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Zentralbanken : Baustellen in der monetären Ökonomik

Zu den Indikatoren, die solche Fehlentwicklung aufspüren, zählt Shin Geld- und Kreditmengen oder das Verhältnis von Bankkrediten und dem Volumen neuer Anleihen. „Selbst kleine Änderungen kurzfristiger Zinsen können einen signifikanten Effekt auf die Neigung von Finanzunternehmen haben, eine hohe Verschuldung einzugehen oder sich übermäßig durch kurze Laufzeiten zu verschulden.“ Unbestreitbar ist, dass zu diesem Themenkomplex weitere Forschungen notwendig sind, aber die alte These, es bedürfe sehr starker Zinsänderungen, um sich „gegen den Wind zu lehnen“, steht nicht länger unangefochten da.

Wie ein Fremdkörper

Bordio nennt allerdings auch zwei Felder, in denen noch kein Konsens besteht. Das ist zum einen die Frage, inwieweit die Geldpolitik neben ihrer Kernaufgabe der Sicherung der Preisniveaustabilität zur Sicherung der Stabilität des Finanzsystems beitragen soll. Hier fehlt es noch an einem klaren Verständnis der Aufgabenverteilung zwischen Notenbanken, Regierungen und Aufsichtsbehörden. Auch müsste diskutiert werden, inwiefern große Notenbanken die internationalen Wirkungen ihrer Politik berücksichtigen sollten. Ein Dissens existiert auch in der Frage, wie expansiv Geldpolitik nach Ausbruch einer Krise angelegt sollte. Vertretern einer extrem lockeren Geldpolitik stehen Ökonomen entgegen, die hierin die Ursachen künftiger Krisen sehen.

Die neuen Forschungen haben allesamt das Problem, dass sie auf dominierende makroökonomische Theorie stoßen, in der Geld und Finanzmärkte nahezu keine Rolle spielen. Das gegenwärtige Paradigma „enthalten nicht die Essenz dessen, was der schwedische Ökonom Knut Wicksell ,reine Kreditwirtschaften‘ genannt hat“, schreibt Bordio. „Das ist die Grundlage der gegenwärtigen Geldordnung, in der die Schaffung von Kredit und damit von Kaufkraft nur eingeschränkt wird durch die Kontrolle des kurzfristigen Zinses seitens der Notenbank.“ Zwar versuchen viele Ökonomen derzeit, die Finanzwelt stärker in ihre Modelle einzubauen. Dort wirkt die Finanzwelt aber wie ein Fremdkörper. Die Bedeutung der Wahrnehmung von Risiken für den Zyklus von Boom und Krise fehle in diesen Modellen weitgehend, beklagt Borio. „Insolvenzen, Überschuldungen und die Fehlverwendung physischen Kapitals werden nicht sinnvoll einbezogen. Und die Rolle globaler Faktoren wird schrecklich unterschätzt.“ Autoren wie Wicksell, Friedrich von Hayek oder John Maynard Keynes hatten schon vor dem Zweiten Weltkrieg erkannt (wenn auch auf unterschiedliche Weise), dass realwirtschaftliche und monetäre Analysen zusammengehören. Heute existiere kein theoretischer Rahmen, der die moderne Makroökonomik mit der monetärer Analyse verbinde, konstatiert Shin.

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