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Segregierte Städte in Amerika : Wenn die Hautfarbe über den Wohnort bestimmt

Chicago drückt die Kosten für Sozialwohnungen wie die von „Cabrini-Green“: Rasen weicht Beton, Müll bleibt liegen und Gangs beginnen, den Block zu kontrollieren. Aufnahme aus dem Jahr 1970 Bild: AP/ Picture-Alliance

Weiße leben in der Vorstadt, Schwarze im Block? Das ist in Amerika kein Zufall, sondern das Ergebnis von Jahrzehnten rassistischer Stadtplanung und Wohnungspolitik.

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          Das erste Projekt, mit dem sich Stadtplaner Robert Moses in New York verewigen wollte, sollte eines für alle sein. Ein öffentlicher Park in Long Beach. „Jones Beach“, ein zehn Kilometer langer Sandstrand am Atlantik. Moses plante 1928 nicht nur den Park selbst, sondern auch die Zufahrtstraßen dorthin, über die er tiefe Brücken spannen ließ. Gerade mal 2,80 Meter hoch. Zugang zum wunderschönen Jones Beach hatte damit nur, wer im Auto anreiste, denn die Busse des Nahverkehrs passten nicht unter den Brücken hindurch. Nach der Deutung seines Biographen war es Ausdruck von Moses’ sozioökonomischen und rassistischen Vorurteilen. Weil Robert Moses mit seinem Park für alle eben nicht alle gemeint habe, sondern nur alle mit Geld und vor allem heller Haut.

          Anna-Lena Niemann

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Nun wäre es nichts weiter als ein unglücklicher Zufall, dass ein Rassist zugleich der mächtigste Stadtplaner New Yorks gewesen ist. Nur ist er kein Einzelfall. Diskriminierung in Städten und auf dem Wohnungsmarkt Amerikas war nie bloß eine Sache einzelner Vermieter oder Südstaaten-Bürgermeister, sondern das Ergebnis landesweiter, diskriminierender Gesetzgebung. Damit sind auch die Straßen, durch die die Black-Lives-Matter-Demonstranten ziehen, kein neutraler Boden. Die Städte bezeugen den Rassismus amerikanischer Stadtplanung des vergangenen Jahrhunderts, dessen Ergebnisse bis heute nachwirken.

          Wer glaube, die Ungleichheit in einer Stadt wie New York, zwischen der weißen Upper East Side und der schwarzen South Bronx, liege allein am Geldbeutel der Bewohner, der irre, sagt Richard Rothstein. Der Professor und Historiker hat sich im Buch „The Color of Law“ mit den historischen Ursachen der städtischen Segregation in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass der vergleichsweise schlechte ökonomische Status schwarzer Amerikaner nicht Ursache der räumlichen Trennung ist, sondern ihr Ergebnis. Rothstein beschreibt, in Detail und Fülle, wie unter jedem Präsidenten seit Beginn des 20. Jahrhunderts Stadtplanung und Wohnungsmarkt als machtvolle Instrumente gedient haben, um Afroamerikaner vom Wohlstand fernzuhalten. „Wir haben ein Kastenwesen erschaffen“, konstatiert Rothstein. „Obwohl fast alle diese Regularien abgeschafft sind, wurden die Betroffenen nie entschädigt und die Effekte dauern an.“

          Nackte Wände: Wohnungsbau für schwarze Familien in Chicago

          Wie konnte sich ein solches Ungleichgewicht bis heute fortsetzen? Am Anfang stehen zwei staatliche Vorgehensweisen, die den Grundstein gelegt haben: das „Zoning“ und das „Redlining“. „Zoning“ geht schon auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Im Grunde beschreibt es zunächst nichts anderes, als Flächen eine bestimmte Nutzung zuzuschreiben. Ein normaler und sinnvoller Prozess also, um Städte nicht den Interessen der Meistbietenden auszuliefern. Doch das „Zoning“ hat sich als wirksames Mittel erwiesen, um Segregation zu festigen und afroamerikanisch geprägte Viertel systematisch zu benachteiligen.

          Mülldeponien und Tavernen zogen nur in schwarze Viertel

          Um zu verhindern, dass einkommensschwache, und das bedeutete vor hundert Jahren vor allem afroamerikanische, Familien in weiße Nachbarschaften ziehen können, verfügten Städte, dass die Viertel der Mittelschicht einer Bebauung mit Einfamilienhäusern vorbehalten bleiben sollten. Mehrfamilienhäuser und Apartmentblocks waren verboten. Wer zu wenig verdiente, um sich ein ganzes Haus zu kaufen, wurde aus den Gegenden ferngehalten. Das hat das weiße Gesicht eines Viertels erhalten, wenn auch indirekt.

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