https://www.faz.net/-gz7-70b8g

Baumhäuser : Aufsteigen um runterzukommen

Refugium im Westfälischen: Dieses Baumhaus nutzen drei Generationen Bild: Baumraum

Baumhäuser sind Sehnsuchtsorte - mehr noch für Erwachsene als für Kinder. Jetzt hat auch die Hotelbranche diese interessante Nische entdeckt. Ein Besuch in luftiger Höhe.

          Mit etwas Abstand betrachtet, sehen die Dinge häufig anders aus. Manchmal reichen dafür schon wenige Meter. Für diese Erkenntnis muss man nicht erst auf einen Baum geklettert sein. Aber wer jemals auf einem Ast gerastet hat, weiß um die Vorzüge dieser höheren Warte. Denn der Baum bietet nicht nur einen Perspektivwechsel, sondern auch Schutz und Ruhe - der Katze vor dem Hund, den Kindern vor den Eltern und den Erwachsenen vor den Zumutungen des Alltags im Allgemeinen. Kinder steigen in die Bäume, um Abenteuer zu erleben; Erwachsene, um runterzukommen, zu entspannen.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Sehnsucht nach schönen Stunden unterm Blätterdach hat in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum zur Professionalisierung des Baumhausbaus geführt. Vorausgesetzt, das geeignete Grundstück samt geeignetem Baum sowie das nötige Kapital sind vorhanden, beauftragen offenbar immer mehr Bauherren eigens einen Planer, anstatt sich selbst eine solche Unterkunft zu zimmern. „Das ist schon ein bisschen ein Hype“, sagt Johannes Schelle. Der Münchner profitiert davon. 80 Häuser hat sein Unternehmen „Baumbaron“ in den vergangenen sechs Jahren gebaut; im ersten Jahr waren es vier, im letzten 20.

          Weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer

          Die meisten Auftraggeber, die Schelle anrufen, bestellen zunächst ein Baumhaus für ihre Kinder. „Das ist eigentlich immer das Gleiche“, erzählt der Ingenieur. Anfangs wollten sie nur ein Hüttchen für den Nachwuchs - weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer. Einen Platz zum Werkeln, Hausaufgaben machen und Träumen. Schelle bittet zum Planungstermin aber immer beide Elternteile hinzu.

          Am Ende ist der Bau eines solchen Luftschlosses oft ein Familienprojekt, weiß auch Andreas Wenning. Der Bremer ist im deutschsprachigen Raum Pionier, was den individuellen Baumhausbau angeht. Mit seinen vergleichsweise aufwendigen Entwürfen und der anspruchsvollen Innenraumgestaltung der Objekte hat sich sein Büro „Baumraum“ einen Namen gemacht. Insgesamt 42 dieser Minihäuser hat Wenning bisher entworfen. Der Architekt sagt, dass das, was als Projekt für die Kinder initiiert wird, oft Herzenswunsch der Erwachsenen ist, die das Baumhaus nur zu gern auch selbst nutzen.

          Zu seinen Kunden gehört auch jenes Ehepaar im westfälischen Ort Melle, das ein Refugium für sich, die Kinder und die Enkel bauen ließ. Eingebettet in dichte Büsche, zwischen einer Magnolie und mehreren Tannen, steht der Kubus, den die Bauherren als Rückzugs- und Gästezimmer nutzen; manchmal aber auch als besonderen Rahmen für Treffen mit Geschäftspartnern oder kleine Empfänge. Für die Kinder ist das mehr als 16 Quadratmeter große Häuschen mit der fast ebenso großen Terrasse vor allem aber Spielplatz.

          Ein Baumhaus an den Baum gebaut? Eher die Ausnahme

          Längst nicht alle Bauherren brauchen den Vorwand, für die Kinder bauen zu wollen. Die Baumhausplaner kennen mehrere Beispiele, in denen Erwachsene (Männer) sich ein Baumhaus zimmern lassen - für sich allein. Es sind Unternehmer, die sich vom Job und manchmal auch von der Familie auf den Baum zurückziehen; aber auch Künstler oder Pensionäre. Zu Schelles jüngsten Aufträgen zählt etwa jenes Baumhaus für einen nicht unvermögenden älteren Herren aus Königstein im Hochtaunus. Dieser hatte einen Herzinfarkt erlitten und sich schon dem Tod nahe gefühlt. Im Bewusstsein, dass seine Zeit endlich ist, wollte er sich noch einen besonderen Wunsch erfüllen - und bestellte ein Baumhaus. Von diesem Platz aus, in einer sehr großen Fichte, genießt er nun den Blick hinunter in die Mainebene.

          Weitere Themen

          Eisbärin allein in der Stadt Video-Seite öffnen

          Auf Futtersuche? : Eisbärin allein in der Stadt

          Ein völlig abgemagerter weiblicher Eisbär wurde in der nordsibirischen Industriestadt Norilsk gesichtet. Seit 40 Jahren wurde in dieser Gegend kein Eisbär mehr gesichtet – wieso jetzt, ist noch unklar.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.
          Will ihren WM Titel von 2018 verteidigen: Kickboxerin Marie Lang

          FAZ Plus Artikel: Kickbox-Weltmeisterin Lang : Vom Küken zur Kriegerin

          Als Marie Lang zum Kickboxem kam, war sie ein „megaschüchterner Teenie“ – immer in der Opferrolle, wenn sie in der Disco einer begrapscht hat. Dank ihres Sports und ihres Trainers ist sie nun stark. Nur eines ist geblieben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.