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Auf fließendem Grund

Von JUDITH LEMBKE
Die Bewohner des „Exbury Egg“ wollen im Einklang mit der Natur leben. Foto: Phaidon

09.07.2018 · Hausboote versprechen Freiheit und Nähe zur Natur. Doch der Weg aufs Wasser ist steinig.

„A uf dem Wasser!“, hat Daniel Wickersheim immer geantwortet, wenn er als Jugendlicher im Südschwarzwald gefragt wurde, wo er später einmal leben wolle. Das Gefühl von Freiheit, von Ungebundenheit und die Nähe zur Natur faszinierten ihn. Seit knapp vier Jahren hat sich sein Wunsch erfüllt, der Architekt und gelernte Zimmermann wohnt auf dem selbstentworfenen Hausboot „Schwan“ am Norderkai-Ufer in Hamburg-Hammerbrook und sagt: „Ich will nie wieder anders wohnen!“

Im Jahr 2009 gewann Wickersheim einen der begehrten Liegeplätze, die der Bezirk Mitte in einem Wettbewerb ausgeschrieben hatte, aber erst fünf Jahre später konnte er in sein schwimmendes Zuhause ziehen. Seine Geschichte zeigt, dass es zwar nicht unbedingt eine gute Fee, sondern nur eine aufgeschlossene Behörde braucht, um Wohnen auf flüssigem Grund zu ermöglichen. Sie beweist aber auch, dass Wohnen auf dem Wasser viel Geduld und eine gewisse Hartnäckigkeit voraussetzt – vor allem in einer deutschen Großstadt. Denn zwischen der Faszination, die Hausboote auf viele Menschen ausüben, und der Möglichkeit, dauerhaft auf einem zu leben, klafft in Deutschland eine riesige Lücke. Seen, stillgelegte Hafenbecken und Flüsse scheinen zwar auf den ersten Blick eine Fülle an Liegeplätzen zu bieten: Auf den zweiten Blick tritt der potentielle Hausbootbewohner häufig mit anderen Interessen in Konflikt, mit Anwohnern, dem Umweltschutz oder Gewerbetreibenden zum Beispiel. Auch wenn die Wasserflächen der Allgemeinheit gehören, ist das Ufer nicht selten in Privatbesitz.

„The Chichester“ soll die Wohnungsnot in London lindern. Foto: Mark Junak

Und auf das Land drum herum ist ein Hausbootbewohner angewiesen, möchte er sein Zuhause betreten können, dort Internet und fließendes Wasser haben.

Sowohl das Genehmigungsverfahren als auch die Erschließung sind deutlich aufwendiger als bei einem Einfamilienhaus im Neubaugebiet. Den Bauplatz auf dem Wasser zu erschließen kann bis zu 120.000 Euro kosten, die der Bauherr selbst tragen muss. Denn das schwimmende Haus benötigt Anschlüsse für Strom, Wasser und Gas sowie den Zugang über einen Steg.


„Ich will nie wieder anders wohnen!“
DANIEL WICKERSHEIM

Auch die Kosten für das Hausboot könne man mit denen für ein Einfamilienhaus im Hamburger Speckgürtel vergleichen, sagt Wickersheim, der neben dem „Schwan“ mittlerweile auch schon weitere schwimmende Häuser geplant hat. Er beziffert die Kosten mit 400.000 bis 600.000 Euro. Dafür besitzt man allerdings kein Grundstück, sondern nur eine Sondernutzungsgenehmigung – im Fall von Wickersheim allerdings in zentraler Lage. „Der Preis ist durchaus konkurrenzfähig“, glaubt der Architekt.

Vom Schlafzimmerfenster zum Morgenbad in einer Utrecher Gracht Foto: Stijn Poalsta

Der Umgang mit Hausbooten ist in Deutschland regional ganz unterschiedlich. Während der Hamburger Senat vor mehr als einem Jahrzehnt den ehrgeizigen Plan ausgab, Teile der städtischen Wasserflächen zu besiedeln, und der Bezirk Mitte sogar einen eigenen „Genehmigungsleitfaden“ erstellt und einen „Hausbootkoordinator“ eingestellt hat, ist die Lage in Berlin ganz anders. Dort gibt es zwar auch viel Wasser, aber der Senat ist der Ansicht, dass Seen, Flüsse und ihre Ufer für alle Bewohner da seien. Baugenehmigungen auf Gewässern würden nicht erteilt, heißt es – allein schon zum Schutz der Natur.

Andernorts ist man deutlich weniger zurückhaltend. Vor allem in den Niederlanden hat das Wohnen auf dem Wasser eine lange Tradition. Die Grachten von Amsterdam sind mit bewohnten Schiffen und umgebauten Lastkähnen gesäumt, 2500 sollen es sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg galten sie der Stadt als innovative Lösung für den Wohnraummangel. Mittlerweile sind die Liegeplätze heiß begehrt und in zentralen Lagen auch sehr teuer. Doch in den Niederlanden sind die Hausboote mehr als nur farbenfrohe Folklore, sie gelten auch als eine Wohnform der Zukunft. In IJburg am Rande von Amsterdam ist die größte schwimmende Siedlung Europas entstanden – und wächst immer weiter. Das Wasserviertel soll einmal bis zu 40.000 Menschen Wohnraum mit Urlaubsflair bieten. Damit will man gleichzeitig der Wohnungsnot und dem Klimawandel begegnen: Die Häuser schwimmen auf, wenn der Meeresspiegel steigt.

Das russische „Dubldom“ ist modular. Foto: Ivan Ochinnikov

Auch in Dänemark gibt es Überlegungen, das Wasser zu besiedeln, weil es nicht genug bezahlbare Wohnungen an Land gibt. Das Projekt „Urban Rigger“ des dänischen Architekturbüros BIG ist ein konkreter Vorschlag, um Wohnraum für Studenten zu schaffen. Allein in Dänemark fehlten aktuell 24 000 Studentenunterkünfte, heißt es beim dänischen Bauministerium. Deswegen fiel der Blick der Architekten auf das Kopenhagener Hafenbecken: zentral gelegen, aber in großen Teilen ungenutzt. Dort könnte nun eine schwimmende Studentenstadt entstehen, ein Haus als Prototyp gibt es schon: Es besteht aus neun aufeinandergestapelten, ausrangierten Schiffscontainern, die insgesamt fünfzehn Zimmer mit bis zu 27 Quadratmetern Wohnfläche ergeben. Das System ist modular, die einzelnen schwimmenden Containerstapel werden miteinander über Stege verbunden, so dass sie nicht nur in Kopenhagen, sondern auch anderswo zum Einsatz kommen könnten – Studentenwohnungen fehlen schließlich fast überall in Europa.

Der „Urban Rigger“ ist eines von 37 Projekten, die in dem aktuellen Buch „Hausboote und schwimmende Häuser“ aus dem DVA Verlag vorgestellt werden. Von umgebauten Kähnen bis zu modernen Villen und spartanischen Mikrowohnungen auf dem Wasser zeigt das Buch die große Bandbreite schwimmender Architektur. Viele der Objekte sind temporär zu mieten – für alle, die das besondere Wohngefühl einmal erleben, aber nicht gleich aufs Wasser ziehen möchten.

Dieses Minihaus ist nur mit dem Boot zu erreichen. Foto: Klemens Grund/Elmar Heimbach

Auch das Buch „Am Wasser leben“ aus dem Phaidon Verlag widmet sich unter anderem schwimmenden Häusern. So unterschiedlich die dort vorgestellten Projekte auch sind – unkonventionell sind sie alle. Aber nicht aus Selbstzweck, sondern weil es Erfindergeist erfordert, ein unbewegliches Objekt mit einem fließenden Element in Einklang zu bringen. In beiden Büchern wird deutlich, dass gestalterisch und technisch vieles möglich ist. Die Hausbootprojekte scheitern oft eher am fehlenden Liegeplatz.

Im Moment bieten Hausboote und schwimmende Häuser vor allem Quartier für Individualisten mit genügend Eigenkapital, denn Banken geben für die Vorhaben üblicherweise keinen Kredit. Ein Hausboot kann schließlich keinem Grundstück zugeordnet werden, auf das sich eine Grundschuld eintragen ließe.

Foto: Phaidon
Gestalterisch und technisch ist bei Architektur am Wasser vieles möglich. Foto: Phaidon

Dabei steckt in der schwimmenden Architektur viel Potential, nicht nur zur Schaffung von Wohnraum, sondern auch um vergessene Flecken attraktiver zu machen. Im Jahr 2012 rief Scottish Canals, das für die schottischen Wasserwege verantwortliche staatliche Unternehmen, die Kampagne „Living on the Water“ ins Leben. Ziel war es, Leben und Arbeiten auf dem Wasser zu fördern, dadurch die Attraktivität der Region zu erhöhen und gleichzeitig die Wirtschaft zu stimulieren. Die Aktion war ein voller Erfolg, zahlreiche Menschen sind aufs Wasser gezogen, die Kanäle wurden wiederentdeckt.

„In Hausbooten steckt unglaublich viel Potential für die Stadtentwicklung“, glaubt auch Hausbootbewohner und -architekt Wickersheim. Er hat selbst erfahren, wie das vernachlässigte Norderkai-Ufer, an dem auch der „Schwan“ liegt, aufgelebt ist. „Durch die Hausboote schauen viele Menschen erst hin und nehmen die Ufer und Wasserflächen als Orte positiv wahr“, sagt Wickersheim. Kritik an den Hausbooten habe es auf der anderen Seite natürlich auch gegeben. „Dass wir als Yuppies beschimpft worden sind, war ungerecht und hat geschmerzt“, sagt er. Um das Wohnen auf dem Wasser in Deutschland voranzubringen, hat er mit anderen Architekten die „Coop Water House“ gegründet. „Ob Hamburg, Berlin oder Bremen – es gibt noch so viel ungenutztes Potential“, ist er überzeugt.


„In Hausbooten steckt unglaublich viel Potential für die Stadtentwicklung“
DANIEL WICKERSHEIM

Während sich die großen Städte mit Hausbooten noch schwertun, haben die Touristenregionen das Thema entdeckt. In Kappeln an der Schlei baut der Immobilienentwickler Helma das „Ostseeressort Olpenitz“ mit 60 schwimmenden Häusern als besonderem Hingucker. Und auch an der Goitzsche, einem künstlichen Seengebiet in Sachsen-Anhalt, ist man zufrieden mit den Häusern, die seit einiger Zeit auf dem Großen Goitzschesee schwimmen. Sie hätten „erheblich zur Steigerung der Attraktivität der Region Bitterfeld-Wolfen beigetragen“, heißt es von der Stadt. Die Möglichkeit, Urlaub auf dem Wasser zu verbringen, mache Bitterfeld-Wolfen als Urlaubsort weit über das Bundesland hinaus bekannt. Für eine Stadt, die früher als dreckigste Europas galt, kommt das fast einer Neuerfindung gleich.

Fotos: DVA
Sandra Leitte
Hausboote und schwimmende Häuser
224 Seiten mit 230 Farbabbildungen und 40 Grundrissen
DVA, Pappband, Format 17 x 17 cm
€ 29,95

Fotos: Phaidon Verlag
Am Wasser leben
Gebundene Ausgabe
Phaidon Verlag
€ 39,95

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 09.07.2018 15:07 Uhr