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Illustration: Jens Giesel / Foto: Julius Drost
Schneller Schlau

Wo wir Zeitung lesen

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: JENS GIESEL · 19. April 2021

Erstmals lesen in diesem Jahr mehr Menschen digital als gedruckt. Der Umsatzschwund der Verlage scheint gebremst.

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ieses Jahr markiert einen Wandel in der Geschichte des deutschen Medienmarkts. Noch im vergangenen Jahr gingen Schätzungen davon aus, dass es in Deutschland mehr Leser von Print-Zeitungen und -Magazinen als von Online-Publikationen gab. Im laufenden Jahr aber hat sich das Verhältnis verschoben: Es gibt erstmals mehr Leser von Online- als von Printprodukten.

Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, daran zweifelt kaum jemand in der Branche. Bis zur Mitte des Jahrzehnts dürfte die Zahl der Print-Leser hierzulande um 9 Millionen oder knapp 30 Prozent sinken. Im gleichen Zeitraum gehen Schätzungen davon aus, dass die Zahl der Online-Leser um etwa ein Fünftel zunimmt.

Entsprechend sinkt die gedruckte Auflagen von Zeitungen in Deutschland. Die Abo-Auflage von lokalen und regionalen Zeitungen ist seit der Jahrtausendwende um zwei Fünftel gesunken, die von überregionalen Zeitungen hat sich halbiert. Die Verlage mussten darauf reagieren und ihr Geschäftsmodell anpassen: Früher verdienten sie ihr Geld ausschließlich mit gedruckten Zeitungen, für die Leser in Form von Abonnements oder Einzelkäufen zahlten. Zugleich schalteten Unternehmen und Privatpersonen in großem Umfang Werbeanzeigen. Doch wenn die Zahl der Leser sinkt, fallen nicht nur die Einnahmen aus den Verkäufen, die Anzeigenpreise sinken auch. Aktuelle Schätzungen gehen für das vergangene Jahr, in dem die Corona-Pandemie auch den Werbemarkt traf, von einem Rückgang der Anzeigenerlöse von Zeitungen von 10 Prozent aus. 

Folglich stehen nun digitalere Geschäftsmodelle im Mittelpunkt. Die Erlöse aus diesen Quellen holen stark auf: Die digitale Auflage der Zeitungen steigt jedes Jahr um einige Hunderttausend. Ebenso deutlich nehmen die Zugriffe auf die Internetseiten von Medien zu. Im Corona-Jahr, in dem die Menschen in Deutschland plötzlich ungewohnt viel Zeit zu Hause verbrachten, war das noch einmal deutlicher: Um 57 Prozent auf 1,186 Milliarden ist etwa die Zahl der Zugriffe auf die Internetseite der F.A.Z. gestiegen. 

Vielen Verlagen gelingt es damit inzwischen, die wegfallenden Umsätze aus dem Printgeschäft wettzumachen. Der Umsatzeinbruch, den Deutschlands Tageszeitungen im vergangenen Jahrzehnt zu verzeichnen hatten, hat sich abgebremst: Zwischen 2011 und 2018 sank der Umsatz der Branche um etwa 1,3 Milliarden Euro oder 15 Prozent. Jahr für Jahr betrug der Rückgang bis zu 3 Prozent. Zwischen 2018 und 2019 blieb der Umsatz dann aber nahezu konstant. 

Das meiste Geld geben Zeitungen – genau wie viele andere Unternehmen – für ihre Mitarbeiter aus. An der Zahl der Redakteurinnen und Redakteure in Deutschland lässt sich deshalb sehr gut ablesen, wie gut es den Verlagen wirtschaftlich geht. In den neunziger Jahren lief das Geschäft gut, die Zeitungen waren voll mit Anzeigen und manche Ausgaben waren dick wie Pakete. Ein Grund dafür war die sogenannte Dot-Com-Blase, die den Zeitungen viele neue Anzeigen bescherte. Mit ihrem Platzen Anfang des Jahrtausends begann die Zahl der Zeitungsredakteure in Deutschland zu sinken – 4 wobei es in den vergangenen Jahren wieder einen leichten Aufwärtstrend gab.

Die Tech-Branche, die zunächst noch Kunde gewesen war, entwickelte sich zum Konkurrenten: Viele Informationen sind frei online verfügbar und das Werbegeschäft findet inzwischen mehrheitlich im Internet statt. In den neunziger Jahren wuchs die Zahl der Zeitungsredakteure noch, auch weil sich die Presse in Ostdeutschland etablierte. Im Jahr 2000 gab es in Deutschland knapp 17.000 Redakteure und Volontäre in Tages- und Wochenzeitungen. Im Jahr 2016 waren es nur noch gut 11.000, also etwa ein Drittel weniger. Tendenziell gab es auch insgesamt weniger Journalisten: 1993 wurde ihre Zahl auf 54.000 geschätzt, 2005 waren es noch 48.000 – gut 10 Prozent weniger. Allerdings sind diese Werte schwierig zu schätzen: Es gibt neben den festangestellten Redakteuren viele, die frei- oder nebenberuflich arbeiten und damit von der Statistik schwer zu erfassen sind.

Noch deutlicher war die Entwicklung in Amerika: Dort gab es im Jahr 2006 noch knapp 75.000 Zeitungsredakteure im ganzen Land. Dann wurden allein während der Finanzkrise 2008/2009 insgesamt 10 000 Redaktionsstellen abgebaut. Bis zum Jahr 2018 – also innerhalb von nur etwas mehr als einem Jahrzehnt – hat sich die Zahl der Zeitungsredakteure auf knapp 38.000 fast halbiert. 

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, was aus all diesen Redakteuren und Journalisten geworden ist und wird. Viele wechseln schlicht die Seite: Statt Journalismus machen sie dann die Pressearbeit für Unternehmen oder Verbände – die Branche wird als „Public Relations“ (PR) bezeichnet. Während die Zahl der Journalisten seit den neunziger Jahren tendenziell gesunken ist, ist die der Mitarbeiter in der Pressearbeit deutlich gestiegen. 

Grafik: Giesel / Quellen: Bentele, Deutsches PR-Museum

Nach Schätzungen des Leipziger PR-Professors Günter Bentele, der das Deutsche Online-Museum für Public Relations betreibt, gibt es in Deutschland heute mindestens dreimal so viele Menschen, die Öffentlichkeitsarbeit machen, wie vor 30 Jahren. Ende der achtziger Jahre habe ihre Zahl bei etwa 16.000 gelegen. Heute gehen seine Berufsfeldstudien davon aus, dass Presseabteilungen und PR-Agenturen mindestens 50.000 Mitarbeiter haben. Es könnten aber auch 100.000 sein, meint der Forscher. Denn auch für die PR-Branche gilt: Viele arbeiten freiberuflich und sind nicht in Verbänden organisiert. Auf weniger Journalisten kommen also mehr Beschäftigte in der PR. 

Diese Entwicklung beschränkt sich nicht nur auf Deutschland. Auch in Amerika zeigt sich: In dem Zeitraum, in dem die Hälfte der Arbeitsplätze in Zeitungsredaktionen abgebaut wurde, haben PR-Agenturen ihre Mitarbeiterzahl um 10 Prozent gesteigert.

 

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.04.2021 15:45 Uhr