen, die nicht im direkten Umkreis der wachsenden Städte liegen, können ein Schlüssel zur Lösung der Wohnungskrise in den Metropolen sein. Knapp die Hälfte der Deutschen bevorzugt das Leben auf dem Land. In der Provinz sind die Wege oft kurz, die Natur ist nah und die Nachbarschaft bekannt. Es gibt Stimmen, die eine Renaissance des ländlichen Raums voraussagen – den Rückzug ins Überschaubare als Reaktion auf die Ängste, die eine globalisierte, zunehmend als unsicher empfundene Welt auslöst. Das mag man bezweifeln. Unbestritten ist jedoch, dass sich auf dem Land vielerorts auch Familien ein eigenes Haus leisten können, die sich in der Großstadt mit einer kleinen Mietwohnung zufriedengeben müssten.

          Die durch den demographischen Wandel verursachte Schrumpfung wird sich nicht umkehren lassen. Doch Hoffnungslosigkeit und gute Aussichten liegen oft dicht beieinander, manchmal in benachbarten Landkreisen. Diese Leuchttürme auf dem Land zu stärken sollte Ziel einer neuen Bundesregierung sein. Anstatt mit der Gießkanne Fördermittel über den gesamten ländlichen Raum zu kippen, sollten gezielt Städte und Gemeinden mit Perspektiven gefördert werden: Denn lebendige, attraktive Zentren entwickeln Strahlkraft für das Umland und können nicht zuletzt helfen, die überhitzten Wohnungsmärkte der Großstädte zu entlasten.

          Anstatt allein den Fokus auf den teuren Wohnungsbau in den Metropolen zu legen, sollte der vorhandene Wohnraum auf dem Land stärker genutzt werden. Dafür müssen vor allem die Ortskerne gegenüber den Rändern gestärkt werden, aber nicht nur das: Die Anbindung mit öffentlichem Verkehr an die Metropolen muss verbessert werden, aber vor allem muss das leistungsfähige Internet viel schneller ausgebaut werden. Denn wer direkt an der Datenautobahn sitzt, der muss oft gar nicht mehr in die Großstadt pendeln, sondern arbeitet von zu Hause aus auf dem Dorf.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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