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Zentralbanken : Baustellen in der monetären Ökonomik

Bild: Tresckow

Die Zentralbanken bewegen sich seit der Krise jenseits der Lehrbuchweisheiten. Ein Grund dafür ist, dass ihnen eine brauchbare Theorie fehlt.

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          Die Krise hat die Theorie und Praxis der Geldpolitik in Zweifel gestürzt. Mancher Konsens der Vergangenheit ist zerbrochen, aber ein neues Paradigma existiert noch nicht. Die Zeit für eine Bestandsaufnahme scheint angesichts zahlreicher neuer Arbeiten gekommen. Claudio Borio (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) sieht innerhalb des Fachs drei Übereinstimmungen und zwei Felder, in denen die Ansichten auseinandergehen. Ein weitgehender Konsens besteht heute in der Auffassung, dass niedrige und stabile Inflationsraten nicht ausreichend sind, die Stabilität des Finanzsystems und der Gesamtwirtschaft zu garantieren. Die Finanzkrise folgte auf eine Phase, die als „Große Moderation“ bekannt ist. Zudem hält man die Regulierung und Beaufsichtigung einzelner Finanzinstitute nicht mehr für ausreichend. Es bedarf auch einer genauen Betrachtung gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen, für die auch die Notenbanken heranzuziehen seien.

          Einen weitgehenden Konsens sieht Bordio drittens in der Auffassung, dass die Strategie, nach dem Zusammenbruch eines Booms in der nachfolgenden Krise die Geldpolitik den Schaden beseitigen zu lassen, zu kostspielig sein kann. Das ist ebenfalls ein klarer Bruch mit zuvor dominanten Auffassungen. Vor allem amerikanische Ökonomen vertraten die Ansicht, eine Notenbank solle einen Boom laufen lassen und erst in der anschließenden Krise eingreifen. Eingriffe der Notenbank in einen starken Boom mit dem Ziel, die Bildung spekulativer Blasen zu verhindern - diese Strategie heißt „leaning against the wind“ - galt als geradezu schädlich. Zwei der wichtigsten und ehemals sehr populären Einwände gegen die Politik des „leaning against the wind“ haben unterdessen an Schlagkraft verloren. Das ist zum einen das Argument, Notenbanken besäßen nicht das notwendige Wissen, um eine gefährliche Spekulationsblase zuverlässig zu identifizieren. Der zweite Einwand lautet, wirksam gegen Spekulationsblasen gerichtete Zinserhöhungen müssten so groß sein, dass sie das Wirtschaftswachstum nachhaltig schädigen dürften.

          „Risikonahme-Kanal“

          Entkräften lassen sich solche Einwände mit Verweis auf moderne Forschungen über den „Risikonahme-Kanal“ der Geldpolitik. Was damit gemeint ist, erläutert der Ökonom Hyun Song Shin (Princeton) am Beispiel der Zusage der amerikanischen Notenbank Fed, ihren Leitzins dauerhaft niedrig zu halten: „Das ist eine Einladung an die Geschäftsbanken, möglichst viel Geld kurzfristig zu einem niedrigen Zins zu leihen, um es in höherverzinslichen längerfristigen, aber oft auch weniger liquiden Kapitalanlagen zu investieren und auf diese Weise mehr Risiken einzugehen. Das führt zu einem paradoxen Ergebnis: Obgleich die Notenbank durch ihre Ankündigung konstanter Zinsen Sicherheit schaffen will, ermutigt sie die Banken, zusätzliche Risiken einzugehen.“ Dieses Eingehen zusätzlicher Risiken kann aus einer großzügigen Finanzierung von Kapitalmarktgeschäften resultieren, die eine Bildung von Spekulationsblasen an Vermögensmärkten unterstützen. Daraus folgt, dass eine Notenbank überhaupt nicht in der Lage sein muss, Spekulationsblasen zuverlässig zu identifizieren, solange sie zuvor die allzu großzügigen Finanzierungen der Banken erkennt. „Das wirkliche Anliegen besteht nicht darin festzustellen, ob die eine oder andere Anlage gerade überbewertet ist“, schreibt Michael Woodford (Columbia). Es geht eher darum, extreme Niveaus von Fremdverschuldung und Fristentransformation in der Finanzbranche aufzuspüren.“

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