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Zweitpreis-Auktionen : Von Goethe erdacht, von Ebay genutzt

  • -Aktualisiert am

Ebay nutzt ein Verfahren, das schon Goethe anwendete Bild: AP

Das Online-Auktionshaus Ebay nutzt Zweitpreis-Auktionen. Das Verfahren geht auf den Nobelpreisträger William Vickrey zurück. Der erhielt dafür 1996 den Nobelpreis. Freilich hatte jemand schon 200 Jahre früher eine ähnliche Idee, zur Versteigerung eines Manuskripts: Johann Wolfgang von Goethe.

          „Drei, zwei, eins - meins!“ Frei nach diesem Werbespruch bieten in diesen Vorweihnachtstagen Millionen Internetnutzer bei Auktionen auf der Online-Plattform Ebay mit. Wer zum ersten Mal teilnimmt, ist über die Regeln, die bei diesen Versteigerungen gelten, verblüfft: Zwar gewinnt derjenige die Auktion, der den höchsten Preis geboten hat. Insofern besteht kein Unterschied zu der bekannten „englischen“ Auktion, wie sie zum Beispiel im Kunsthandel üblich ist. Doch muss der Gewinner bei Ebay nicht den Preis zahlen, den er selbst geboten hat, sondern nur den zweithöchsten gebotenen Preis, vermehrt um den „Steigerungsbetrag“, also den Betrag, um den bei dieser Auktion jedes Gebot mindestens erhöht werden musste.

          „Pierre Omidyar, der Gründer und Entwickler von Ebay, hat dieses Versteigerungsprinzip im September 1995 eingeführt“, sagt Felix von Kunhardt, Leiter des Verkäufergeschäfts bei Ebay Deutschland. „Ihm erschien dies als der fairste Weg der Preisfindung sowohl für die Käufer als auch die Verkäufer.“ Auf den ersten Blick erscheint dies nicht einleuchtend, vielmehr scheint die „Zweitpreis-Auktion“ den Verkäufer zu benachteiligen: Schließlich wäre der Gewinner der Auktion ja bereit gewesen, mehr zu bezahlen, vielleicht sogar deutlich mehr.

          Die Zahlungsbereitschaft offenlegen

          Die entscheidende Frage ist allerdings, ob der Käufer bereit gewesen wäre, diese erhöhte Zahlungsbereitschaft bei einem anderen Auktionsverfahren auch offenzulegen. Eine genauere Analyse zeigt, dass er dies bei einer englischen Auktion in aller Regel nicht hätte tun müssen: Wäre dort sein einzig verbliebener Mitbieter zum Beispiel bei einem Preis von 100 ausgestiegen, hätte - bei einem Steigerungsbetrag von 5 - ein Gebot von 105 ausgereicht, um den Zuschlag zu erhalten. Möglicherweise wäre der Gewinner aber bereit gewesen, bis zu 120 zu bieten. Der Verkäufer wird es nie erfahren, denn das Auktionsverfahren setzte dem Gewinner keinen Anreiz, seine „wahre“ Zahlungsbereitschaft offenzulegen.

          Was den Zuschlagspreis anbelangt, laufen beide Auktionen, jedenfalls in diesem einfachen Beispiel, auf das Gleiche hinaus: Bei einer Ebay-Zweitpreis-Auktion hat der Gewinner zwar Zahlungsbereitschaft bis 120 angezeigt und damit den Zuschlag erhalten, er muss aber nur 105 bezahlen, nämlich den zweithöchsten gebotenen Preis von 100 plus den Steigerungsbetrag.

          Vollständige Informationen gibt es nicht

          Der kanadische Ökonom William Vickrey hat die unterschiedlichen Preisverhandlungs- und Auktionsverfahren in einem 1961 erschienenen Werk wissenschaftlich auf ihre Vor- und Nachteile hin untersucht. Dabei geht es nicht zuletzt darum, dass eine Grundannahme der neoklassischen Theorie - dass nämlich alle Wirtschaftssubjekte über vollständige Informationen verfügen - in der gelebten Wirklichkeit oft nicht zutreffen. Im wirklichen Leben sind Informationen vielmehr meist ungleich, asymmetrisch verteilt. Ein Beispiel dafür ist, dass die Beteiligten an einer Auktion zwar ihre eigene Zahlungsbereitschaft kennen, der Verkäufer diese aber nicht kennt.

          Seine theoretischen Überlegungen brachten Vickrey dazu, die Zweitpreis-Auktion zu entwickeln. Sie ist so konstruiert, dass sie allen Teilnehmern an der Auktion einen Anreiz bietet, dem neutralen Auktionator ihre wahre Zahlungsbereitschaft darzulegen. Denn bei einer „Vickrey-Auktion“ wird man dafür nicht „bestraft“, indem man diesen Preis auch tatsächlich zahlen muss. Auch gibt es keinen Anreiz, mehr oder weniger als die wahre Zahlungsbereitschaft anzuzeigen: Bietet man weniger, verringert dies die Chance auf den Zuschlag. Bietet man aber einen „Mondpreis“, um unbedingt zu gewinnen, läuft man das Risiko, dass der zweithöchste Preis über der eigenen wahren Zahlungsbereitschaft liegt - und man also mehr zahlen muss, als einem das Objekt der Begierde eigentlich wert ist.

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