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Wölbern Invest : Ein vergessener Anlegerskandal gewinnt an Fahrt

Vor allem ältere Anleger hatten in Immobilienfonds von Heinrich Maria Schulte investiert. Bild: dpa

Nach fünf Jahren wird erstmals über die Klage von Fonds und dem Insolvenzverwalter gegen die Kanzlei Bird & Bird verhandelt. Deren Anwälte sollen Wölbern-Chef Heinrich Maria Schulte die Veruntreuung von 147 Millionen Euro ermöglicht haben. Das Gericht räumt den Anlegern gute Chancen ein.

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          Die Immobilie liegt verkehrsgünstig. In 20 Minuten ist man am Ufer der Weichsel, im Zentrum von Warschau, zum Chopin-Flughafen im Süden braucht man mit dem Auto kaum länger. Die fast 24000 Quadratmeter hat die Eigentümerin, die IFP Erste Immobilienfonds für Polen GmbH & Co KG, langfristig an Daimler vermietet – es ist die Niederlassung von Mercedes-Benz in Polen. Eigentlich ist es eine Erfolgsgeschichte der Immobilienfonds, die einst von Heinrich Maria Schulte und dessen Fondshaus Wölbern Invest aufgelegt wurden. Doch allein in diesem Fondsobjekt sind 1600 Anleger um Erträge von 4,3 Millionen Euro gebracht worden.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Der Weinberg ist schon noch da. Aber die Ernte von zwei Jahren ist verloren“, beschreibt Christoph Schmidt, Anleger und Geschäftsführer des Immobilienfonds für Polen, bildhaft die Machenschaften von Schulte. Mit bis zu 40000 geschädigten Privatanlegern ist es einer der größten Finanzskandale der jüngeren Vergangenheit: Über ein Konstrukt aus Privat- und Geschäftskonten hatte der Mediziner aus Hamburg 147 Millionen Euro aus diversen Fonds an sich weitergeleitet. Gedeckt von einem früheren Generalbevollmächtigten und als „Liquiditätsmanagement“ als juristisch einwandfrei bescheinigt von seinen Anwälten der Kanzlei Bird & Bird.

          Die Unregelmäßigkeiten fielen Schmidt und anderen Kapitalanlegern auf, es gab Beschwerden und dann erste Zivilklagen. Verschiedene Gesellschaften, darunter die Wölbern Group KG und die für den Finanzfluss wichtige Wölbern Invest B.V., mussten Insolvenz anmelden. Gegen den heute 67 Jahre alten Schulte wurde ermittelt, 2015 verurteilte ihn das Landgericht Hamburg wegen Untreue zu achteinhalb Jahren Haft.

          Kläger warten fast sechs Jahre auf Verhandlung

          Etwas länger, seit Dezember 2014, liegt der 27. Zivilkammer in Hamburg eine Schadenersatzklage von Insolvenzverwalter Tjark Thies und 30 Immobilienfonds gegen Bird & Bird und mehrere Anwälte auf mindestens 130 Millionen Euro vor. Zwei frühere Partner und ein noch aktiver Counsel der Kanzlei sollen ihre anwaltlichen Pflichten verletzt und damit Schulte die Veruntreuung im großen Stil ermöglicht haben. Am vergangenen Donnerstag, nach mehr als fünf Jahren, hat die erste Verhandlung stattgefunden. „Es ist sehr wichtig, dass es zu diesem Verfahren kommt, weil es letztlich nur damit zum Abschluss der Insolvenzverfahren kommen kann“, sagte Thies der F.A.Z. Ansonsten will sich er sich nicht zu der Klage äußern (Az.: 327 0 334/15).

          Die Forderung von 130 Millionen Euro wäre für Bird & Bird, deren deutsche Büros dem Branchendienst „Juve“ zufolge im Geschäftsjahr 2018/19 knapp 89 Millionen Euro Umsatz erwirtschafteten, eine substantielle Belastung. Eine Sprecherin der Kanzlei teilte mit, dass man zurzeit keine Stellungnahme abgeben werde. Bejahen die Zivilrichter in Hamburg eine Pflichtverletzung, könnte der Berufshaftpflichtversicherer Travelers in die Bresche springen. Doch die Assekuranz könnte im Schadensfall bei Bird & Bird eine Deckung verweigern – denn die Strafverfahren gegen Schultes Rechtsberater und den Generalbevollmächtigten von Wölbern Invest hatten die mafiosen Strukturen in dem Fondshaus teilweise bestätigt. Doch das Verfahren gegen Anwalt Frank M., von den Zivilklägern als „Consigliere“, also enger Vertrauter von Schulte, ausgemacht, wurde gegen eine Geldauflage eingestellt.

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          Das Strafverfahren haben die Anleger natürlich mit großem Interesse verfolgt. „Im Ergebnis ist der Prozess gegen die Anwälte von Bird & Bird nicht so verlaufen, wie wir uns das erhofft hatten“, erklärt Schmidt auf Nachfrage. Der Groll sitzt tief: Gerade ältere Kapitalanleger haben sich von den vollmundigen Versprechungen des Unternehmers Schulte blenden lassen und auf die Seniorität des traditionsreichen Bankhauses Wölbern vertraut, das im Sog des Skandals selbst zum Abwicklungsfall wurde. Die Haftung einer zahlungskräftigen, internationalen Kanzlei käme vielen recht.

          Haftung von Bird & Bird möglich

          Nach Auskunft eines Justizsprechers sprach die Vorsitzende Richterin die Möglichkeit eines Vergleichs an. Der Anwalt von Bird & Bird habe dies aber zurückgewiesen. Aus Sicht von Kläger Schmidt könnte sich das als Fehler erweisen. „Die Vorsitzende hat betont, dass sie die gebotenen Sicherheiten für nicht banküblich hält. Ein Anwalt hätte normalerweise eine rote Fahne gesetzt.“

          Nach vorläufiger Einschätzung hält die Kammer eine Haftung dem Grund nach für gegeben, sagte ein Justizsprecher. Weil der Sachverhalt zwischen den Parteien hochstreitig sei, habe die Kammer von Februar 2021 an eine umfangreiche Beweisaufnahme geplant. Neben Schulte soll auch der frühere Generalbevollmächtigte aussagen. Eine Ende ist nicht absehbar, zur Verärgerung von Schmidt. „Viele ältere Anleger werden das Ende des Streits wohl nicht mehr erleben.“

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