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Anders wohnen : Ein Paar zieht in den Wald

Schmuckstück auf der Lichtung Bild: Franziska Jebens

Zwei Großstädter kaufen ein altes Forsthaus. Sie wohnen zehn Jahre auf der Baustelle – und bereuen nichts.

          Nach fast drei Jahren im Wald geschieht ein Wunder, zumindest erscheint es Franziska Jebens so. Sie dreht den Hahn auf und es fließt warmes Wasser. Die Jahre davor mussten sie und ihr Mann Carsten Wasser aus der Schwengelpumpe im Garten holen, es auf dem Holzofen erhitzen und sich dann gegenseitig die Gießkanne über den Kopf halten, wenn sie warm duschen wollten. Nun plötzlich liegt sie in einem warmen Schaumbad, das nach Lavendel duftet. „Unser Haus war immer noch eine Baustelle, aber es hat sich wie ein Riesenluxus angefühlt“, berichtet sie.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das baufällige Forsthaus mitten im mecklenburgischen Wald zu kaufen war eine Bauchentscheidung. Das Ehepaar wohnte eigentlich in Hamburg und sehnte sich nach Ruhe, Einfachheit und Natur abseits der Großstadt fürs Wochenende. Auf das Waldhaus stießen sie vor zwölf Jahren zufällig. Beide waren spontan begeistert von dem verwunschenen Ort mitten im Wald. Dass es dort weder Strom, noch fließendes Wasser noch Telefon gab, schreckte sie nicht. Auch nicht, dass das Haus praktisch eine Ruine war. Nach der Besichtigung versprach Carsten auf der Rückfahrt nach Hamburg: „In einem halben Jahr mache ich dir einen Palast daraus.“ Es sollte zehn dauern.

          Sehnsucht nach Leben in der Natur

          Carsten ist zwar handwerklich begabt, hat aber ebenso wie Franziska noch nie ein Haus renoviert. „Wir haben schon überlegt, was auf uns zukommt, es aber nicht realistisch eingeschätzt. Am Ende hat alles viel länger gedauert und mehr gekostet als wir gedacht haben“, gibt Franziska Jebens zu. Bereut haben die beiden ihre Entscheidung trotzdem nicht. „Wir haben es als großes Abenteuer empfunden mitten in der Natur zu sein und auf Annehmlichkeiten zu verzichten.“

          Franziska und Carsten Jebens

          Am Anfang verbringen sie jedes Wochenende im Wald, kratzen Tapetenreste von den Wänden, reißen Mauern ein, machen Holz. Dem einzigen Brennstoff für den alten Ofen. „Man vergisst im Nachhinein, wie viel Arbeit es war, wie lange es gedauert hat.“ Am Schwierigsten sei es gewesen, die Balance zu finden, einerseits bei der Renovierung voranzukommen und sich trotzdem Auszeiten zu gönnen, um das zu genießen, was sie im Wald finden wollten – die Natur. „Man muss bei so einem Projekt akzeptieren, dass es langsam voran geht und mit kleinen Fortschritten zufrieden zu sein“, sagt Franziska Jebens.

          Nach etwa einem Jahr bricht Carsten seine Zelte in Hamburg ab, zieht ganz in den Wald, um sich Vollzeit dem Haus zu widmen. Franziska bleibt unter der Woche in Hamburg, verdient dort das Geld, das die Renovierung verschlingt. Um zu sparen, tauscht sie ihre Wohnung gegen ein WG-Zimmer ein. Irgendwann gibt sie auch das Zimmer auf und zieht ganz ins Waldhaus, pendelt aber jeden Tag vier Stunden nach Hamburg. „Ich habe meinen Mann, den Wald und unseren Hund so doll vermisst, dass ich die Pendelei in Kauf genommen habe, denn in der Nähe unseres Hauses gab es nicht so gut bezahlte Jobs“, erzählt Jebens.

          Leben auf der Baustelle

          Unter der Woche organisiert sie Filmpremieren, am Wochenende steht sie gemeinsam mit ihrem Mann auf dem Bau. Um Geld zu sparen, wohnt das Ehepaar auf der Baustelle. Sie entkernen das gesamte Haus, legen die vielen kleinen Zimmer im Erdgeschoss zu einem großen Wohn-Esszimmer zusammen. „Am schlimmsten war der Staub“, erinnert Franziska sich. „Er hat sich überall reingesetzt, so dass ich meine langen Haare irgendwann radikal abgeschnitten habe, weil es einfach nicht mehr ging.“

          Angst in der Dunkelheit

          Die beiden versuchen, so autark wie möglich zu leben. Im Sommer bauen sie Gemüse an, das sie für den Winter einwecken. Und wenn sie es warm haben oder kochen wollen, müssen sie im Wald erst einmal Holz schlagen. Das nächste Dorf ist mehrere Kilometer entfernt und zunächst geht es immer eine Viertelstunde über einen holprigen Forstweg, bevor sie anderen Menschen begegnen. Außer Besuchern verirrt sich höchstens mal ein Wanderer zu ihnen.

          Am Anfang habe ihr die Einsamkeit Angst gemacht, sagt Franziska Jebens. Diese absolute Dunkelheit in der Nacht, die sie aus der Stadt nicht kannte. Vor allem hätte sie sich aber vor den Geräuschen gefürchtet. „Nachts im Wald hört man immer etwas. Wenn es raschelte, habe ich mich gegruselt, weil ich das Geräusch nicht zuordnen konnte. Mittlerweile weiß ich aber, dass das Knacken vom Reh kommt und die Klopfgeräusche vom Specht, der an unser Haus klopft.“

          Als Franziska nach ein paar Jahren einen Homeoffice-Job findet, gibt auch sie die Pendelei nach Hamburg auf. „Manchmal verlassen wir den Wald drei Wochen nicht und begegnen hier keinem“, sagt Carsten Jebens. Langweilig werde ihnen aber nie: Auch wenn ihr Haus nach zehn Jahren Renovierung mittlerweile fertig ist, gibt es immer etwas zu tun. „Wir brauchen noch einen Zaun, wollen ein Baumhaus bauen und außerdem geht immer etwas kaputt, das wir reparieren müssen“, sagt der Bauherr. Zudem hat das Paar sich mittlerweile auch ein Stück Wald gekauft, das die beiden aufforsten. „Wir sind total verwaldschratet“, findet Franziska Jebens.

          Der Wald lehrt Geduld

          Wie ein Tag abläuft, hängt stark von Jahreszeiten und Wetter ab. Man müsse sich dem Wald anpassen, sagen die beiden. „Man lernt, das Leben so zu nehmen, wie es kommt, wenn man mitten in der Natur lebt.“ Allerdings beginnt jeder Morgen ganz urban mit einem Caffè Latte, meist draußen auf der Hollywoodschaukel. Die Abende enden oft gemeinsam am Lagerfeuer. Die beiden verbringen viel Zeit im Wald, machen lange Spaziergänge mit dem Hund und beobachten Tiere. Das Leben jenseits einer Gemeinde und die lange Renovierung hätten sie Geduld gelehrt, sagt Franziska Jebens.

          Wenn sie etwas vermisst, dann ist es, sich ganz spontan mit einer Freundin auf einen Kaffee treffen zu können. Aber selbst mit Blick auf ihre Freundschaften kann sie ihrem Wohnort im Nirgendwo etwas Positives abgewinnen. „Wenn ich meine Freunde sehe, ist es wegen der langen Anfahrt gleich für länger und deshalb umso intensiver“, ist sie überzeugt.

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