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Demographischer Wandel : Im Alter keine Wohnung?

Im Alter muss die Wohnung nicht größer, aber geräumiger sein. Bild: Ute Grabowsky/photothek

Wissenschaftler und Verbände schlagen Alarm: Unserer alternden Gesellschaft fehlen die passenden Wohnungen. Nun will der Staat private Eigentümer mit Zuschüssen zum altengerechten Umbau animieren.

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          Andreas Kruse ist eigentlich kein pessimistischer Typ. Doch gefragt nach den Chancen betagter Menschen am Wohnungsmarkt, zeichnet der Altersforscher von der Universität Heidelberg ein alles andere als rosiges Bild: Zukünftig droht uns eine graue Wohnungsnot - vor allem in den Städten und Ballungszentren, wo ältere Menschen mit geringer Rente die rasant gestiegenen Mieten kaum noch zahlen können, ist sich Kruse sicher.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Moment mal. Zeigt nicht Deutschlands bisher reichste Rentnergeneration, dass sie im Kampf um begehrte Wohnungen in angesagten Stadtteilen und inmitten angenehmer Nachbarschaft beste Karten hat? Heißt es nicht immer, kulturbegeisterte, kaufkräftige Senioren tauschten ihre freistehenden Eigenheime gegen Maisonette-Wohnungen oder Penthäuser? Projektentwickler hochpreisiger Wohnhäuser jedenfalls kalkulieren durchaus mit der sogenannten Zielgruppe 65 plus, Baugruppenberater ebenso. Auch als Bauherren von Einfamilienhäusern sind Ruheständler aktiv. Sie investieren in Eigenheime nach Maß - Regenwalddusche und Luxusküche inklusive. Schöner wohnen im Alter - ein Problem scheint das nicht.

          Man sollte sich von den umtriebigen und finanzstarken Senioren nicht täuschen lassen. Denn diese Wohlfühlgruppe, wie der Immobilienökonom Tobias Just jene wohlsituierten Rentner nennt, lässt zwar das Durchschnittsvermögen der Alten in Deutschland in den Statistiken nach oben schnellen. Auch treibt sie hier und da die Hausse am Wohnungsmarkt tatsächlich mit an. Im Vergleich zur Masse der Senioren handelt es sich aber um nur wenige Glückliche. Denen, da sind sich Demographen, Altersforscher und Volkswirte einig, steht eine wachsende Zahl betagter Menschen gegenüber, die jeden Cent umdrehen muss und auf sich allein gestellt ist. „Wohnungsnot im Alter“, erwartet daher auch Tobias Just, „wird für uns noch zum spürbaren Problem werden.“

          Bedeutung von Barrierefreiheit darf nicht unterschätzt werden

          Doch die sich verschärfende soziale Ungleichheit ist nicht die einzige Sorge, die all jene hegen, die sich mit dem Thema Wohnen im Alter beschäftigen. Schon heute ist nach den aktuellen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes jeder fünfte Bundesbürger älter als 65 Jahre. 2030 soll es schon ein Drittel sein. Die Aussicht wird immer schlechter, eine Wohnung zu finden, die den veränderten Bedürfnissen im Alter entspricht.

          Zu denen gehört die Barrierefreiheit. Denn lauern in der eigenen Wohnung zwischen Eingang, Küche, Bad und Balkon Stolperfallen, stehen die Chancen schlecht, dort den gesamten Lebensabend verbringen zu können. Genau das aber ist der Wunsch der meisten Menschen. Die Bedeutung hindernisfreier Räume sei nicht zu unterschätzen, mahnt daher Gerontologe Kruse. Nicht zuletzt aus der Rehabilitationsforschung zu Schlaganfallpatienten wisse man, dass selbst geringfügige Barrieren die Selbständigkeit körperlich beeinträchtigter Menschen gefährden. Das Gleiche gilt für all jene, die mit zunehmender Gebrechlichkeit zum Hinfallen neigen. Im Alter keine Seltenheit.

          Barrierefreiheit - auch im näheren Umfeld der Wohnung - ist also das zentrale Kriterium. Es ist aber durchaus nicht das einzige, wenn es um altengerechtes Wohnen geht. Auch der Platzbedarf steigt. Nicht dass der greise Mensch eine insgesamt größere Wohnung braucht. Doch geräumiger muss sie sein, um nicht mit einer sperrigen Gehhilfe wie dem Rollator ständig anzuecken. Breitere Türen sind ebenfalls von Vorteil, aber auch Fenster, die zu öffnen keinen Kraftakt erfordert, und Steckdosen, für die man nicht zwingend in die Knie gehen muss. Die Liste ließe sich noch verlängern. Ginge es nach Altersforscher Kruse, würde über viel mehr als nur bauliche Details nachgedacht. Denn Wohnen im Alter ist nur ein Aspekt, die Teilhabe am Leben ein weiterer.

          Bestand an altengerechten Wohnungen nicht ausreichend

          Die Wirklichkeit sieht anders aus. Bisher gelten nur etwas mehr als 1 Prozent des gesamten Wohnungsbestands oder 0,5 Millionen Wohnungen als fürs Wohnen im Alter geeignet. Wohin mit dem wachsenden Heer der zunehmend pflegebedürftigen Alten? Ein massenhafter Umzug in Pflegeeinrichtungen ist keine Lösung.

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