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Architektur in Südtirol : Alpenblick glasklar

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Die Spiegelfassade macht’s möglich: Die „Mirror Houses“ in Bozen verschmelzen mit ihrer Umgebung. Bild: Oskar Da Riz

Bergromantik war gestern. Immer mehr Südtiroler Neubauten machen mit moderner Architektur von sich reden. Auf Kosten der regionalen Identität geht das nicht. Im Gegenteil.

          Wer sich im Internet ein Bild von Südtirol macht, der stößt auf allerhand Dolomiten- und Almenimpressionen sowie Burgen und Kirchtürme, die aus den Bergdörfern spitz in den blauen Himmel ragen. Doch hinter dem Klischee verbirgt sich ein ganz anderes Bild von Südtirol. Man muss dafür nur ein wenig die touristisch ausgetretenen Wege verlassen.

          Dafür, dass das Haus Pliscia im Gadertal vom „Südtiroler Architekturpreis“ über den „Best Architects Award 2015“ bis hin zum „German Design Award 2015“ jede Menge Preise gewonnen hat, liegt es ziemlich abgeschieden inmitten eines Weilers. Dank der steilen Hanglage thront das schwarze Holzhaus förmlich über dem Tal. Genauer gesagt, handelt es sich um ein Ensemble. Unterhalb des Wohnhauses steht ein Gästehaus. Zusammen erinnern die beiden Gebäude an einen traditionellen Paarhof aus Wohn- und Wirtschaftshaus.

          Zwei kleine Jungs toben gerade, unterlegt vom Läuten der Kuhglocken, über die Wiese. Der Vater, Armin Pedevilla, ist gleichzeitig Bauherr und Architekt des Hauses. Mit seinem Bruder Alexander führt er im 15 Kilometer entfernten Bruneck das Büro „Pedevilla Architects“. Seine Frau, Caroline Willeit, ist ebenfalls Architektin. Gemeinsam hat das Paar von 2012 bis 2013 dort gebaut, wo früher der Selbstversorgerhof von Pedevillas Eltern stand. Dem Architekten sei der Abriss schwergefallen, „doch der Hof war leider nicht mehr zu retten“.

          Zirbenholz und Dolomitengestein sorgen im Haus Pliscia für Behaglichkeit. Unsere Fotos zeigen, wie regionale Identität und Moderne in Südtirol zusammen funktionieren. Bilderstrecke

          Der Neubau ist ein Hybrid, so wie die ladinische Sprache der Region eine Art Neulatein ist. Und er überzeugt wie ein guter Spinatknödel, das klassische Südtiroler Gericht, durch kunstvolle Einfachheit. Einerseits das typische Satteldach und die Holzverschalung. Andererseits der ungewohnt dunkle Anstrich und die großen Fenster ohne Klappläden.

          In den 200 Quadratmeter großen Innenräumen gehen Modernes und Traditionelles eine direkte Liaison ein. Alte Holztruhen und Stühle aus dem Haus der Eltern stehen auf muschelfarbenem Sichtbeton. Der wirkt warm und weich, weniger wie die übliche Schmirgelpapier-Haptik. Grund dafür ist das kalkhaltige Dolomitengestein aus einem nahen Steinbruch, das dem Beton beigemischt wurde. Der Beton ist auch ein intelligenter Wärmespeicher mit einer Kapazität von rund 22 Grad Celsius. Das erst macht die großen Fenster möglich. Denn auf 1200 Höhenmetern wird es nachts und im Winter kalt. Deshalb waren in der Vergangenheit die Fenster der Höfe auch so klein.

          Der Architekt bemühte sich auch sonst, das Haus so nachhaltig wie möglich zu bauen. Die Lärche von der Außenfassade und die Zirbenhölzer in den Innenräumen stammen ebenfalls aus der Region. Geothermie und Photovoltaik sorgen dafür, dass das Haus energetisch autark ist. Nicht zuletzt ist der schwarze Außenanstrich auch keinem Trend geschuldet, sondern eine Reminiszenz an die gelebte Bauart auf dem Land. Früher machten die Bauern ihre Holzhäuser durch Abflammen witterungsbeständig. Auch optisch sei der karbonisierte Look sinnvoll. „Neue, helle Holzplanken wären zu auffällig gewesen“, sagt Pedevilla, der selbst auch eher unauffällig und reflektiert auftritt - nicht nur, was seine dunkle Architektengarderobe betrifft.

          Die Nachbarn müssen mitziehen

          Die Akzeptanz der Nachbarn ist in so einer abgelegenen Gegend wie dem Gadertal nämlich entscheidend. „Da müssen die anderen schon alles Neue gut finden“, weiß Pedevilla. Im Weiler kennen sie ihn und seinen Bruder, seit er ein Kind ist. Immer wieder haben sich die Nachbarn nach dem neuesten Stand erkundigt. „Sie schätzen es, dass wir hier bewusst mit der Tradition umgegangen sind.“

          Das Leben in der Stadt vermisst die junge Familie auch nach zwei Jahren in Pliscia nicht. Warum auch? Von der Küche hat man durch die große Fensterfront einen sensationellen Blick auf den Peitlerkofel. Rechts neben der Küche liegt die Stube. Im sechs Meter hohen First darüber befinden sich die Arbeitsebene und die Bibliothek. In der untersten Etage sind die drei Schlaf- und das Badezimmer. „Wir haben lange an dem Entwurf gefeilt. Doch dass es so toll umgesetzt wird, haben wir selbst nicht gedacht“, sagt Caroline Willeit.

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