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Wohnungsnot in Städten : Leben auf dem Supermarkt

Unten Aldi, oben Wohnung: So soll es in Neukölln entstehen. Bild: EPA

Einstöckige Supermärkte mit riesigem Parkplatz vor der Tür sind die reinste Platzverschwendung. Deshalb bauen Aldi, Lidl & Co. noch Appartements obendrauf. Kann das die Wohnungsnot lindern?

          Wer nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, muss weichen. Das gilt für veraltete Maschinen, überforderte Mitarbeiter, überholte Abläufe und über kurz oder lang sogar für Gebäude. Auch der Rewe-Markt in der Maybachstraße 20 in Frankfurt fiel der Abrissbirne zum Opfer. Er passte einfach nicht mehr in die Gegend, weil er lediglich ein Geschoss hatte. Was früher absoluter Standard war, gilt in den größten Städten Deutschlands mittlerweile als Platzverschwendung und damit als hoffnungslos antiquiert.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          In der Maybachstraße ist der Fehler mittlerweile korrigiert. Auf dem Dach des neuen Rewe-Supermarkts thronen heute 27 Wohnungen, unter dem Markt befindet sich eine Tiefgarage. Die Grundstücksfläche ist optimal genutzt.

          Der Rewe-Markt in Frankfurt ist nur ein Beispiel für viele. Überall in den deutschen Metropolen nehmen die großen Handelsketten wie Aldi, Lidl, Tengelmann und Norma ein neues Produkt ins Angebot: Wohnungen. Wo früher nur die sogenannten Flachmänner standen, jene eingeschossigen Märkte in Leichtbauweise mit großem Parkplatz davor, ragen heute mehrgeschossige Gebäude empor: unten ein Keller, oben Wohnungen, Arztpraxen oder Restaurants.

          Je 2000 Unterkünfte von Lidl und Aldi

          Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Der wichtigste liegt auf der Hand: die Wohnungsnot in den Großstädten. Um den Bedarf zu decken, müssten der Bundesregierung zufolge jedes Jahr mindestens 350.000 Wohnungen neu gebaut werden, fertiggestellt wurden im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt aber nur 285.000.

          Und weil es vielerorts kaum noch freie Flächen gibt, ist „Nachverdichtung“ angesagt. Wo es möglich ist, wird noch ein Gebäude auf die einst großzügige Grünfläche zwischen zwei Häusern gequetscht. Wo es bereits zu eng ist, wird in die Höhe gebaut. Die flachen Supermärkte der Discounter bieten sich dafür regelrecht an.

          Der Trend vom Neubau „gemischt genutzter Handelsimmobilien“ ist nicht ganz neu, hat in jüngster Zeit aber enorm an Dynamik gewonnen. In Deutschland gilt Lidl als Vorreiter. Der Discounter plant und baut derzeit Projekte unter anderem in Frankfurt, Hamburg, München, Düsseldorf und Berlin. „In den nächsten Jahren werden mit Sicherheit mehr als 2000 Wohn- und Gewerbeeinheiten in ganz Deutschland entstehen“, sagt Alexander Thurn, der Geschäftsleiter Immobilien bei Lidl Deutschland.

          Auch Konkurrent Aldi baut fleißig mit, vor allem in Berlin. An mindestens 30 Standorten sollen gemischt genutzte Immobilien entstehen. In den nächsten fünf bis sieben Jahren sollen auf oder neben den Filialen etwa 2000 Unterkünfte errichtet werden.

          Die Kita geht aufs Haus

          Allerdings eignet sich nicht jeder Standort für den Wohnungsbau. In Industriegebieten beispielsweise verbietet das die Bauordnung, auch entlang von stark befahrenen Bahnstrecken ist es oft nicht sinnvoll, Mietern den Krach zuzumuten. An solchen Standorten bleiben dann aber Arztpraxen, Gastronomie und Büros als Optionen.

          Norma-Markt in Nürnberg mit platzsparendem Anbau

          Besonders kreativ war in dieser Hinsicht der Lebensmittelhändler Norma. Der Discounter hat im Nürnberger Ortsteil Gostenhof eine vollwertige Kita für 48 Kinder aufs Flachdach gebaut – samt Bambuslabyrinth und Wasserspielplatz. Lidl wiederum zog im Juni ins Erdgeschoss eines Neubaus nahe der Hamburger Reeperbahn, in dem die oberen Stockwerke als Hotel genutzt werden.

          Supermarktflächen wachsen

          Die PR-Abteilungen der Konzerne machen daraus gerne Meldungen, dass sie ihren Kunden ein nahes Einkaufserlebnis ermöglichen wollen und sich generell zu ihrer Verantwortung für eine lebenswerte Stadt bekennen. Das ist aber höchstens ein Teil der Wahrheit. Die Wirklichkeit ist profaner und hat mit veränderten Kundenwünschen zu tun, erklärt Michael Reink vom Handelsverband Deutschland (HDE).

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