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Anders Wohnen : Quadratisch, praktisch, gut

  • -Aktualisiert am

Die frühere Botschaft: Ultramarin für die Fassade, doch ansonsten eher schlicht Bild: Andreas Pein

Im Ostberliner Stadtteil Pankow hat Luzi Beyer die frühere Botschaft von Laos in ein Mehrfamilienhaus verwandelt. Den schnörkellosen Funktionalismus mochte sie schon immer und hat wenig verändert.

          Ghana liegt gleich hinterm Gartenzaun, und Eritrea ist nur einen Steinwurf entfernt. Genauso wie die Republik Moldau, Bosnien-Hercegovina, der Inselstaat der Kapverden und die Sozialistische Republik Kuba. All diese Länder sind die Nachbarn von Luzi Beyer: Eine eigenwillige Welt im Kleinen, eingezwängt in nur drei Berliner Nebenstraßen. Die Botschaften jener Staaten, die hier dicht beieinanderstehen, stecken alle noch in jenem sozialistischen Einheitswürfel, den die DDR einst für ihr Diplomatenviertel im Stadtteil Pankow ersann.

          Schnörkellose Kästen sind das. Quadratisch, praktisch, gut, wie die Psychologiedozentin Beyer, die auch einen bewohnt, urteilt. Drei Etagen bieten viel Platz, jedes Stockwerk ist klar gegliedert, es gibt große Fensterflächen. Mit anhaltender Begeisterung führt die Wissenschaftlerin durch ihr Haus, das sie nun schon seit neun Jahren besitzt, und beweist immer gern aufs Neue, mit etwas verschmitzter Miene, dass es ein 70er-Jahre-Bau ohne jeden Zierrat ist. Biederen DDR-Protz, den Neugierige als Hinterlassenschaft im Innern erwarten, gibt es nicht - und gab es auch nie, wie Luzi Beyer hinzufügt, ebenso wenig wie echten Luxus oder landestypische Ornamente aus der Zeit, als ihr Haus die Botschaft der Volksrepublik Laos war. Stattdessen ist alles kantig - Funktionalismus pur. Das mochte sie schon immer, und so wurde sie zur Ersten, die eine einstige Ostbotschaft zum privaten Domizil umfunktionierte.

          Rostig-gartenkünstlerische Fahnenmasten

          „Der Bauhaus-Stil zog mich an“, sagt sie, „und natürlich der riesige Garten.“ Einen kräftigen Ton aus der Farbpalette der Moderne hat sie ihrem Haus denn auch verpasst, in Ultramarin leuchtet es aus der Reihe seiner Nachbarn hervor. Drei Familien leben in der ehemaligen Botschaft. Jede hat eine Etage von 150 Quadratmeter Wohnfläche. Sie wollen mit ihrem Haus nicht wie auf dem Präsentierteller leben, nicht so einsehbar, wie es die Botschaften im Viertel immer sein sollten und wie es die wenigen verbliebenen Vertretungen auch noch sind. Dort sind die Vorgärten rasiert, zwei Fahnenmasten stehen Spalier, und die Eingänge werden mit Kameras überwacht.

          Vieles blieb unverändert wie zum Beispiel die Deckentäfelung...

          Im Gegensatz dazu wirkt das Anwesen von Luzi Beyer fast zugewuchert, die beiden Masten, die sie behalten hat, haben nichts Offizielles, sondern allenfalls etwas Rostig-gartenkünstlerisches. Gleich dahinter folgt die metallene Wendeltreppe, die neu ans Haus angebaut wurde. Sie erschließt die drei Geschosse von außen.

          „Mit wenig Mitteln viel bewirken“

          Ein wenig haben die drei Familien mit ihren sieben Kindern das Haus in die Villa Kunterbunt des Viertels verwandelt. Durch irgendeine der Wohnungstüren zieht eigentlich immer ein Grüppchen spielender Kinder, ständig in Bewegung zwischen den Etagen, auf dem Platz vor den einstigen Botschaftsgarage oder zwischen den Gärten vorn und hinten. Oder einer der Erwachsenen kümmert sich gerade um ein Gemüsebeet neben dem Haus. Insofern wirkt der Würfel trotz seiner fast überirdischen Farbe geerdet.

          Luzi Beyer und ihr Mann Henning Grote bewohnen mit ihrer Tochter die mittlere Etage. Das war einst die rein dienstliche Ebene der Vertretung: mit Salons, Arbeitszimmern und großer Küche. Im Geschoss darüber lag die Botschafterwohnung, unten im Erdgeschoss befanden sich weitere Wohn- und Diensträume. Die Etagen über und unter ihr hat Luzi Beyer vermietet. „Genau dafür war der schlichte Kasten perfekt geeignet“, erläutert sie, „ich konnte mit wenig Mitteln viel bewirken.“ In einer Art Mittelfuge des Botschaftswürfels lag ein großes Treppenhaus, das die neue Eigentümerin erst einmal weiternutzte. Zwischenwände wurden eingezogen, damit jede Etagenwohnung ihren eigenen Eingang erhielt. Eine Behelfslösung, aber ausreichend. Mit dem Plan, dauerhaft zwei Etagen zu vermieten, erhielt die damalige Doktorandin einen Bankkredit für den Kauf des Hauses.

          Die Schweiz, Finnland und Indien zogen ein

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