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Anders Wohnen (7) : Wohnen wie im Industrie-Palast

Katja Leistenschneider und Hans-Peter Anders leben mit ihren Kindern in der ehemaligen Maschinenhalle einer Kohleschachtanlage in Bochum Bild: F.A.Z./Edgar Schoepal

In Bochum residieren Katja Leistenschneider und Hans-Peter Anders mit ihren Kindern in einer Maschinenhalle. Auf 400 Quadratmetern Wohnfläche können sie sich ausbreiten. Besucher fragen unweigerlich nach den Heizkosten.

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          Der Wohnraum ist groß wie ein Ballsaal, und die fünf Meter hohen Fenster würden auch zu einer Kirche passen. Wie lang man wohl braucht, um die riesigen Glasflächen zu putzen? Eine kleinliche Frage angesichts der Großzügigkeit des Raums. Das Zuhause von Katja Leistenschneider, Hans-Peter Anders und den Kindern Casper und Johanna lässt sich einfach nicht mit den Maßstäben für ein normales Einfamilienhaus messen. Kein Wunder. Schließlich ist ihr Haus eigentlich gar kein Haus, sondern eine Halle. Eine Maschinenhalle, um genau zu sein.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Abseits der Hauptstraße liegt das stattliche Industriedenkmal am Rande eines Landschaftsschutzgebiets, umgeben von Wiese und Robinien. Warmer roter Ziegel leuchtet im Grün der sanften Hügellandschaft. Mit dem Rad ist die Bochumer Innenstadt fünfzehn Minuten entfernt.

          Neugierige im Garten

          Immer wieder ziehe es Neugierige in den Garten, berichtet die Hausherrin. Seit die Besitzer die Halle saniert haben, ist sie zum Blickfang für Spaziergänger im einstigen Revier geworden, die sich oft nicht vorstellen können, dass es sich bei dem Anwesen um ein privates Wohnhaus handelt. Einmal, an einem Sommertag, habe plötzlich eine Fremde neben ihr am Herd gestanden. „Die Haustür war offen, und die Frau dachte, das sei hier eine Ausstellungshalle, und kam einfach rein“, erzählt Katja Leistenschneider.

          Stahlträger eigenhändig vom Rost befreit: Zwei Jahre dauerte der Umbau
          Stahlträger eigenhändig vom Rost befreit: Zwei Jahre dauerte der Umbau : Bild: F.A.Z./Edgar Schoepal

          Als Kind ist sie nur sieben Straßen entfernt von ihrer heutigen Adresse in Bochum-Dahlhausen aufgewachsen. Später zog es sie ins Zentrum. Hätte man ihr damals gesagt, dass sie sich einmal in der alten Halle im Viertel ihrer Kindheit einrichten sollte, sie hätte wohl ungläubig gelacht. Denn der Backsteinbau am Polterberg war in jenen Tagen ein Ort, den man möglichst mied. Jahrzehntelang diente er als Notunterkunft für Familien, deren einziger Reichtum viele Kinder waren, und Gestrandete. Kurz, für Menschen, die von schöner Wohnen nur träumen können.

          Einer der letzten Zeugen des Ruhrbergbaus

          Die Maschinenhalle ist in der Region einer der letzten steinernen Zeugen des Ruhrbergbaus und der Zeche Hasenwinkel, deren Geschichte bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zurückreicht. Um 1890 entstand der Backsteinbau. Er beherbergte die Dampfmaschine, die dem Förderturm der Zeche die nötige Energie lieferte.

          Doch so rasant wie der Aufschwung, so schnell kam auch der Niedergang. Nur 29 Jahre später wurde die Zeche stillgelegt und fast alle Gebäude abgerissen. In die Halle aber zog man Zwischengeschosse und Wände ein, ersetzte die großen durch kleine Fenster, schüttete den Keller zu und machte sie zum Wohnhaus für Menschen, die am Wohnungsmarkt nur schwer eine Bleibe fanden. Irgendwann erhielt die Fassade auch noch einen Anstrich mit weißer Latexfarbe, wohl in der Hoffnung, dem trostlosen Ort damit etwas Frische zu verpassen.

          Die Stadt wollte das Gebäude verkaufen

          So blieb es, bis die Stadt Bochum Mitte der neunziger Jahre beschloss, das Gebäude loszuwerden. Es war Ballast für den städtischen Haushalt. Katja Leistenschneider und ihr Mann waren zu dieser Zeit gerade auf der Suche nach einem Eigenheim. „Eigentlich hatten wir an ein altes Schulhaus gedacht“, erzählt die Journalistin. Die Kinder waren noch nicht auf der Welt, aber das Paar hatte bereits den Plan gefasst, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu verwirklichen. Vor allem Hans-Peter Anders war das wichtig. Er ist Architekt und wollte sich sein Büro unbedingt im Haus einrichten. Als dann eines Tages die Maschinenhalle im Angebot war, legte Anders der Stadt sein Nutzungskonzept vor - und erhielt den Zuschlag. Das war 1997.

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