https://www.faz.net/-gz7-6zn4n

Moderne Büroarchitektur (3) : Der Erste lässt die Tische runter

Büroräume mit Plus: Heldergroens Firmensitz in Haarlem bietet mehr als nur eine Nutzungsmöglichkeit Bild: Cornbread Works

Mehrere Möglichkeiten: Eine niederländische Werbeagentur nutzt ihr Büro auch nach Feierabend. Dafür lässt sie die Schreibtische einfach in der Decke verschwinden.

          Wer zuerst kommt, drückt den Knopf - sonst läuft nichts bei Heldergroen. Damit die fünfzehnköpfige Mannschaft um die beiden Gründer Jeroen van Zwetselaar und Sander Veenendaal am Morgen mit einer neuen Werbekampagne loslegen kann, müssen zunächst einmal die Tische von der 5 Meter hohen Decke zu Boden gelassen werden. Am Abend zuvor hat in der etwa 200 Quadratmeter großen Büroetage vielleicht noch die Yoga-Gruppe Om gesungen. Oder die Belegschaft nutzte den freien Raum, um ein bisschen Fußball zu spielen, mit dem Skateboard zu fahren, mit Geschäftsfreunden zu feiern.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass im Erdgeschoss des Silos am Fanny Blankers Koenplein im nordholländischen Ort Haarlem morgens um neun große hölzerne Tische herabschweben, Stühle und Rollcontainer aus Contenstahl wieder an ihre Plätze gestellt werden, ist ein ungewöhnlicher Gag. Damit stellt das Unternehmen aus der Werbe- und Designbranche auch in der Gestaltung der eigenen Büroräume seine Originalität unter Beweis. Nur ein paar Schreibtische von Eiermann samt Designklassiker-Bestuhlung auf einen Sichtbetonboden zu stellen reicht nicht. Das ist zwar schick, kann aber schließlich jeder. Im Fall eines Büros, das seinen Kunden Inspiration und Kreativität verspricht, darf es doch etwas mehr sein.

          Hellgrünes Image

          Van Zwetselaar und Veenendaal wissen, dass es am Ende immer auf die Geschichte ankommt, die man erzählt, um etwas zu verkaufen. Und so haben die beiden Unternehmer selbstverständlich auch für ihre Einrichtungsidee eine solche parat. Sie habe das Phänomen interessiert, dass Büros am Feierabend leer stünden, sagt Veenendaal.

          Heldergroen heißt zu Deutsch Hellgrün. Der Name gibt einen Hinweis auf das Image, das sich das Unternehmen geben will. Die beiden 1976 geborenen Gründer wollen jedenfalls für einen bewussten Umgang mit Ressourcen stehen. Dazu zählt für sie auch die Frage, ob und wie sich Räumlichkeiten besser nutzen lassen.

          Das war vor etwas mehr als zwei Jahren: Damals erwarb die erst vier Köpfe zählende Agentur aus Utrecht quasi über Nacht ein altes Silo, in dem der Schokoladenfabrikant Drost einst Kakao lagerte. „Wir hatten bestimmte Vorstellungen“, erzählt Veenendaal. Bei Heldergroen wollten sie bis zu einem gewissen Grad das Arbeiten mit dem Wohnen verbinden. „Wir haben einen Standort gesucht, der mit seinem Umfeld verbunden ist, sich nach außen öffnet“, sagt der Unternehmenschef. Weil sie in Utrecht nichts Passendes fanden, suchten sie in Haarlem - und stießen auf das Silo. Nur vier Tage später seien sie sich mit dem Verkäufer einig gewesen.

          Unbekanntes Haarlem

          Das Gebäude war ziemlich heruntergekommen. Es brachte aber aus Sicht der Käufer jede Menge Vorzüge mit sich: gute Lage am Wasser, Nähe zum Zentrum, reichlich Platz. Heute verfügt es mit seinen drei Glasfronten im Erdgeschoss über jene Offenheit, die die neuen Eigentümer sich wünschten. Zudem hat es Geschichte. Um diese weiter zu erzählen, streifte sich das Heldergroen-Team knallige Warnwesten über und strömte in die Umgebung aus. „Haarlem kannte uns nicht, und wir kannten Haarlem nicht“, schildert Veenendaal den Antrieb zur Exkursion am neuen Standort.

          Einsatzbereit: Das Großraumbüro von Heldergroen Bilderstrecke

          Der Agentur ging es ums Kennenlernen und Auffallen. In Veenendaals Version hat Heldergroen den Streifzug allerdings auch dazu genutzt, Material für die Innenausstattung des neuen Büros zu finden: Ein Großteil des Interieurs besteht aus wiederverwertetem Altmetall von Autowracks und Holz von Telefonmasten. Nachhaltigkeit, sagt Veenendaal, klinge heute nicht mehr langweilig: „Wie cool Nachhaltigkeit sein kann, das zeigen wir.“

          Er und van Zwetselaar hatten, als sie das Silo erwarben, in groben Zügen schon die Idee, wie ihr neues Büro aussehen sollte. Um das Vorhaben umzusetzen und die nötige Infrastruktur zu schaffen, zogen sie für den Innenausbau das Utrechter Architektenbüro Zecc sowie für die Einrichtung einen Möbeldesigner hinzu. Herausgekommen ist ein sehr individueller Unternehmenssitz.

          Tische an der Decke

          Die Chefs haben Einzelbüros, deren Glaswände aber Blickkontakt untereinander wie mit den anderen Mitarbeitern ermöglichen. Auch gibt es einen separaten Raum für Besprechungen. Ansonsten herrscht Weiträumigkeit, die noch verstärkt wird, wenn die großen Holztische hoch oben an der Decke hängen.

          Für das Aufzugssystem machten sich die Architekten von Zecc übrigens Theatertechnik zunutze. Die Tische verschwinden fast lautlos in Boxen an der Decke, die zudem nicht nur die Lichttechnik beherbergen, sondern auch für die Schalldämmung sorgen. „Da gab es schon einige Fragen zu klären“, räumt Veenendaal ein. Bei fast 200 Quadratmetern Fläche und 5 Metern Deckenhöhe befürchteten die neuen Eigentümer, dass der Hall unerträglich sein würde. Um hässlichen Kabelsalat zu vermeiden, sind sämtliche Computerkabel in flexiblen weißen Hüllen gebündelt, die aus der Medizintechnik stammen.

          200.000 Euro für das Büro

          Auch für die offene Küchenzeile haben sich Planer und Eigentümer etwas Besonderes einfallen lassen. Um der Wand mit den Versorgungseinrichtungen mehr Pep zu geben, haben sie für die Oberflächen gepresstes Metall verwendet. Sehr dünn und roh wirkt die weißlackierte Schicht. Die Zeile hat zudem eine raumgliedernde Funktion. Hinter ihr verbergen sich die Toilette, der Server-Raum, die Garderobe und alles, was in der trendigen Bürowelt stören könnte.

          Günstig war der Innenausbau des Silo-Erdgeschosses übrigens nicht. An die 200.000 Euro hätten sie am Ende in ihr neues Büro gesteckt, sagt Veenendaal. Viel mehr als zunächst gedacht. Weil die Räume im Silo sich bestens für Heldergroens Eigenwerbung eignen, haben die Chefs zur Finanzierung des Ausbaus Gelder aus dem Marketingbudget beigesteuert.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den amerikanischen Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max wieder fliegen dürfen. Unter den Forderern ist auch Chesley "Sully" Sullenberger, der mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte schrieb.

          Topmeldungen

          Nur Verlierer: Taugt die neue Grundsteuer-Reform überhaupt?

          Mehrbelastung : Die neue Grundsteuer schafft viele Verlierer

          Die Reform der Grundsteuer hat zum Ziel, die Steuerzahler zukünftig nicht mehr zu belasten. Doch selbst wenn die Städte den Hebesatz anpassen, zahlen manche mehr.
          Rechnet sich die Bundesregierung den Haushalt schön?

          Vor Kabinettsbeschluss : FDP kritisiert unehrlichen Bundeshaushalt

          Am Mittwoch will das Kabinett den Bundeshaushalt für das kommende Jahr absegnen. Die Industrie ist unzufrieden mit den Plänen und fordert mehr Investitionen. Die FDP sieht dagegen Rechentricks und geplatzte Träume.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.