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Ungewöhnliche Architektur : Ganz schön gaga!

Ob Kunst oder nicht, schön oder kitschig – das Gebäude hat die Stadt über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Touristen aus Asien und Nordamerika wollen nicht das 2007 wiederaufgebaute Schloss besuchen, sondern das Rizzi House, beschreibt Reise. „Vor zwei Jahren ist sogar extra ein russisches Fernsehteam vorbeigekommen.“ Tatsächlich findet sich das Gebäude im Netz auf zahlreichen englischsprachigen Seiten als Sehenswürdigkeit wieder.

China verbietet „seltsame“ Architektur

Ähnliche Effekte gibt es auch in anderen Städten. Die Hundertwasser-Häuser sind wahre Touristenmagneten, genau wie die verspielten Fassaden der Dresdner Kunsthofpassagen oder die futuristische Villa E96, die zwischen traditionellen weißen Villen auf der Hamburger Elbchaussee mittlerweile zum exklusiven Veranstaltungsort geworden ist. In der Masse hat sich ein Baustil mit Augenzwinkern bisher trotzdem nicht durchgesetzt. Das Gegenteil zeichnet sich ab. Bauen wird langweiliger, findet Reise: „Wir haben heute so gute Baustoffe und technische Möglichkeiten wie nie zuvor, aber wir sind so einfallslos und funktional geworden. Das macht die Welt irgendwo trister.“

Seltsame Architektur? Das gehört verboten, befand Chinas Regierung. Der Hauptsitz von China Central Television bleibt trotzdem stehen.

Zwischen ulkig-naiven Gebäuden mit Spaßfaktor, formal-ästhetischer Baukunst und der Wahrung historisch gewachsener Lebensräume bewegt sich die Architektur in einem dauernden Balanceakt. Dass in dieser Frage sogar politische Brisanz steckt, zeigte sich 2016 in China. Die Regierung erließ kurzerhand ein Verbot für „seltsame“ Architektur, eine Reaktion unter anderem auf den wie eine gigantische Hose geformten Hauptsitz des China Central Television. An Spott mangelte es nicht. Der unbeschränkten Kreativität vor allem ausländischer Architekten entspringt auch der Guangzhou Circle, der an eine riesige Münze erinnert, das Olympiastadion, liebevoll Vogelnest getauft, und sogar eine riesige, bewohnbare Teekanne. Eine Spielwiese für Architekten, die ihre Entwürfe in den Heimatländern wohl nicht hätten umsetzen können. Jetzt ist auch diese geschlossen.

Das Gesamtbild muss harmonisch sein

Und China ist kein Einzelfall, sondern bis zum Verbot 2016 eher die Ausnahme. In Deutschland haben die Behörden einen strengen Blick und sind nicht zu Scherzen aufgelegt, wenn der Häuslebauer mal lustig aus der Reihe tanzen will – und wenn es nur die Dachform oder die Farbe der Fassade betrifft. Speziell im Stadtraum müssen sich Neubauten häufig nach Gestaltungs- oder Erhaltungssatzungen richten, sonst drohen empfindliche Geldbußen. Die rechtliche Wahrung gestalterischer Qualität und eines harmonischen Gesamtbilds in Stadtvierteln ist Anwohnern ein wichtiges Anliegen, nicht bloß architektonische Farbkleckse.

Dabei wenden sich Architekten und Bauherren solch skurriler Bauwerke meistens gar nicht gegen eine historische Substanz oder die Romantik kleiner Mittelalterstädtchen. Sie arbeiten sich vielmehr an dem „Form follows function“- Dogma der Moderne ab. Auf den berühmten Satz von Mies van der Rohe „Less is more“ entgegnete der amerikanische Architekt Robert Venturi nur ganz provokant „Less is a bore!“. Er sah in der reduzierten Bauhausarchitektur und der Moderne eine langweilige und zuweilen unmenschliche Wohnwelt, die den Bedürfnissen ihrer Bewohner einfach nicht gerecht wird. Menschen nähmen ihre Umwelt emotional und nicht intellektuell wahr. Deshalb hat Venturi mit radikaler Reduktion auch weit größere Probleme als mit überkandidelten Imitationen.

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