https://www.faz.net/-gqe-9kmry

Wölfchens Geisenfutter : Der Wolf treibt die Deutschen vor sich her

Ist der Zaun unüberwindbar, beginnt er zu graben: Wolf im Nationalpark Bayrischer Wald Bild: dpa

Den einen ist der Wolf lieb, den anderen ist er teuer. Der Streit entzweit die Gesellschaft: Die einen hängen einer Willkommenskultur an, die anderen treibt Angst. Was hilft weiter? Eine Analyse.

          Märchen sollte man nicht allzu wörtlich nehmen, aber sie können Lebensweisheiten enthalten. Da verleihen die Gebrüder Grimm ihrem Wolf mittels Kreide eine sanfte Stimme, auf dass die Geislein ihn für die liebe Mutter halten und einlassen. So funktioniert das Leben nicht, doch eines lässt sich daraus lernen: Wer Kreide frisst, muss sich fragen lassen, ob er nicht vielleicht der böse Wolf ist.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Der sorgt gerade, nach dem Problembär Bruno, für die nächste Aufregung um die Artenvielfalt in deutschen Wäldern und entzweit die Gesellschaft. Auf der einen Seite steht eine romantische Willkommenskultur, welche die Rückkehr eines schicken Beutegreifers feiert, der unter strengstem Artenschutz steht, obwohl er gar nicht selten ist. Auf der anderen stehen Angst und gerissene Weidetiere. Naturschutzverbände und Fanklubs üben sich darob im Verharmlosen und füttern die Leute mit Halbwahrheiten.

          Mit wachsendem Bestand könnte er sich wandeln

          Der Wolf geht den Menschen aus dem Wege? Das ist offensichtlich, aber niemand weiß, ob das auch noch so sein wird, wenn der Bestand weiter wächst und mangels Jagddruck die Scheu sinkt. Schon gibt es Berichte über Begegnungen auf wenige Meter.

          Der Wolf frisst vor allem kranke und alte Tiere, jagen ist nicht notwendig, weil die Population sich von selbst reguliert? Das wäre schön, wenn er sich daran hielte, in deutschen Wäldern gibt es ohnehin zu viele Wildschweine. Der Bestand liegt nach amtlicher Statistik bei gut tausend Wölfen, es können aber auch deutlich mehr sein.

          Sicher ist, dass er exponentiell wächst, und parallel dazu steigt die Zahl der getöteten Weidetiere. Das sagt nicht ein Verein der Wolfshasser, sondern die Dokumentationsstelle des Bundes DBBW.

          Das zerbissene Pony ist mehr als nur ein Sachschaden

          Dass nach einer oft zitierten Studie aus der Lausitz weniger als ein Prozent der Nahrung aus Nutztieren besteht, tröstet da nicht, das Untersuchungsgebiet ist dünn besiedelt, und viele Opfer werden angebissen zurückgelassen. Die Bundesstatistik ist der Schrecken der Lupophilen: Demnach wurden 2017 exakt 1667 Nutztiere gerissen. Ein Jahr zuvor waren es erst 1079.

          Das sind freilich nur die nachgewiesenen Fälle, wenn sich keine DNS findet, gilt der Wolf als unschuldig – dann werden „wildernde Hunde“ bemüht. Beute sind vor allem Schafe und Ziegen. Das spricht für die Intelligenz des Raubtiers, denn warum Hirschen hinterherrennen oder sich mit grimmigen Sauen herumschlagen, wenn das lammfromme Buffet hinter dem Maschendraht wartet und nicht weg kann? Aber auch Rinder und Pferde sind nicht sicher. Jenseits des Sachschadens bleibt der emotionale, wenn das Pony auf der Weide zerbissen wird.

          Aber der Bauer wird doch entschädigt? Das stimmt zum Teil, doch wenn er Geld haben will, muss zuvor ein bürokratischer Berg in Bewegung gesetzt werden. Ob und wie viel er am Ende bekommt, ist je nach Bundesland unterschiedlich. Vor Sorge, die Stimmung könnte kippen, müht sich die EU um eine Neuregelung, zahlen müssen indessen die Länder. Schon ist zu hören, dass geschädigte Schäfer den Hirtenstab hinschmeißen wollen.

          Effektiven Schutz gib es nicht ohne großen Aufwand

          Selbst schuld, warum schützen die denn ihre Viecher nicht richtig? Um Entschädigung zu bekommen, muss ein Weidezaun errichtet sein, der – Achtung – mindestens 90 Zentimeter hoch zu sein hat, in manchen Bundesländern auch 120. Wer jemals sah, wie ein Polizeihund zwei Meter überwindet, kann darüber nur müde lächeln.

          Die Zäune in Wolfsgehegen sind drei Meter hoch, und selbst die sind nicht immer ausbruchsicher. Vor allem aber buddelt sich der Wolf unten durch, der Zaun muss also tief in die Erde – oder er steht ständig unter Strom, das geht aber nur, wenn permanent der Bodenbewuchs weggeschnitten wird. Mit einer Elektrolitze am Plastikstab, die überall zum Abstecken von Weiden verwendet wird, ist es nicht getan.

          Ein weitgehend sicherer Wolfszaun besteht aus fünf Reihen stromführendem Stahldraht, der unter hundert Kilo Zug gehalten wird. Weil die Weidezaungeräte beliebt sind, müssen sie vor Dieben geschützt werden. Es gibt Zuschüsse, doch nur fürs Material, teuer ist aber der Aufbau. Vielerorts kann oder darf gar kein Zaun errichtet werden, etwa um Deichwiesen oder auf der Alm. Und was macht der Wanderschäfer? Er kauft sich einen Herdenschutzhund, und alles ist gut.

          Empfohlen werden mindestens zwei, mit Anschaffung, Ausbildung und Futter kommt so in kurzer Zeit ein fünfstelliger Betrag zusammen. Wenn der Hund seine Aufgabe ernst nimmt, verteidigt er die Schafe gegen alles – Wanderer eingeschlossen.

          Die gern empfohlenen Esel sind auch keine Lösung, sie vertragen fette Weiden und feuchte Böden nicht, und dass sie einem Gegner Angst machen, der sogar Elche und Bisons jagt, gehört in Grimms Märchenstunde. Das törichte Argument, der Mensch morde doch selbst seine Nutztiere, lassen wir mal unkommentiert. Hinweise auf hohe Schäden durch Wildschweine tragen auch nicht, die dürfen und sollen geschossen werden.

          Der Wolf ist nun mal da, und wir werden ihn nicht mehr los. In einem Land, in dem seriöse Männer stundenlang um das Leben einer Ratte kämpfen, für die ein paar Meter weiter Giftköder ausgelegt ist, kann es gesellschaftlichen Frieden nur geben, wenn die Bestände streng reguliert werden. Sämtliche Risse sowie alle Schutzmaßnahmen zahlt dann die Allgemeinheit. Was darf’s denn kosten?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          ISS : Nur eine Astronautin hat passenden Raumanzug

          Der erste rein weiblich besetzte Außeneinsatz an der Internationalen Raumstation muss verschoben werden. Offenbar hat die Nasa sich bei den Kleidergrößen der Raumanzüge verplant.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.