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Wohnungsnot in Städten : Leben auf dem Supermarkt

In der Vergangenheit seien die Discounter mit einer Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern ausgekommen. Mittlerweile aber wünschten die Kunden breitere Gänge, mehr frische Waren im Sortiment und auch eine Backstation. Deshalb steige die benötigte Fläche auf etwa 1200 Quadratmeter an.

Baurechtliche Vorgaben für Flachmänner

An diesem Punkt kommt das Baurecht ins Spiel, erklärt der HDE-Experte. Wer in einer Stadt einen Neubau mit mehr als 800 Quadratmetern errichten wolle, brauche dafür meist eine Sondergenehmigung der Stadt. „Das Antragsverfahren wird dann erheblich schwieriger. Wenn ein Händler der Stadt aber verspricht, dass er über seinem Supermarkt Wohnungen oder gar eine Kita baut, bekommt er den Bauantrag viel eher durch.“ Rainer Pittroff vom Handelsinstitut Ehi formuliert es noch härter: „Die Behörden genehmigen so große Supermärkte in den Metropolen nur noch, wenn die Händler die Immobilie attraktiv gestalten und etwas Sinnvolles obendrauf packen.“

Vor allem der Senat in Berlin formuliert seine Vorstellung von besser genutzten Handelsimmobilien kaum noch als Wunsch, sondern eher als Befehl. 330 Flachmänner hat die Verwaltung in der Hauptstadt identifiziert, auf denen 20.000 bis 30.000 Wohnungen errichtet werden sollen. Die alte einstöckige Bauweise „geht so gar nicht“.

Neue Probleme für Discounter

Wirklich freiwillig werden die Discounter also nicht zu Bauherren. „Unsere Leute sind Händler, die haben es gar nicht im Blick, Wohnungen zu bauen, das ist nicht ihre Expertise. Die haben in ihrer Buchführung gar keine Spalte für Mieteinnahmen“, sagt Handelsverband-Fachmann Reink. Vor allem aber wollten die Händler nichts mit den Problemen zu schaffen haben, die sich durch neue Nachbarn zwangsläufig ergäben. „Über dem Dach eines Supermarkts zu wohnen ist nur so lange cool und spitze, bis der erste Müll rumfliegt, der erste Einkaufswagen doof in der Gegend rumsteht oder Leute abends pöbeln“, sagt Reink.

„Wer Mieter über sich hat, der muss sich plötzlich mit Eigentümerversammlungen rumschlagen, in denen beklagt wird, dass am frühen Morgen der Lastwagen mit der frischen Ware beim Rückwärtsfahren laut piept.“ Der Schallschutz der Wohnungen müsse deshalb besonders gut sein und die Straßen für den zusätzlichen Verkehr ausgelegt sein. Auch das Supermarktgebäude selbst werde deutlich teurer, weil die Statik viel höhere Gewichte als bisher aushalten muss.

Händler handhaben die Immobilien unterschiedlich

Die Händler reagieren darauf je nach Standort höchst unterschiedlich. Mal bauen sie den neuen Gebäudekomplex selbst und kümmern sich anschließend sogar um die tropfenden Wasserhähne ihrer Mieter. Mal verkaufen sie ihr Grundstück, lassen andere darauf bauen und ziehen lediglich zur Miete wieder ein.

Für die Kunden ändert sich das Einkaufserlebnis nicht, sind die Händler überzeugt. Den Verbrauchern sei egal, ob über dem Laden noch Wohnungen oder Arztpraxen seien, solange der Eingangsbereich einladend bleibe. Mit einer Ausnahme: Insbesondere Frauen führen fürs Einkaufen nicht gerne in eine Tiefgarage. Das sei kein Klischee, das wisse man aus Umfragen. In Frankfurt entsteht deshalb gerade eine Lidl-Filiale, bei der die Parkplätze im Erdgeschoss bleiben. Der Laden selbst wird in den ersten Stock verlegt und durch Rolltreppen verbunden.

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