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Aufschwung : Starthilfe für Europa

Wirtschaftliche Ebbe: Trotz großer Unterstützung kommt die Wirtschaft in Europa nicht in Fahrt. Bild: dpa

Die Bedingungen für Wachstum könnten nicht besser sein, doch die europäische Wirtschaft wächst nur sehr bescheiden. Was ihr fehlt: eigene Antriebskraft.

          In Europa keimt die Hoffnung auf wirtschaftlich bessere Zeiten: Aktienkurse steigen, Konsumenten sind zuversichtlicher, und die Industrie in den 19 Euroländern hat zuletzt etwas mehr produziert. „Die jüngsten Daten und Umfragen zeigen, dass das Wachstum an Schwung gewinnt“, hat der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, kürzlich gesagt. Auch die Konjunkturforscher, die in den vergangenen Jahren sämtliche Negativ-Metaphern von „stotternden Konjunkturmotoren“ und einem „Wachstum im Schneckentempo“ aufgebraucht haben, klingen seit einigen Wochen zuversichtlicher.

          Die Sehnsucht nach besseren Zeiten ist nachvollziehbar. Aber dürfen die mehr als 18 Millionen Arbeitslose im Euroraum tatsächlich auf einen nachhaltigen Aufschwung hoffen, darauf, dass der „Konjunkturmotor anspringt“und dann auch weiterläuft? Trotz einiger ermutigender Signale ist es für solche Schlussfolgerungen viel zu früh.

          Der Vergleich mit einem stotternden Auto ist gar nicht schlecht, um die Situation zu veranschaulichen. Das Auto beschleunigt etwas, aber der Motor läuft noch nicht von selbst. Was das Auto in Bewegung bringt, sind kräftige Helfer, die am Heck stehen und schieben.

          Wirtschaft wächst durch äußere Faktoren

          Es sind zwei Schubgeber, die den Euroraum voranbringen. Erstens entlastet der niedrige Ölpreis die Verbraucher, die weniger Geld an den Zapfsäulen ausgeben und deshalb mehr Geld für andere Anschaffungen in der Tasche haben. Der private Konsum ist in Deutschland und anderen Ländern ein wichtiger Wachstumstreiber.

          Zweitens lässt die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank den Kurs des Euros zum Dollar in Richtung Parität purzeln, wovon all jene Unternehmen profitieren, die ihre Waren in den Vereinigten Staaten verkaufen. Mit ihrer Entscheidung, massenhaft Staatsanleihen zu kaufen, drückt die Notenbank zudem das Zinsniveau, auch das hilft der Konjunktur erst einmal.

          Natürlich ist diese Aufzählung verkürzt, auch ohne die Starthilfe geht manches in die richtige Richtung. Die deutsche Volkswirtschaft, mit Abstand die größte im Euroraum, war auch schon vor dem Ölpreisschock in gutem Zustand, wovon auch die übrigen Mitgliedsländer profitieren. Und von der Krise besonders gebeutelte Staaten wie Spanien, Irland und Portugal haben es dank mutiger Reformpolitik zurück auf den Wachstumspfad geschafft. Doch in erster Linie sind es die äußeren Kräfte, die der Wirtschaft Schub geben.

          Magere Bilanz nach 7 mageren Jahren

          Ob diese glücklichen Umstände ausreichen, um die Konjunktur dauerhaft zum Laufen zu bringen, ist fraglich. Denn die entlastende Wirkung des gesunkenen Ölpreises wird vergehen, die Geldpolitiker werden nicht ewig so weitermachen können wie bisher.

          Blendet man die Wirkung dieser beiden Starthelfer aus, erscheinen die prognostizierten Wachstumsraten von etwa 1,5 Prozent in diesem und knapp zwei Prozent im kommenden Jahr eher bescheiden. Es bleiben die strukturellen Probleme, die einem originären Aufschwung nach wie vor im Wege stehen: hohe Schulden, rigide Arbeitsmärkte und hohe (Jugend-)Arbeitslosigkeit, verstopfte Kreditkanäle, Investitionszurückhaltung in vielen Ländern. Die Bilanz im siebten Jahr nach Krisenausbruch fällt ernüchternd aus.

          Zehn Euroländer haben noch immer nicht die Wirtschaftskraft von vor der Krise erreicht. Der Internationale Währungsfonds warnt, dass die Industrieländer sich dauerhaft mit geringeren Wachstumsraten als vor der Krise abfinden müssen. Die Gründe: Die Alterung der Erwerbsbevölkerung wird in den hochentwickelten Ländern zunehmend zur Last, und von Schwellenländern wie China, Brasilien und Russland wird nicht mehr die erhoffte Dynamik ausgehen.

          EZB hat alle Register gezogen

          Insbesondere China könnte nach den zuletzt schwachen Konjunkturdaten noch für weitere Ernüchterung sorgen. Die Regierung im Reich der Mitte hat die „neue Normalität“ ausgerufen und meint damit geringere Wachstumsraten. Zudem warnt der Währungsfonds vor Turbulenzen im Finanzsystem, die zuerst die Schwellenländer und dann die Industriestaaten schwächen könnten.

          Frankreich und Italien haben zwar eine Reihe von Reformen angestoßen. Noch ist aber völlig unklar, ob sie ausreichen werden, um die Länder aus ihrer Wachstumsschwäche zu befreien. Mit erwarteten Zuwachsraten von höchstens einem Prozent in diesem Jahr bremsen die nach Deutschland größten Volkswirtschaften im Euroraum die Erholung voraussichtlich abermals.

          Und dann ist da noch Griechenland. Das südeuropäische Land führt dem Rest des Kontinents vor Augen, dass die Schuldenkrise jederzeit wieder heiß werden kann. Zwar sind die Schutzmauern erhöht worden, aber niemand kann sicher sagen, dass ein wirtschaftlich unbedeutendes Land andere Mitgliedstaaten nicht wieder in Mitleidenschaft ziehen wird.

          Die Voraussetzungen für Wachstum sind im Euroraum dennoch so gut wie nie in den vergangenen Jahren. Aber die Starthilfe wird verpuffen, falls weitere Reformanstrengungen ausbleiben. Draghi wird nicht müde das zu betonen. Dessen zuversichtliche Rhetorik sollte man übrigens nicht zu hoch hängen. Die Zentralbank hat ein starkes Interesse, Optimismus zu verbreiten. Sie hat mit ihrem Kaufprogramm alle Register gezogen. Wenn es jetzt nicht bergauf geht, wann dann?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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