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Architekturentwürfe : Es möchte echt sein

Wer hat das denn erlaubt? Niemand. Aber in der virtuellen Welt hindert kein Baurecht Architekten daran, ihre Phantasie am schönen Strand von Amrum auszuleben. Bild: Bloomimages

Bilder von Architektur haben die Realität längst überholt. Sie zeigen Gebäude, die es noch nicht gibt, und verhelfen Planern zu Ruhm, noch bevor ihre Entwürfe gebaut wurden. Zu den Bildermachern für große Architekturbüros gehören Bloomimages aus Hamburg.

          Auf den ersten Blick sieht das Bild aus wie ein Schwarzweißfoto. Künstlerisch, ambitioniert. Es zeigt eine Straßenschlucht in New York. Tief und düster. Auf einen der Türme fällt ein Lichtschein, erhellt die Fassade und setzt den Bau mit der Adresse 425 Park Avenue in Szene. Er ist deutlich jünger als seine Nachbarn, das kann man sehen. Und dank der im oberen Teil in sich gedrehten Silhouette strahlt er eine für ein Hochhaus ungewöhnliche Leichtigkeit aus. Entworfen hat ihn Rem Koolhaas’ Architekturbüro OMA.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich steht dieses Gebäude in der berühmten New Yorker Straße gar nicht. Es wird auch nie gebaut werden. Das vermeintliche Foto ist ein Rendering, ein am Computer erzeugtes Bild. Mit ihm treten Architekten in Wettbewerben an, locken Projektentwickler Investoren und versuchen, die Öffentlichkeit für ihr Vorhaben einzunehmen. Der Entwurf des Hochhauses 425 Park Avenue, der auf den ersten Blick so wirkt, als sei er längst Beton und Glas geworden, musste sich im Wettbewerb dem Beitrag von Foster und Partner geschlagen geben.

          Es ist ein bisschen wie im Lied „Es möchte echt sein“ der Hamburger Deutschrockgruppe Die Sterne. „Gestern Utopie und heute überholt“ heißt es da. Das kommt einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man sich mit der am Computer simulierten Architektur befasst. Allerdings ist das Überholte nicht unbedingt aus der Welt.

          Gesendet, gesehen, weitergeleitet und im Gedächtnis eingebrannt

          Die Bilder halten sich, wenn sie beeindruckend genug sind. Mit einem einzigen Mausklick binnen Sekunden rund um den Erdball geschickt, angesehen, im Gedächtnis eingebrannt, weitergeleitet und reproduziert, führen manche eine Eigenleben, das sich von der Realität abkoppelt. Von Zaha Hadid gibt es diese zwei Bauten in Tiflis. Oder war das doch nur ein Entwurf, der nie über das Projektstadium hinauskam? Wer weiß das nach der fünften Begegnung mit dem scheinbaren Abbild schon so genau.

          Und so verdankt eine ganze Reihe prominenter Architekten ihre Bekanntheit weniger den tatsächlich nach ihren Plänen errichteten Häusern, Museen oder Sportstadien, als der medialen Präsenz ihrer Entwürfe. Das gilt für Graft, denen zudem die Zusammenarbeit mit Brad Pitt geholfen hat, und auch für den mit seinen Simulationen omnipräsenten Dänen Bjark Ingelsen, um nur zwei Namen zu nennen. Dessen Büro BIG scheint überall dabei zu sein, wo Großprojekte entstehen. Jedenfalls erweckt die PR-Abteilung mit einer Bilderflut diesen Eindruck.

          Zu besonderem Ruhm kam vor nicht allzu langer Zeit der italienische Architekt Antonino Cardillo. Er hatte seine allesamt ungebauten Entwürfe derart realistisch inszeniert, dass diverse Magazine der optischen Täuschung aufsaßen und die dargestellten Gebäude als besonders gelungene Neubauten feierten. Als der Schwindel aufflog, der Hochstapler bloßgestellt und die Zeitschriften blamiert waren, konterte Cardillo den Vorwurf der Täuschung, es werde doch ohnehin ständig manipuliert - in den Medien wie in der Darstellung von Architektur.

          Auf die Fotografie ist kein Verlass

          In der Tat haben geschönte Bilder von Bauwerken Tradition. Und keinesfalls lässt sich die Fotografie gegen die Visualisierung als verlässliche Quelle ins Feld führen. Denn auch der ist nicht zu trauen. Da wird der perfekte Winkel gesucht, gern im milden Licht des Abends fotografiert und im Zweifelsfall mit Bildbearbeitungsprogrammen nachgeholfen. Fotokünstler wie Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Philipp Schaerer halten sich in ihrer Arbeit ohnehin nicht an das, was das Auge sieht.

          Im Rennen um Aufmerksamkeit hat die Nase vorn, wer die besten Bilder vorzeigen kann. Einige der ebenso trügerischen wie beeindruckenden Illusionen entstehen im dritten Stock eines etwas gammeligen Gewerbebaus unweit des Hamburger S-Bahnhofs Sternschanze. Hier sitzt Bloomimages in einem von keinem mit Weichzeichner geglätteten Umfeld. Seit fünf Jahren sind die beiden Architekten und früheren Kommilitonen André Feldewert und Christian Zöllner als Bildermacher im Simulationsgeschäft.

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