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Baumhäuser : Aufsteigen um runterzukommen

Refugium im Westfälischen: Dieses Baumhaus nutzen drei Generationen Bild: Baumraum

Baumhäuser sind Sehnsuchtsorte - mehr noch für Erwachsene als für Kinder. Jetzt hat auch die Hotelbranche diese interessante Nische entdeckt. Ein Besuch in luftiger Höhe.

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          Mit etwas Abstand betrachtet, sehen die Dinge häufig anders aus. Manchmal reichen dafür schon wenige Meter. Für diese Erkenntnis muss man nicht erst auf einen Baum geklettert sein. Aber wer jemals auf einem Ast gerastet hat, weiß um die Vorzüge dieser höheren Warte. Denn der Baum bietet nicht nur einen Perspektivwechsel, sondern auch Schutz und Ruhe - der Katze vor dem Hund, den Kindern vor den Eltern und den Erwachsenen vor den Zumutungen des Alltags im Allgemeinen. Kinder steigen in die Bäume, um Abenteuer zu erleben; Erwachsene, um runterzukommen, zu entspannen.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Sehnsucht nach schönen Stunden unterm Blätterdach hat in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum zur Professionalisierung des Baumhausbaus geführt. Vorausgesetzt, das geeignete Grundstück samt geeignetem Baum sowie das nötige Kapital sind vorhanden, beauftragen offenbar immer mehr Bauherren eigens einen Planer, anstatt sich selbst eine solche Unterkunft zu zimmern. „Das ist schon ein bisschen ein Hype“, sagt Johannes Schelle. Der Münchner profitiert davon. 80 Häuser hat sein Unternehmen „Baumbaron“ in den vergangenen sechs Jahren gebaut; im ersten Jahr waren es vier, im letzten 20.

          Weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer

          Die meisten Auftraggeber, die Schelle anrufen, bestellen zunächst ein Baumhaus für ihre Kinder. „Das ist eigentlich immer das Gleiche“, erzählt der Ingenieur. Anfangs wollten sie nur ein Hüttchen für den Nachwuchs - weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer. Einen Platz zum Werkeln, Hausaufgaben machen und Träumen. Schelle bittet zum Planungstermin aber immer beide Elternteile hinzu.

          Am Ende ist der Bau eines solchen Luftschlosses oft ein Familienprojekt, weiß auch Andreas Wenning. Der Bremer ist im deutschsprachigen Raum Pionier, was den individuellen Baumhausbau angeht. Mit seinen vergleichsweise aufwendigen Entwürfen und der anspruchsvollen Innenraumgestaltung der Objekte hat sich sein Büro „Baumraum“ einen Namen gemacht. Insgesamt 42 dieser Minihäuser hat Wenning bisher entworfen. Der Architekt sagt, dass das, was als Projekt für die Kinder initiiert wird, oft Herzenswunsch der Erwachsenen ist, die das Baumhaus nur zu gern auch selbst nutzen.

          Zu seinen Kunden gehört auch jenes Ehepaar im westfälischen Ort Melle, das ein Refugium für sich, die Kinder und die Enkel bauen ließ. Eingebettet in dichte Büsche, zwischen einer Magnolie und mehreren Tannen, steht der Kubus, den die Bauherren als Rückzugs- und Gästezimmer nutzen; manchmal aber auch als besonderen Rahmen für Treffen mit Geschäftspartnern oder kleine Empfänge. Für die Kinder ist das mehr als 16 Quadratmeter große Häuschen mit der fast ebenso großen Terrasse vor allem aber Spielplatz.

          Ein Baumhaus an den Baum gebaut? Eher die Ausnahme

          Längst nicht alle Bauherren brauchen den Vorwand, für die Kinder bauen zu wollen. Die Baumhausplaner kennen mehrere Beispiele, in denen Erwachsene (Männer) sich ein Baumhaus zimmern lassen - für sich allein. Es sind Unternehmer, die sich vom Job und manchmal auch von der Familie auf den Baum zurückziehen; aber auch Künstler oder Pensionäre. Zu Schelles jüngsten Aufträgen zählt etwa jenes Baumhaus für einen nicht unvermögenden älteren Herren aus Königstein im Hochtaunus. Dieser hatte einen Herzinfarkt erlitten und sich schon dem Tod nahe gefühlt. Im Bewusstsein, dass seine Zeit endlich ist, wollte er sich noch einen besonderen Wunsch erfüllen - und bestellte ein Baumhaus. Von diesem Platz aus, in einer sehr großen Fichte, genießt er nun den Blick hinunter in die Mainebene.

          Dieses Baumhaus ist wirklich an den Baum gebaut. Das ist, obwohl der Name anderes verheißt, eher die Ausnahme. Häufiger stehen die kleinen Refugien auf Stützen. Wenning verwendet dafür in der Regel Edelstahl. Zu seinen schönsten Beispielen zählt wohl das Baumhaus, das - von zwölf Stützen getragen - mehr als vier Meter über einem Teich schwebt. Die Terrasse hängt mittels Stahlseilen und Textilgurten an einer Gruppe von Hemlocktannen.

          Zweige als zusätzliche Stütze

          Für die Baumhausplaner geht es bei jedem Vorhaben um die Frage, wie nahe sie mit dem Bau an den Baum rücken können, wie stark er belastet werden kann, ohne Verletzungen zu erleiden. Dass Äste das Baumhaus wie ein Nest tragen, kommt fast nie vor. In Frage kommen grundsätzlich nur gesunde Bäume, deren Stamm einen Durchmesser von mindestens 20 Zentimetern aufweist, wie Schelle erläutert. Bäume, die sich früh verzweigen wie Buchen oder Eichen, eignen sich besonders gut für Baumhäuser ohne zusätzliche Stütze.

          Im Einklang mit der Umgebung ist Holz der bevorzugte Baustoff. „Baumbaron“ verwendet nur Lärchenholz, das wegen seines hohen Harzgehaltes als sehr witterungsbeständig gilt. Wenning wählt auch andere Hölzer - und greift je nach Entwurf zudem oft auf weitere Materialien wie Edelstahl und Zinkblech zurück.

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          Die einfachste Form des Baumhaus besteht nur aus einer Plattform. Die kleinsten Baumhäuser sind mit zwei mal zwei Metern gerade groß genug, um auch als Schlafplatz zu dienen. Die größten erreichen an die 35 Quadratmeter und bieten den Komfort eines einfachen Appartements. Häufig lassen sich die Bauherren das Häuschen gleich mit Einbaumöbeln anfertigen, gern in platzsparenden Klappvarianten. 8000 bis 60000 Euro nennt Baumhausbauer Schelle als Preisspanne. Wennings Kunden investieren mindestens 10000 Euro, viele zwischen 30000 und 40000 Euro.

          Begeisterung fürs Rustikale und Einfache

          Die aufwendigeren Baumhütten sind gedämmt und verfügen über Strom, luxuriöse Baumhütten nicht nur über einen Wasseranschluss, sondern auch über Sanitäranlagen. Dies gilt vor allem für die Baumhaushotels, die derzeit in Mode sind. In Baiersbronn zum Beispiel will ein privater Investor im kommenden Jahr mit 20 Waldhäuschen auf Stelzen auf den Markt kommen. „Umweltnahe Unterkünfte liegen im Trend“, berichtet Wenning. Und auch sein Wettbewerber Schelle berichtet von steigenden Auftragszahlen in diesem Segment.

          Die Anbieter solcher Hotels setzen auf eine Klientel, die ein besonderes Raumerlebnis sucht, sich naturverbunden fühlt, aber selbst eher selten Baumhausbesitzer ist oder sein kann. Die Begeisterung vieler Gäste fürs Rustikale und Einfache endet allerdings rasch, wenn sie des Nachts bei Regen über ein Leiterchen zur Toilette müssen. Insofern sehen sich die Betreiber der Baumhaushotels gezwungen, den Besuchern eine Standardausstattung zu bieten. „Das ist aufwendig, aber im Prinzip kein Problem“, sagt Wenning. Die Versorgungsleitungen wie auch der Anschluss an die Kanalisation verlaufen durch die Stützen. Diese sind übrigens ebenfalls gedämmt, damit die Leitungen bei Kälte nicht einfrieren.

          Je größer und aufwendiger, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Baumhausbauer eine Baugenehmigung benötigen. Mit so einem Vorhaben bewege man sich im Graubereich, gibt Schelling zu bedenken. Er empfiehlt, sich in jedem Fall zu erkundigen und vor allem auf den Abstand zum Nachbargrundstück zu achten. In der Regel stoße ein solches Vorhaben auf Sympathie, erzählt er. „Nur bei einem der 80 Baumhäuser, die wir gebaut haben, gab es bisher Ärger.“

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