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Wohnvision : Wenn dein Haus dich durchschaut

  • -Aktualisiert am

Das Apartimentum des Unternehmers Lars Hinrichs sieht unspektakulär aus. Bild: Apartimentum

Ein Unternehmer aus Hamburg baut am derzeit intelligentesten Haus des Landes. Das soll seine Bewohner ausrechnen lernen – und ihnen so das Leben erleichtern.

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          Das Haus der Zukunft stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird seit fünf Jahren renoviert. „Eigentlich“, erinnert sich dessen Besitzer Lars Hinrichs, „wollte ich es nur sanieren und umbauen.“ Das war 2010 und die Sache hätte anderthalb Jahre dauern sollen. Doch heute ist das Haus noch immer nicht fertig, es steht im Rohbau - und das ist ein Glück. Denn der Denkmalschutz, der Lars Hinrichs am zügigen Bauen hinderte, verschaffte ihm ungewollt Zeit zum Nachdenken. Und aus dem gewöhnlichen Mietshaus wurde über die Jahre das intelligenteste Haus der demnächst beginnenden Gegenwart.

          Denn Lars Hinrichs ist nicht ein beliebiger Bauträger, sondern ein Unternehmer, der sein Geld im Internet verdient. Im Jahr 2003 gründete er das Berufs- und Karrierenetzwerk Xing und verkaufte es später für 48 Millionen Euro an den Burda-Verlag. Heute ist er in Unternehmen mit Namen wie HawkFwd, YieldKit, Cobook und Infogr.am investiert. Und in das alte Haus an Hamburgs Mittelweg, im vornehmen Stadtteil Rotherbaum.

          Die Hülle des Hauses stammt aus dem 19. Jahrhundert. Bilderstrecke
          Die Hülle des Hauses stammt aus dem 19. Jahrhundert. :

          Das Bauen, mit all seinen Streitigkeiten und Abgründen, ist ihm immer noch fremd: „Im Internet geht es immer um Ja oder Nein, beim Bauen ums Wenn, dann, um Machtpoker und Kompromisse: Oft muss man dabei einen Deal machen.“ Irgendwann aber wird das intelligente Haus auf jeden Fall fertig sein. Wie schlau es sein soll, davon zeugt zur Zeit nur eine Tür, die zu Demonstrationszwecken installiert wurde. Sie öffnet sich, wenn ein Bewohner sich mit seinem Smartphone nähert. Bluetooth, eine Nahfunkverbindung, stellt den Kontakt zwischen Mensch und Tür her, sie öffnet sich und der Mieter der Zukunft schreitet hindurch wie ein Pascha aus 1001 Nacht.

          Im Hausflur ist er da schon an einer Packstation von DHL vorbeigekommen. Die sieht wenig elegant aus, schickt dafür aber dem Mieter eine E-Mail, wenn ein Paket hineingelegt worden ist. Umgekehrt geht es auch, es werden Pakete auch abgeholt. In der Wohnung selbst erwarten den Mieter tausenderlei Gimmicks, von der ferngesteuert befüllten Badewanne, in der man endlich auch unter Wasser Musik hören kann, bis zum Sensor, der den CO2-Anteil der Luft misst und gegebenenfalls die Schreibtischlampe blinken lässt.

          Statt Händeklatschen wie ein Pascha nun also Bluetooth, Ethernet, Wifi, Multifunktionstaster und Steuerungsprozesse über IFTTT - der Mieter der Zukunft soll ein kleiner König sein und auch entsprechend Miete zahlen. Bei Hinrichs heißt sie Flatrate, wird nicht per Quadrat-, sondern per Kubikmeter berechnet und liegt deutlich im oberen Preissegment. Vor allem C-Level-Expats, also auswärtige Manager, die zwecks Arbeit nur vorübergehend in der Stadt sind, sollen sich davon angesprochen fühlen und Instant-Komfort genießen.

          Doch wer die Funktionslisten des Hauses studiert, den beschleichen andere Phantasien als die eines Managers, der alles im Griff hat: Man erinnert sich an Ohnmachtsgefühle, wie sie bei einem fehlgeschlagenen Windows-Update aufgetreten sind oder bei der mühsamen Installation eines neuen WLAN-Routers. Neue Technik, das weiß jeder, kann auch ganz schön nerven. Tatsächlich provoziert die Hausautomatisierung auch heute schon regelmäßig Wutanfälle. „Ich habe zu Hause ein BUS-System“, berichtet Lars Hinrichs, „ich ärgere mich jeden Tag“.

          Er tut dies gemeinsam mit Tausenden von Hausbesitzern, die sich die Steuerung als must have andrehen ließen und zumindest in der Anfangszeit immer wieder an der Technik scheiterten. Der Service-Fachmann wird in solchen Perioden zum vertrauten Freund der Familie und der Kauf einer neuen Stehleuchte zum Risiko für das Steuerungsmenu „Lichtstimmungen“. „Bei solchen Systemen werden die Einstellungen über einen Home-Server vordefiniert“, erklärt Hinrichs die heute üblichen Systeme, „eine nachträgliche Anpassung bedeutet enormen Aufwand, da die Steuerungssoftware nur durch einen Fachmann umgeschrieben werden kann. Diese Starrheit ist vergleichbar mit der Anpassungsfähigkeit eines Dinosauriers an Umweltveränderungen.“

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