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Lärm in Großraumbüros : Schall und Rauschen am Arbeitsplatz

  • -Aktualisiert am

Wenn man das eigene Wort nicht mehr versteht, ist der Kollege zu laut oder die Akustik zu schlecht Bild: AP

Lärmbelastung in Großraumbüros wurde lange Zeit unterschätzt. Eine gute Raumakustik ist immer auch eine Gratwanderung, und dass der Mensch als Lärmquelle Täter und Opfer zugleich ist, macht die Sache nicht einfacher.

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          Hendrik Hund war mächtig stolz: Als sein Unternehmen vor zehn Jahren ein neues Verwaltungsgebäude im baden-württembergischen Biberach bezog, dachte der Chef, alles richtig gemacht zu haben. Bis ihm die ersten Beschwerden zu Gehör kamen, Mitarbeiter aus dem mit 15 Arbeitsplätzen noch recht überschaubaren Großraumbüro über Lärmbelästigungen klagten. Nicht Drucker oder Kopierer hatten ihnen zugesetzt, sondern Kollegengespräche. „Wir waren da relativ unvorbereitet“, räumt Hund ein, man habe das Problem unterschätzt.

          Viele Arbeitnehmer klagen über Lärm im Büro. Ständig klingelt irgendwo das Telefon, unterhalten sich Kollegen, laufen Menschen zwischen den Schreibtischen umher, rattern Kopierer. An konzentriertes Arbeiten ist da kaum zu denken. Wie stark die Belästigung tatsächlich ist, kann der Betroffene nur für sich selbst beurteilen. Denn Lärm ist auch eine subjektive Kategorie.

          Es kommt nicht so sehr auf die Lautstärke an

          „Lärm ist unerwünschter Schall“, sagt Markus Meis vom Hörzentrum in Oldenburg. Meis, der in Trier und München Experimentelle und Medizinische Psychologie studierte, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen der Lärmwirkungsforschung. „Das ist ein Dilemma“, erläutert er das Paradoxon: Befindet sich ein Mensch in einer Zuhörsituation, sprich im Gespräch, ist der Sprachschall erwünscht und wird nicht als Lärm empfunden. Für den unfreiwilligen, eigentlich unbeteiligten Ohrenzeugen am Nachbarschreibtisch kann ein und dasselbe Gespräch jedoch in Lärm ausarten; der Schall ist nun unerwünscht und lenkt nur von der Arbeit ab.

          Je größer der Raum und die Anzahl der Arbeitsplätze, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, von Lärm belästigt zu werden und einer permanenten Geräuschkulisse ausgesetzt zu sein. Dabei kommt es nicht so sehr auf die Lautstärke an, im Gegenteil: „Der Schalldruck ist hier in den meisten Fällen unerheblich“, erläutert Meis. Eine bleibende Schädigung des Gehörs, wie sie bei einem Dauerschallpegel von 80 Dezibel und mehr drohen, sind in einer Bürolandschaft nicht zu erwarten; der Geräuschpegel sollte hier 45 Dezibel nicht überschreiten.

          Auf Dauer wird der Organismus überfordert

          Völlig unbedenklich ist die Geräuschkulisse im Großraumbüro dennoch nicht. Auch Schalldruck, der das Gehör nicht schädigt, kann auf mittlere und lange Sicht Folgen haben, gibt Meis zu bedenken. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die aktivierende Wirkung von Lärm: der Puls steigt, Blutdruck und Adrenalinmenge ebenso. Auf Dauer kann diese Mixtur einen menschlichen Organismus schon mal überfordern. Vor allem aber wirkt Lärm leistungsmindernd: Wer wiederholt aus seiner Arbeit gerissen wird, sich nicht konzentrieren kann, der wird am Ende des Tages wenig zustande gebracht haben; zudem kostet das Arbeiten in lärmreicher Umgebung derart viel Anstrengung, dass die Geplagten am Abend erschöpft das Büro verlassen.

          Gernot Henrich ist seit Mitte der 1970er Jahre in Sachen Lärmschutz unterwegs. Der Bochumer Diplom-Ingenieur erinnert auch an den Aufschaukeleffekt: Um sich trotz Geräuschkulisse Gehör zu verschaffen, neigt der Mensch dazu, den anderen übertönen zu wollen. So steigt der Lärmpegel weiter an. Henrich macht immer wieder die Erfahrung, dass bei der Planung von Bürogebäuden der Faktor Raumakustik wenig bis gar nicht berücksichtigt wurde. „Dabei wäre es viel einfacher, im Vorhinein zu klären, für welche Nutzung die Räume vorgesehen sind und welche Raumakustik sie haben sollten“, warnt er davor, am falschen Ende zu sparen. Werden Fachleute wie er oder Meis gerufen, liegt das Kind oft schon im Brunnen, hat der Lärm im Büro für einige Missstimmung gesorgt. Nun ist ein Balanceakt vonnöten: zwischen möglichst geringer Nachhallzeit und hoher, aber nicht allzu guter Sprachverständlichkeit.

          Es fehlt an schallabsorbierenden Flächen

          Generell gilt, dass eine lange Nachhallzeit zu einer relativ großen Sprachunverständlichkeit führt. Was nicht im Sinne des Erfinders ist, denn Großraumbüros sind auch Ausdruck einer „Meeting-Kultur“ (Meis), die direkte Kommunikation ist hier das A und O. Wer da das Wort seines Gegenübers nur mit Mühe versteht, ist am falschen Platz. Das muss gleichwohl nicht bedeuten, dass eine möglichst hohe Sprachverständlichkeit das Nonplusultra ist. Allzu gut sollte man sich im Büro nicht verstehen, zumindest nicht über mehrere Schreibtische hinweg: Denn was dort gesprochen wird, führt beim unfreiwilligen Zuhörer zu einem Verlust an Konzentration. Zudem leidet die Privatsphäre. Weder Halle noch Tonstudio führten zum Ziel, gibt Meis die Devise aus. Je nach Größe des Büros empfehlen Experten eine Nachhallzeit von 0,5 bis 0,8 Sekunden. Zum Vergleich: In Kirchenräumen liegt die Nachhallzeit bei vier Sekunden und mehr.

          Dass Experten wie Gernot Henrich gefragt sind, hat verschiedene Ursachen. Der Raumakustiker beklagt in der Innenarchitektur einen Trend zu „kühl und glatt“. Räume würden spartanischer eingerichtet, glatte Oberflächen dominierten das Interieur. Der Schall wird an Wänden, Decken und Böden reflektiert, doch fehlt es an schallabsorbierenden Flächen, was wiederum zu langen Nachhallzeiten bis hin zur Cafeteria-Akustik führt. Dabei mangelt es nicht an schallabsorbierenden Materialien, die auch nachträglich eingebaut werden können. Der Reigen reicht von Glas- und Mineralfaserplatten über Schaumstoffe bis hin zu geschlitzten oder perforierten Holzpaneelen; oder auch mikroperforierten Schallabsorbern, die aus Holz, Folie oder auch Plexiglas sind. Ihr Wirkungsgrad unterscheidet sich je nach Material und Größe der Fläche, auf der sie angebracht werden. Grundsätzlich bieten sich Decken und Wände für schallabsorbierende Materialien an, doch der verstärkte Einsatz thermoaktiver Bauteile wie beispielsweise Betondecken verlangt zunehmend nach alternativen Lösungen.

          Gleiches mit Gleichem beschallen

          Hendrik Hund, dessen Unternehmen Büromöbel herstellt, hat die Bedeutung des Themas Lärm am Arbeitsplatz inzwischen erkannt. Der Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel e.V. (bso), dem der Biberacher vorsitzt, rät, auf jeden Fall auch bei der Möblierung von Bürolandschaften den Faktor Schall zu berücksichtigen. So sollten laut einer Empfehlung des bso gegenüberliegende Arbeitsplätze durch einen mindestens 70 Zentimeter hohen, schallabsorbierenden Aufsatz voneinander getrennt werden. Hierdurch lässt sich der Direktschall unterbrechen, der von einem Telefonat oder Gespräch des Kollegen ausgeht.

          Solche Aufsätze dienen als Schallschirme, die allesamt zum Ziel haben, die direkte Ausbreitung des Schalls aufzuhalten und so den Lärmpegel zu mindern. Als Schallschirme können auch Regale, Schränke und Stellwände herhalten. Drucker oder Kopierer sollten an einem Ort konzentriert werden. Besprechungsinseln können dazu beitragen, dass sich der Lärmpegel in Grenzen hält und die Angestellten nicht ständig von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten werden. Meis weist zudem auf die Möglichkeit einer elektroakustischen Bedämpfung hin, auch „Sound Masking“ genannt. Hierbei wird ein künstliches Hintergrundgeräusch, etwa ein Rauschen, in den Raum gegeben, um andere Geräusche zu „maskieren“, also zu übertönen. Informationshaltige Geräusche, beispielsweise das Gespräch der Kollegen, die besonders ablenkend sind, lassen sich auf diese Weise verdecken. Bisher konnte sich diese Methode hierzulande noch nicht durchsetzen, und ein Phänomen wird sich nie auflösen lassen: Büroangestellte sind als Lärmquellen und -geplagte gewissermaßen Täter und Opfer zugleich.

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